Hertha-Spieler

Lell, Mijatovic, Kraft und Kobiashvili drohen Sperren

Schiedsrichter Stark soll bedroht und geschlagen worden sein. Mit Herthas Einspruch gegen die Spielwertung hat das aber nichts zu tun.

Foto: Annegret Hilse

Manche Menschen glauben, dass es auf dem Schreibtisch von Michael Preetz einen großen roten Knopf gibt. Daneben ein kleines Täfelchen mit der Aufschrift „Selbstzerstörungsmodus aktivieren“. Existiert dieser Knopf, hat der Manager von Hertha BSC ihn irgendwann im vergangenen November gedrückt und kann den Countdown seither nicht mehr stoppen. Den vorläufigen Tiefpunkt erlebte Preetz am Freitag vor dem Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Dort wurden ungeheuerliche Vorwürfe gegen seine Spieler erhoben.

Guten Mutes war die Hertha-Delegation am Freitagmittag, 13.20 Uhr, in der DFB-Zentrale in Frankfurt/Main eingetroffen; die Hauptstädter hatten die Verhandlung gefordert. In der Relegationspartie zwischen Fortuna Düsseldorf und den Berlinern (2:2) war es am Dienstag in der Nachspielzeit zu einem verfrühten Platzsturm der Düsseldorfer Fans gekommen. Die Begegnung musste für rund 20 Minuten unterbrochen werden, ehe sie unter Bedingungen zu Ende gebracht wurde, welche Hertha als „irregulär“ einstuft – die eigenen Spieler hätten angesichts der Menschenmengen rund um das Spielfeld „Todesangst“ gehabt. Anwalt Christoph Schickhardt forderte ein Wiederholungsspiel oder aber, die Partie gleich für Hertha zu werten – damit hätten die abgestiegenen Berliner den Klassenverbleib doch noch geschafft. Es ist die letzte Chance eines Klubs, der sich in der abgelaufenen Saison mit zwei Trainerentlassungen, neun Platzverweisen, vier Eigentoren und zuletzt feuerwerkenden Fans nachhaltig um den Abstieg beworben hatte.

Anzeige gegen Kobiashvili

Das Urteil des Gerichts ist noch nicht gesprochen, fest steht aber schon zweierlei. Erstens steht der unterlegenen Partei der Weg durch zwei weitere Gerichte offen, in zweiter Instanz vor dem DFB-Bundesgericht, in der dritter Instanz vor dem Ständigen Schiedsgericht des DFB. Zweitens steht Hertha schon jetzt als Verlierer da.

Denn den Aussagen von Schiedsrichter Wolfgang Stark zufolge haben die Berliner selbst Angst und Schrecken verbreitet. Und zwar so sehr, dass der 42-Jährige sogar Anzeige gegen einen Herthaner erstattete. Ein im deutschen Profifußball bislang einmaliger Vorgang, den die Düsseldorfer Polizei bestätigte. Stark soll die Anzeige noch im Stadion aufgegeben haben. Bei dem Angezeigten soll es sich um Levan Kobiashvili handeln.

Hertha-Spieler vor der Schiedsrichter Kabine

Stark schilderte vor dem Sportgericht drastische Szenen, die sich während der Unterbrechung und nach Schlusspfiff in den Katakomben des Stadions zugetragen haben sollen. „Der Spieler Kobiashvili hat mit ausgestreckter Faust in meine Richtung geschlagen. Ich habe mich weggeduckt, bin dann am Hinterkopf getroffen worden. Einzig das Treppengeländer verhinderte einen Sturz, das wären fünf bis sechs Meter gewesen“, sagte der Referee aus Ergolding.

Auch andere Hertha-Spieler seien an den Tumulten beteiligt gewesen. Von Christian Lell sei er „aufs Schärfste attackiert und am Arm gepackt worden. Die Beleidigung, die gefallen ist, war: Du feiges Schwein!“ Auf dem Weg zur Schiedsrichterkabine sei der Unparteiische von weiteren Berliner Spielern abgefangen worden. Kapitän Andre Mijatovic habe ihn als „Wichser“ bezeichnet.

Stark saß im schwarzen Anzug vor dem Sportgericht, direkt neben ihm die Hertha-Verantwortlichen. Es waren verstörende Erinnerungen, von denen er mit fester Stimme erzählte. Bei vulgären Beleidigungen und Schlägen soll es nicht geblieben sein. Die Berliner hätten laut Stark auch seine Kabine stürmen wollen. „Wir mussten die Türen immer wieder zudrücken. Ich konnte Mijatovic und Kraft (Torhüter Thomas Kraft – d.R.) erkennen.

Dabei fielen weitere Beleidigungen: Stark, Du Arschloch! Ich hatte Angst und war den Tränen nah und musste mir auf die Lippen beißen. So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagte der 42 Jahre alte Schiedsrichter des Weltverbandes Fifa. Er nannte die Attacken „eine Hetzjagd“ und gab an, in diesem Moment mental äußerst angeschlagen gewesen zu sein: „So bin ich noch nicht behandelt worden.“ Markus Wingenbach, der am Dienstag als vierter Offizieller fungiert hatte, bezeugte die Aussagen des Schiedsrichters.

Berliner Profis droht verheerendes Nachspiel

Richter Hans E. Lorenz hatte zu Beginn der Verhandlung zwar angekündigt, dass die Fälle der angeklagten Spieler – Lell, Mijatovic, Kraft und Kobiashvili von Hertha sowie Andreas Lambertz von Fortuna Düsseldorf – in einem anderen Verfahren abgeurteilt werden. Starks Ausführungen zum Verhalten der Spieler seien aber auch in Bezug auf die Spielwertung wichtig, da die Fälle nicht strikt voneinander zu trennen seien.

Zudem könnten Starks Aussagen ein verheerendes Nachspiel für die betroffenen Hertha-Profis haben, egal in welcher Liga und für welchen Klub sie kommende Saison antreten. Die Verhandlungen gegen sie dürften in der kommenden Woche stattfinden. Sie müssen lange Sperren fürchten. Kobiashvili könnte nach der Anzeige sogar von einem ordentlichen Gericht belangt werden.

Ewald Lienen klagte vergeblich

Dies ist schon anderen deutschen Profis passiert, bislang aber nur auf Betreiben von Konkurrenten. So klagte Ewald Lienen 1981 nach einem Foul von Norbert Siegmann wegen Körperverletzung. Das Verfahren wurde eingestellt. Ganz abgewiesen wurde die Klage von Weltmeister Heinz Flohe, dem Gegenspieler Paul Steiner 1979 einen doppelten Schien- und Wadenbeinbruch zugefügt hatte. Begründung: Verletzungen können selbst bei Einhaltung der Spielregeln auftreten.

Manch Profi kam mit seinen Forderungen aber durch. Der berühmteste Fall ist der des Karl Allgöwer. Der Profi des VfB Stuttgart wurde 1987 vom Kölner Torwart Bodo Illgner mit einem Bodycheck niedergestreckt. Allgöwer verletzte sich, verpasste fünf Pflichtspiele und verklagte Illgner auf Zahlung von 23.105,34 Mark. Errechnet aus entgangenen Prämien, Schmerzensgeld sowie Arzt- und Fahrtkosten. In erster Instanz verlor Allgöwer, in zweiter Instanz wurde ein Vergleich geschlossen. Illgner überwies 15.000 Mark.

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