Zweite Liga

Warum Kevin Pezzoni Hertha BSC absagte

Der Innenverteidiger ist fit, wäre auf Anhieb spielfähig. Seine Trainingsleistungen waren ordentlich. Und doch bleibt er nicht in Berlin.

Foto: Michael Gottschalk / dapd

Kevin Pezzoni (23) war nicht dabei, als sich der 18-köpfige Kader am Donnerstag mit dem Flugzeug auf die Reise nach Düsseldorf zur Partie beim VfL Bochum machte (am heutigen Freitag, 18 Uhr, Rewirpower-Stadion).

Pezzoni wird überhaupt nicht mehr bei Hertha BSC trainieren. Der Innenverteidiger hat Trainer Jos Luhukay telefonisch mitgeteilt, dass er das Angebot des Fußball-Zweitligisten nicht annehmen werde. Somit ist die angedachte Verpflichtung nicht zustande gekommen.

Vorausgegangen war vor dem Training am Mittwoch ein Gespräch zwischen Trainer und Probespieler. Dort hatte Luhukay Pezzoni erklärt, dass es eine ursprüngliche Saisonplanung mit vier Innenverteidigern gäbe. Wenn Pezzoni wegen der Verletztenprobleme im Kader zwischen den Transferperioden geholt werde, wäre er als Back-up eingeplant. Pezzoni war nicht erfreut. Er sagte, er müsse spielen.

Der Trainer konterte, er habe einen Kader von 26 Spielern, da wollen alle spielen. Es gibt auf jeder Position Konkurrenzkampf. Wenn Pezzoni sich da durchsetze, würde er natürlich spielen.

Pezzoni war dieser Weg zu lang. Er brauche Einsatzzeiten, um seine Karriere fortsetzen zu können. Luhukay sagte, dass er keine Garantien geben könne. In Bochum wäre Pezzoni ohnehin nicht dabei. Der Coach setzt beim VfL auf die Innenverteidigung mit Fabian Lustenberger und John Brooks. Das Duo hatte am letzten Spieltag beim souveränen 3:0 gegen den TSV 1860 München überzeugt.

Am Abend sagte Pezzoni dann per Telefon Luhukay ab. Damit war die Hertha-Offerte hinfällig. Der Klub hatte dem Profi, der nach Mobbing-Attacken von Fans seinen Vertrag beim 1. FC Köln zum 31. August aufgelöst hatte, ein Angebot vorgelegt. Mit einem für Profi-Verhältnisse vergleichsweise bescheidenem Grundgehalt von (geschätzt) 10.000 Euro. Dafür wären jeder Einsatz sowie erreichte Punkte sehr gut dotiert worden.

Zweifel an der Integrität

Vom Klub gab es am Donnerstag lediglich eine kurze Pressemitteilung: „Hertha BSC wird den Ex-Kölner Kevin Pezzoni (23), der zuletzt acht Tage unter Cheftrainer Jos Luhukay mittrainierte, nicht verpflichten. Über die wirtschaftlichen Aspekte wäre eine Einigung zwar möglich gewesen, jedoch sah der Spieler für sich unter den gegebenen Umständen keine genügende sportliche Perspektive.“ Ansonsten gelte die Aufmerksamkeit der Vorbereitung dem wichtigen Punktspiel in Bochum.

Wie immer hat eine solche Entwicklung Hintergründe. So hat Pezzoni die erste Anforderung erfüllt, die Hertha an einen etwaigen Neuen gestellt: Der Innenverteidiger ist fit und wäre auf Anhieb spielfähig. Seine Leistungen im Training waren ordentlich.

Allerdings war die sportliche Leitung der Meinung, dass Pezzoni nicht besser als die eigenen Manndecker Maik Franz, Roman Hubnik, Lustenberger, Brooks und Felix Bastians sei. Trotzdem ist es erstaunlich, dass Pezzoni, der die Erfahrung von 80 Bundesliga-Einsätzen mitbringt, nicht dem Konkurrenzkampf mit Junioren-Nationalspieler Brooks (19) oder Aushilfs-Innenverteidiger Lustenberger aufgenommen hat.

Nicht sicher war man sich bei Hertha, wie teamfähig Pezzoni gewesen wäre, wenn er, mal angenommen, bis Weihnachten permanent hinter Brooks auf der Bank gesessen hätte. Insofern hat Vater Pezzoni, der der BILD die Information über die Absage weitergereicht hatte, seinem Sohn einen Bärendienst erwiesen. Denn potenzielle künftige Arbeitgeber von Pezzoni werden nicht nur auf den Spieler und dessen Qualitäten schauen, sondern auch die Integrität in dessen Umfeld.

Hertha geht mit der Nicht-Verpflichtung von Pezzoni ein gewisses Risiko ein. Grund für das Casting des Innenverteidigers war die Personalnot im Abwehrzentrum gewesen bei noch zehn ausstehenden Begegnungen bis zur Weihnachtspause. Franz fällt nach einer Schulter-Operation ebenso bis Jahresende aus wie Christoph Janker (Leisten-Probleme).

Felix Bastians hingegen ist nach seinem Teilanriss am Außenband eine Woche früher als geplant zurückkehrt, er soll kommende Woche ins Teamtraining einsteigen. Roman Hubnik ist nach wie vor nicht in Form. Der tschechische EM-Fahrer wird in Bochum wohl erneut nur auf der Bank sitzen. Trainer Luhukay sagte: „Wir hoffen, dass Roman demnächst für uns wieder eine Alternative ist.“

Verstärkung im Winter möglich

Am liebsten wäre es allen bei Hertha, wenn das Eigengewächs Brooks (19) Stabilität zeigen würde. „John hat das zuletzt sehr gut gemacht“, lobte der Trainer, „es spricht nichts gegen John Brooks. Es spricht eigentlich alles für ihn. Ich werde ihn jetzt nicht verunsichern. Es gibt keinen Grund, etwas zu ändern.“

Der gebürtige Berliner mit US-amerikanischen Wurzeln wird also am heutigen Freitag im Flutlicht-Duell der ehemaligen Bundesligisten erneut mit Lustenberger in der Abwehrzentrale stehen. Dennoch muss Hertha hoffen, bis zum Winter in der Defensive von gravierenden Verletzungen verschont zu bleiben.

Immerhin eröffnet sich nun, da der Pezzoni-Deal nicht zustande gekommen ist, die Möglichkeit in der Januar-Transferperiode auf der Innenverteidiger-Position nachzurüsten, dann aus einem größeren Angebot an Spielern.

Ob dieser Fall eintritt, hängt derzeit vor allem von Christoph Janker ab. Dessen letzter Einsatz datiert vom 15. Mai, dem Relegationsrückspiel in Düsseldorf (2:2). Sollte Janker auch zum Jahresbeginn 2013 nicht fit sein, wird Hertha nachrüsten müssen.