Schicksalsspiel

Für Hertha geht es gegen Kaiserslautern um alles

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Martin Kleinemas

Für den 1. FC steht der Abstieg fest, doch die Berliner können es noch schaffen. Wie Hertha die dringend benötigten drei Punkte holen will.

Otto Rehhagel neigt an sich nicht zu Übertreibungen oder dramatisierenden Darstellungen. Seit der 73-Jährige das Traineramt bei Hertha BSC übernommen hat, bemüht er sich im Gegenteil um einen sachlichen Ton. Stets hat er betont, dass nicht das nächste Spiel alleine entscheidet, sondern es noch ein weiter Weg bis zum Saisonfinale ist. So gesehen schwingt eine deutliche Warnung in seinen Worten mit, wenn er vor der wohl wegweisenden Partie gegen den 1. FC Kaiserslautern (15.30 Uhr, Sky live) sagt: „Jetzt geht es um Alles.“ Ein Sieg gegen die bereits so gut wie abgestiegenen Pfälzer könnte einen großen Schritt in Richtung Klassenerhalt bringen. Eine Niederlage dagegen eine Vorentscheidung, wenn Köln zeitgleich gegen Stuttgart gewinnen sollte.

Deshalb hat Rehhagel die Berliner in dieser Woche besonders in die Pflicht genommen. „Die Anhänger haben uns bisher sehr gut unterstützt“, sagte er, „Aber jetzt brauchen wir sie nötiger denn je. Die Fans müssen uns tragen, damit wir das Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern gewinnen.“ Die Vorverkaufszahlen sind immerhin in Ordnung, 46.000 Karten wurden abgesetzt, Rehhagel selbst hofft auf 60.000 Fans. Das wäre dann schon ein beachtlicher Wert für einen Kick um den Klassenerhalt, zumal in einer verwöhnten Stadt wie Berlin.

Die Fans halten zu Hertha, so viel ist sicher. Auch wenn sie sich im Vorfeld der Partie betont gelassen geben, fast schon ein wenig lethargisch. Von Wut, Angst oder flehenden Bitten kaum eine Spur. Die Stadt, so scheint es, hat sich mit der prekären Situation arrangiert. Weder Klub noch Fans planen besondere Aktionen im Stadion, und bei immerhertha.de, dem Blog von Morgenpost Online, brachte Nutzer „Ydra“ die Stimmung auf den Punkt: „Vier Jahre extrem emotionales Auf und Ab haben mich gebrochen. Früher war dieser Verein eine Leidenschaft, momentan ist es noch ein Hobby.“ Und Nutzer „Blauer Montag“ meint: „Über eine Niederlage und einen Abstieg ärgere ich mich erst, wenn dies Fakt ist. Vorher nicht.“ Richtig so. Denn es gibt genug Gründe, die auf eine Wende hoffen lassen.

Niemeyer heizt Stimmung an

Zum Beispiel die Tatsache, dass Hertha gegen keinen aktuellen Bundesligisten öfter gewonnen hat als gegen die Pfälzer. Außerdem hat der derzeitige Kader bislang viele Spiele gewonnen, wenn es um die wirklichen Big-Points unter hohem Druck ging. Das fing bereits in der zweiten Liga an: Als das Team kurz vor der Winterpause nach einer Pleitenserie in die Kritik geriet, reagierte es mit einem wichtigen 1:1 bei Mitaufsteiger Augsburg. Als es wenige Wochen später zum ersten Entscheidungsspiel im Aufstiegskampf gegen Fürth kam, zeigte sich die Mannschaft nervenstark und gewann 2:0. In dieser Spielzeit war es vor allem die Partie im DFB-Pokal vor Weihnachten gegen – genau, Kaiserslautern – in der die Berliner zeigten, wie cool sie agieren können. Hertha gewann erwartet und souverän 3:1. Erst mit der Niederlagenserie in 2012 riss diese Entwicklung, die so vollkommen den weitverbreiteten Irrglauben widerlegte, Hertha verliere entscheidende Spiele grundsätzlich. Genau das aber darf gegen Kaiserslautern nicht passieren. „Die Hütte muss brennen“, fordert deshalb Defensivmann Peter Niemeyer. Damit meint er natürlich die Stimmung auf den Rängen. Aber auch sein Team.

Kuntz stänkerte gegen Rehhagel

Und genau dafür wird Rehhagel schon sorgen. Schließlich geht es gegen den Verein, mit dem er als Trainer 1998 sensationell als Aufsteiger Deutscher Meister wurde. Darüber, sagt er, könne er nicht in wenigen Sätzen reden. Vor diesem Hintergrund aber wird er sich schon ganz genau angehört haben, was Lauterns Manager Stefan Kuntz nach seiner Verpflichtung gesagt hatte. „Ich glaube aber, dass das eine reine Medien-Verpflichtung war“, sagte er damals. Das wird ihm der 73-Jährige bestimmt nicht durchgehen lassen wollen.

Dabei ist allen klar, dass Hertha nicht einfach drauflos stürmen darf. Alle wissen, dass die Partie gegen einen feststehenden Absteiger auch sportliche Risiken birgt. Lauterns Trainer Krassimir Balakov hat das Spiel zum ersten Test für die anstehende Zweitligasaison erklärt und seinen Profis bezüglich einer nachlässigen Haltung vorsorglich den Kopf gewaschen. Er möchte, dass sich seine Profis empfehlen. Und doch: Hertha hat es selbst in der Hand. Mit der gleichen Entschlossenheit wie in den letzten 30 Minuten in Leverkusen (3:3) sollte gegen die Pfälzer ein Sieg möglich sein. „Da haben wir gesehen, wie die Mannschaft den Kampf gegen den Abstieg angenommen hat“, lobte Rehhagel. So bleibt die Hoffnung auf eine Parallele zu einem Tag im April 1997: Auch damals empfing Hertha Kaiserslautern, es war ein vorentscheidendes Spiel um den Aufstieg. Mit 75.000 Fans stellte der Klub einen bis heute gültigen Rekord für die Zweite Liga auf, gewann 2:0 – und schaffte wenig später den Aufstieg.

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