Bundesliga

Mit der Lautern-Pleite rückt Herthas Abstieg ganz nah

Nach der Niederlage der Berliner gegen Kaiserslautern verzweifelt selbst Trainer Rehhagel: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“

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Der Stadionpastor war sich der besonderen Symbolik ganz sicher nicht bewusst, sonst hätte er seinen Standort wohl anders gewählt. Wo sonst Präsident Werner Gegenbauer oder andere Präsidiumsmitglieder die Spieler von Hertha BSC vor der Kabine in Empfang nehmen, wartete nach der Niederlage gegen Kaiserslautern niemand. Außer dem Geistlichen eben, und so sah es aus, als solle den Profis vor dem Umziehen göttlicher Beistand zuteil werden.

Die aber hatten kein Gespür für die Anwesenheit des Geistlichen, ganz im Gegenteil. Mit den für Fußballern üblichen rauen Gesten stürmten sie an den Beobachtern vorbei. Auch am Pastor, und weil die Spieler nun ihre durch Stollen erhöhten Fußball-Schuhe trugen, hatte dieser Abgang etwas Arrogantes an sich.

Dabei hätte es dem einen oder anderen Profi durchaus gutgetan, in einem persönlichen Gespräch die eigene Leistung zu reflektieren. Denn auch der Auftritt beim 1:2 gegen Absteiger Kaiserslautern offenbarte: Den meisten Hertha-Profis mangelt es vor allem am Einsatzwillen. „Wenn wir weiter so spielen, holen wir keinen einzigen Punkt mehr“, brachte es Manager Michael Preetz auf den Punkt. Nur: Derzeit vermag anscheinend niemand mehr, dieses Team zu erreichen.

Sechs Niederlagen in zehn Spielen

Auch nicht Otto Rehhagel. Der Trainer-Routinier wirkte nach der Partie abgekämpft und ratlos wie noch nie während seiner bislang zweimonatigen Amtszeit. Nach sechs Niederlagen in zehn Partien unter ihm hadert der 73-Jährige inzwischen mit seinem Schicksal. Was auch daran liegt, dass er chronisch Mangel verwaltet. Fünf Verteidiger sind verletzt, „immer muss ich die Mannschaft umstellen. Beide Innenverteidiger sind auf dieser Position nicht erste Wahl, und auf links muss ein junger Mann wie Fabian Holland spielen, in einem Spiel, wo es um sehr viel geht“, sagte Rehhagel und fügte an: „So dramatisch wie hier bei Hertha habe ich das noch nie erlebt.“

Das ist schon erstaunlich. Zum einen, weil Rehhagel seit exakt 40 Jahren im Trainergeschäft tätig ist. Zum anderen, weil es die Verzweiflung zeigt, in der mittlerweile auch der Chef des Ganzen steckt. Hatte er zu Beginn seiner Tätigkeit in Berlin mit markigen Sprüchen aufhorchen lassen („Alles hört auf mein Kommando“, „Attack, Attack, Go“), ist die Resignation inzwischen deutlich spürbar.

Der Trainer scheint zu merken, dass er sein Team nur noch bedingt erreicht. Was sich nicht nur am mangelnden Kampfeswillen zeigt, sondern auch in den vielen, teils leichtfertig kassierten Platzverweisen. Jüngstes Beispiel: Peter Niemeyer, der sich seine erste Gelbe Karte vor seiner Hinausstellung für eine Meckerei einfing. „Jetzt fehlt er im nächsten Spiel, dramatischer geht es ja nun gar nicht mehr“, sagte sein Trainer.

Tatsächlich ist es so, dass sich das Team Woche für Woche selbst schwächt. Angefangen von Raffael und seinen Unbeherrschtheiten, über seltsame Fouls wie das von Andreas Ottl in Stuttgart und einer wahren Flut an Gelb-Rot-Sperren hat es Hertha in dieser Spielzeit bereits auf acht Platzverweise gebracht. Viel zu viel für einen Klub, der ums Überleben kämpft und zudem von Verletzungssorgen geplagt wird.

Und zeigt zugleich, wie überfordert das Team mit der Defensivarbeit ist, wenn es sich eben nur mit Fouls zu helfen weiß. „Dass wir Spiele immer in Unterzahl beenden müssen, gehört auch zu den Dingen, die ich so noch nicht erlebt habe“, sagt Rehhagel. Wer, so lautet also die Frage, soll die Mannschaft jetzt aufrichten, wenn schon der Chef keine Antwort mehr parat hat?

Ohnehin darf inzwischen die Frage gestellt werden, welche Spuren Otto Rehhagel in Berlin zu hinterlassen gedenkt. Dass er mit den Verletzten und Platzverweisen zwei Probleme am Hals hat, die er nur bedingt beeinflussen kann – geschenkt. Und doch suchen die Fans nach dem Strohhalm, der ihnen Hoffnung verspricht.

Mangelnder Teamgeist

Doch wenn Rehhagel bislang für irgendetwas steht, dann dafür, es einfach mit den gleichen Mitteln weiterversucht zu haben wie seine Vorgänger. Weder bekam er den mangelnden Teamgeist in den Griff, noch zauberte er eine besondere Idee aus dem Hut. Seine Wechsel wirkten gerade zu Beginn recht konfus, aus seinen Aufstellungen sprach wenig Mut. Erst jetzt gönnt sich der Klub ein Mini-Trainingslager, und die Ankündigung lässt erahnen, dass es dort vor allem um Fußball gehen wird.

Die mentalen Probleme der Mannschaft, die mangelnde Bereitschaft, sich zusammenzureißen, all das wurde länger verkannt. Bei Hertha ist seit Monaten viel gesprochen worden, ob der bisher in Schlüsselspielen fehlende Teamspirit im Geheim-Trainingslager gefunden wird? Es scheint etwas spät, nun Leitwölfe zu finden, die nicht nur vom Anspruch her, sondern auch mit Leistung vorangehen – nicht wahr, die Herren Lell, Ottl, Ebert?

Nur einmal, als Rehhagel Fanol Perdedaj zum Bundesliga-Debüt verhalf und ihn in väterlicher Manier „Paradise“ taufte, in jenem Moment blitzte sie auf, diese Genialität, für die man ihn geholt hat. Damals, nach dem 1:0 gegen Werder Bremen sah es nach einem Zeichen aus: Jetzt hat Rehhagel die Mannschaft verstanden, und andersherum. Gegen Kaiserslautern saß „Paradise“ längst wieder auf der Bank.

Und jetzt? Kann auch Rehhagel nichts mehr tun, als Durchhalteparolen zu verbreiten. Oder beten. In der Kapelle des Olympiastadions wird der Trainer-Routinier wohl ein offenes Ohr finden.

Es sei denn, sogar der Stadionpastor hat die Nase inzwischen voll von Herthas Auftritten.

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