Nach Protest

DFB urteilt über Herthas letzte Chance auf die Bundesliga

Ab 13.30 Uhr verhandelt das DFB-Sportgericht über ein Wiederholungsspiel zwischen Berlin und Düsseldorf. Die Experten sind sich uneins.

Das Trainingsgelände von Hertha BSC lag am Donnerstagmorgen verwaist da. Wo bei der Rückkehr der Mannschaft aus Düsseldorf am Tag zuvor noch rege Betriebsamkeit herrschte, gab es nun tatsächlich einmal rein gar nichts zu sehen, die Spieler hatten frei. Feiertag eben.

Doch der äußere Eindruck täuschte: Hinter den Kulissen arbeiteten die Mitarbeiter auf Hochtouren, insbesondere die Rechtsabteilung des Berliner Bundesligisten war auf Trab. Es galt, den wohl ungewöhnlichsten Termin der Vereinshistorie vorzubereiten: Das DFB-Sportgericht verhandelt am heutigen Freitag ab 13.30 Uhr den Protest des Vereins gegen das skandalöse Rückspiel in der Relegation um den Klassenverbleib in der Fußball-Bundesliga (2:2), durch das Hertha vorerst abgestiegen ist.

Wie der Klub auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz bereits am Mittwoch bekannt gegeben hatte, will man ein Wiederholungsspiel erwirken. Wann, wo, unter welchen Bedingungen – all das ist noch unklar. „Für den Klub ist es eine Verpflichtung, sich darum zu bemühen, dass diese irreguläre Wertung aufgehoben wird“, sagte Manager Michael Preetz.

Schickhardt sieht Benachteiligung

Kurz vor Ende der Nachspielzeit hatten Düsseldorf-Fans das Spielfeld gestürmt, das Spiel wurde für 20 Minuten unterbrochen und nur pro forma noch einmal angepfiffen. Eine wirkliche Chance, so argumentiert der Verein in seiner Begründung für den Einspruch, war unter diesen Bedingungen nicht mehr gegeben. „Die Wiederaufnahme war irregulär. Es ging nicht mehr um einen sportlichen Wettkampf, sondern um eine weitere Eskalation zu verhindern“, erklärte Herthas Anwalt Christoph Schickhardt, und Preetz führte aus: „Ich habe den Schiedsrichter gefragt, ob er die Sicherheit unserer Spieler gewährleisten kann. Er hat gesagt: Nein. Wir wurden in dem Bemühen, ein Tor zu erzielen, nachhaltig geschwächt.“

Nun blickt ganz Fußball-Deutschland also nach Frankfurt. Es könnte einen Präzedenzfall geben. Und wie immer, wenn es zu juristischen Streitigkeiten um Spielwertungen geht, sind die Meinungen verschieden. Ungewöhnlich an Herthas aktuellem Fall ist nur, dass sich erstaunlich viele Experten mit Prognosen aus der Deckung wagen – mit vollkommen widersprüchlichen Ansichten. So erklärte Sportrechtsexperte Michael Lehner: „Das Spiel ist nicht ordnungsgemäß nach dem Prinzip der Chancengleichheit zu Ende gebracht worden. Es gab einen Bruch im Sinne der Spielentwicklung. Die Mannschaft von Hertha BSC ist durch das Verschulden Dritter einer reellen Chance beraubt worden, das Spiel noch zu gewinnen. Deswegen müsste es aus juristischer Sicht eine Spielwiederholung geben.“

Mönchengladbacher Anwalt sieht keine Gefährdung der Profis

Der Mönchengladbacher Sportanwalt Gerrit Hartung widerspricht dem in der „Westdeutschen Zeitung“: „Ich sehe wesentlich bessere Chancen für die Fortuna“, sagte er. Eine objektive Gefährdung der Profis habe nicht vorgelegen. „Es wurde ja auch offenbar niemand verletzt.“ Daher könne man davon ausgehen, dass das Spiel regulär zu Ende gegangen sei. Auch der Sportrechts-Experte Jochen Fritzweiler, Präsident der Vereinigung europäischer Sportrechtsanwälte, argumentiert so. Herthas Anwalt Schickhardt 1dagegen sieht gute Chancen: „In der DFB-Satzung steht klipp und klar, dass ein Spiel, das unter solchen Umständen passiert, nicht gewertet werden darf.“

Die entscheidende Frage wird sein, inwieweit eine Gefährdung der Profis bestand. Nicht alle haben die Ereignisse so erlebt wie Fortuna-Trainer Norbert Meier, der betonte, es habe sich nicht um Hooligans, sondern um im Überschwang zu früh feiernde Fans gehandelt. „Wichtig war doch, dass keiner auf dem Spielfeld gewaltbereit oder bedrohend war“, sagte er, und überhaupt, bei Hertha seien sie eben „schlechte Verlierer“. Düsseldorfs Geschäftsführer Paul Jäger sprach gar von „Friede, Freude, Eierkuchen. Da war keiner böse, nur Berlin war böse“.

Dino Lamberti, Berater der Hertha-Profis Raffael und Ronny, erlebte das Drama ein bisschen anders. Auf Einladung des Klubs saß er mit den Kindern seiner Schützlinge auf der Tribüne für die Familienangehörigen. Der „Berner Zeitung“ berichtete der Schweizer: „Ich hatte Raffaels dreijährigen Sohn im Arm. Ich musste mich ducken und mich schützend über den Kleinen legen. Diese Chaoten haben uns überrannt. Ich hatte erstmals in meinem Leben so richtig Angst.“

Welche Schuld tragen Herthas Fans?

Auch muss das Gericht darüber befinden, inwieweit nicht sogar die Hertha-Anhänger der Auslöser für die ganze Misere waren: In der 60. Minute hatten Chaoten rund 50 Feuerwerkskörper auf den Platz geworfen. Torwart Thomas Kraft wäre um ein Haar getroffen worden, zwischenzeitlich brannte gar eine Werbebande. Darauf zog sich die gesamte Polizei inklusive Ordnungsdienst vor dem Hertha-Block zusammen – und schenkte so den Düsseldorfer Anhängern keine Aufmerksamkeit.

Das Problem an der ganzen Geschichte ist nur: Die Entscheidung wird sich hinziehen. So oder so wird nach dem heutigen Spruch einer der Klubs Protest einlegen. Bis zu zwei Revisionen sind möglich, bevor es zu einem Urteil kommt, erst vor dem Bundesgericht, dann vor dem Schiedsgericht. Obwohl ein Gang vor ein Zivilgericht nicht zu erwarten ist: Ein Wiederholungsspiel könnte somit wohl erst in zehn Tagen steigen. Ein Horror für die Planungen für die nächste Saison. Auch die Spieler halten sich weiter fit. „Sie müssen nicht, sie dürfen weiter trainieren. Es ist doch klar, dass jetzt niemand in den Urlaub gehen will“, sagt Präsident Werner Gegenbauer. Auch Trainer Otto Rehhagel steht weiter zur Verfügung. Am heutigen Freitag wird wieder trainiert bei Hertha. Alle werden sie da sein: Spieler, Reporter, Fans. Die Saison ist dann an sich seit drei Tagen beendet. Für Hertha aber werden die Karten neu gemischt.

Mitarbeit: sip