Interview

Thomas Kraft warnt vor erneuter Unruhe bei Hertha

Der Stammkeeper gehört zu den Leistungsträgern im Verein. Im Interview spricht er über die Chancen auf den Bundesliga-Klassenerhalt, seinen neuen Torwarttrainer und die Lehren aus der traumatischen Abstiegssaison.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Seine Stimme klingt immer noch erkältet. Aber nach einem fiebrigen Wochenende sind die Blutwerte von Thomas Kraft wieder in Ordnung, weshalb er im Konditionstrainingslager am Scharmützelsee mittlerweile voll dabei ist. Für die neue Saison hat der 24-Jährige bereits klare Ziele.

Berliner Morgenpost: Sie haben mit Richard Golz einen neuen Vorgesetzten bekommen, Herr Kraft. Wie hat sich das Torwarttraining geändert?

Thomas Kraft: Ich habe vorher mit Christian Fiedler gut gearbeitet. Jetzt gab es auf der Position einen Wechsel, das ist im Berufsleben manchmal so. Jetzt konzentriere ich mich auf die neue Zusammenarbeit. Mit Richard Golz sind wir Torwarte noch in der Phase des Kennenlernens. Es gibt neue Übungen. Soweit läuft alles gut.

Trainer Jos Luhukay hat zu seiner Entscheidung, den Torwarttrainer zu tauschen, gesagt, dass die Torhüter alle noch Entwicklungspotenzial haben. Bei wie viel Prozent Ihres Leistungsvermögens stehen Sie?

In Prozenten kann ich das nicht sagen. Aber in jungen Jahren, da rechne ich mich mit meinen 24 noch zu, ist noch nichts perfekt. Ob die Spieleröffnung, das Vorausschauen von Situationen, in der Konzentration – ich bin in keiner Weise komplett. Ich will mich in der kommenden Saison auf allen Ebenen verbessern.

Sie sehen sich als Erstliga-Torwart, vergangenen Saison musste sich Hertha durch die Zweite Liga kämpfen. Was haben Sie dort gelernt?

Klar, das war kein angenehmer Gang. Das Positive ist: Wir sind wieder aufgestiegen. Man muss jedoch realistisch sehen: Die Zweite Liga hat ein ordentliches Niveau, kommt aber bei weitem nicht an die Bundesliga ran. Es war gut für junge Spieler wie John Brooks, um die ersten Schritte zu machen.

Trainer Luhukay wehrt sich gegen die Einschätzung, Sie hätten eine ordentliche Saison gespielt. Er sagt, Sie hätten eine außerordentliche Leistung vollbracht, eben weil Sie so selten gefordert waren.

Bei den Bayern bin ich ja eher in dieser Spielweise groß geworden. Dort bekommt der Torwart nicht dauernd die Dinger um die Ohren. Aber als Stammtorwart war es wichtig, die Konzentration zu halten über ein gesamtes Spiel, auf diesen einen Moment, wo ich da sein muss. Das war ich dann meist auch. Was diese Fähigkeit angeht, die Stabilität in der Konzentration, habe ich von dem Jahr profitiert.

Sie waren vor zwei Jahren dabei, die Situation war die gleiche: Hertha startet als Aufsteiger. Warum gelingt es diesmal , das große Ziel, die Bundesliga zu halten, am Ende auch zu erreichen?

Ja, es war ähnlich, aber die Situation und die Stimmung sind doch immer anders. Wir haben jetzt eine gute Zweitliga-Saison gespielt, sind als Mannschaft gewachsen, haben Schritte gemacht, wissen, dass wir uns in der Bundesliga weiter entwickeln müssen. Aber ich finde, dass wir eine gute Mannschaft beisammen haben. Ich bin sehr zuversichtlich.

Die Feldspieler wissen, dass sie in der Bundesliga schneller umschalten und mehr aufpassen müssen, Fehler zu vermeiden. Was ändert sich für den Torwart?

Es ist in der Bundesliga schwieriger, vorauszuschauen, wie sich Spielsituationen entwickeln. Die gegnerischen Mittelfeldspieler spielen präzisere Pässe auf ihre Angreifer. Die Stürmer sind cleverer als in der Zweiten Liga. Alles findet auf höherem Niveau statt. Grundsätzlich wird sich ändern, dass ich als Torwart eines Aufsteigers in der Bundesliga einiges mehr zu tun bekommen werde.

Hertha will die Bundesliga halten, was ist Ihr persönliches Ziel?

Ich mache das nicht daran fest, wie viele Gegentore ich bekomme. Oder wie oft wir zu Null spielen. Ich spiele gerne zu Null und möchte das möglichst oft erleben. Aber das oberstes Ziel heißt: Wir als Mannschaft wollen erstklassig bleiben.

Sie kommen aus der Bayern-Schule. Wie verfolgen Sie die Aktualität mit dem neuen Trainer Pep Guardiola?

Dem Hype kann ja niemand entgehen. Die Bayern haben gerade das Triple gewonnen, holen jetzt den größten Trainer. Die Erwartungen sind riesig.

Wird die kommende Saison wieder eine, wo es nur um die Plätze hinter Bayern geht?

Von der Qualität her haben die Bayern das Nonplusultra beisammen. Aber man muss jetzt mal schauen, nach so vielen Titeln, wie das werden wird. Danach sehe ich Dortmund von der Qualität. Das werden die beiden beherrschenden Mannschaften der Bundesliga sein.

Stichwort Klassenerhalt: Wer sind da die Konkurrenten von Hertha?

Oh, das wird sein wie immer: Die Aufsteiger kämpfen, dann rutscht einer der Etablierten, der das gar nicht erwartet, unten rein. Ich denke, dass es sieben, acht Mannschaften betreffen wird. Und sehe eigentlich die gleichen Kandidaten wie in der vergangenen Saison da unten.

Was muss bei Hertha passieren, damit der Ausflug Bundesliga nicht zum Albtraum wird?

Wir sind Aufsteiger, da werden auch mal eine schwierige Phase kommen. Wir müssen dann weiter an uns glauben, was vor zwei Jahren am Ende nicht mehr so der Fall war. Im ganzen Verein muss die Ruhe bewahrt werden. Man muss dann die Linie weiter klar fahren, für die man sich entschieden hat. Wir sind gut genug, um die Klasse zu halten. Aber es wäre wichtig, dass es hier keine Unruhe gibt.