Hertha BSC

Ebert und Ben-Hatira treffen auf ihren alten Freund Dejagah

Früher kickten die drei Profis gemeinsam in Herthas Jugend. Im Spiel gegen Wolfsburg ist Dejagah nun Eberts und Ben-Hatiras Gegner.

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Das Ghetto-Flair ist ein wenig verflogen, der Bolzplatz an der Panke ist um die Mittagszeit verwaist. Eingerahmt von hohen Gitterzäunen liegt er still da, jener berühmte Käfig, in dem einst alles seinen Anfang nahm. Kickende Jugendliche sucht man hier jetzt vergebens, dafür haben sich Vögel und Hunde niedergelassen. Sie dösen in der warmen Mittagssonne, warum auch nicht, es ist ohnehin niemand da, der sie stört. „Wenn wir heute Fußball spielen gehen, dann machen wir das meist auf dem schuleigenen Bolzplatz“, erzählt Ali, 17 Jahre alt und Abiturient am benachbarten Oberstufenzentrum. Nahezu jede Schule in der Umgebung hat heute einen privaten Platz. Weddings Käfige, in denen sich früher die fußballverrückten Kids zu jeder Zeit und bei jedem Wetter trafen, sind neben Konsolen- und Onlinespielen nur noch die dritte Wahl bei den Jugendlichen. „Ashkan, Änis und Ebi hatten ja auch noch keine Playstation oder Smartphones“, sagt Alis Mitschüler Marco, „Die mussten ja bolzen gehen.“

Ashkan. Änis. Ebi. Es ist schon so lange her, und doch sind sie hier irgendwie Vorbilder geblieben, die heutigen Fußballprofis Ashkan Dejagah und Änis Ben-Hatira. Sie gehörten mit Patrick „Ebi“ Ebert und den Boateng-Brüdern Kevin und Jerome der wohl besten Hertha Jugend aller Zeiten an. Gemeinsam gewannen sie 2003 in beeindruckender Manier die deutsche B-Jugend Meisterschaft.

Neun Jahre später treffen die drei am Sonnabend wieder zusammen, wenn Hertha BSC im Olympiastadion gegen den VfL Wolfsburg antritt (18.30 Uhr). Ben-Hatira und Ebert stehen auf Seiten der Berliner. Dejagah spielt inzwischen für den Werksklub, mit dem er 2009 sogar Deutscher Meister wurde. Ebert und Ben-Hatira dagegen kämpfen um den Anschluss. Was gemeinsam im Wedding begann, hat sich längst auseinander gelebt. Aus dem Trio, das muss man so deutlich sagen, hat sich nur Dejagah behauptet. Obwohl er genau wie seine Mitstreiter mit Schlagzeilen abseits des Platzes zu kämpfen hatte.

Den Anschluss verschlafen

Wie auch Patrick Ebert. Als ewiges Hertha-Talent gefeiert, leistete er sich einige Ausfälle abseits des Platzes, kam um einen Prozess nur gerade so herum. Regelmäßig gibt es Geschichten über ihn, die mit „Ebert ist erwachsen geworden“ oder ähnlichem überschrieben sind. Man möchte es so gern glauben. Ebert ist 25 Jahre alt, den Absprung zu einem großen Klub hat er bislang nicht geschafft. Änis Ben-Hatira brachte es auf traurigem Wege auf die Titelseiten des Boulevards, als kurz nach seinem Wechsel vom Hamburger SV zurück in die Hauptstadt seine Schwester in Neukölln brutal überfallen wurde. Seither ist der Deutsch-Tunesier sichtlich gehemmt. Auf seinen sportlichen Durchbruch wartet Hertha nun seit Monaten, wie schon zuvor der HSV. Dort konnte er sich auch nicht durchsetzen. Immerhin: Passend zum Spiel gegen den alten Freund hat er sich mit einem Tor zurückgemeldet.

Dejagah seinerseits hatte einige Scherereien, als er eine Partie mit der Nationalmannschaft des Iran gegen Israel absagte – was ihm prompt den Vorwurf des Antisemitismus einbrachte. Sportlich ist der heute 25-Jährige über jeden Zweifel erhaben, in Wolfsburg spielt er in der Form seines Lebens. Als ihn Trainer Felix Magath jüngst auswechselte, pfiffen die Fans – aus Protest. Auf seinem Arm trägt „Asche“ noch immer sein Berlin-Tattoo, die Lage in der Hauptstadt tut ihm weh. „Ich habe immer ein Auge darauf, was dort passiert. Ich drücke Hertha die Daumen.“

Drei Kumpels, ähnliches Talent, aber komplett andere Schicksale. Horst Hrubesch, der die drei in der U21-Nationalmannschaft 2009 zum EM-Titel führte, erinnert sich an das Trio. „Alle drei waren als Nachwuchsspieler überragend. Aber der eine begreift eben schneller als der andere, dass es nur mit Talent nicht geht“, sagt er, „Patrick Ebert hat den Anschluss damals verschlafen.“ Auch Dejagah warf man oft vor, sich auf seinem Talent auszuruhen, „auch er musste lernen zu arbeiten“, sagt Hrubesch. Das hat er als erster begriffen. Dabei, so erinnert sich ihr damaliger Jugendtrainer Dirk Kunert gern, „besaßen die Jungs eine individuelle Klasse, die sonst keiner hatte.“

Diese Gemeinsamkeit ist bis heute geblieben, genau wie die Freundschaft. Als Ben-Hatira im Sommer zurückkehrte, schickte er eine SMS an Dejagah nach Wolfsburg: „Wann kommst du?“ Wahrscheinlich nie mehr, und so ist es fast schon tragisch, wenn Ben-Hatira sehnsüchtig berichtet: „Es ist selten, dass so viele aus einer Clique Profi werden. Ich habe einen Traum: Mit den Jungs aus der Jugend als Profi zusammen zu spielen: Salihovic, Dejagah, Ede, Kevin und Jerome.“ Dejagah wird kaum den Rückschritt in Richtung Berlin wagen, nach den Boatengs und Salihovic ist er der nächste, der sich mausert. Im Juni wird er Vater, „meine kleine Familie beflügelt mich“, sagt er, „so langsam werde ich erwachsen – es wird ja auch Zeit.“ Hrubesch meint mit Blick auf Ben-Hatira und Ebert: „Auch Ashkan hat Zeit gebraucht, um sich durchzusetzen.“ Es klingt wie ein Mutmacher.

An der Panke, wo man noch immer ehrfurchtsvoll über die goldene Generation spricht, ist die Hoffnung noch nicht gestorben, dass es am Sonnabend andersherum laufen könnte. Dass Ebert und Ben-Hatira zumindest für einen Tag über Dejagah und den Rest der ganzen Geschichte hinauswachsen. „Ebi gewinnt immer gegen Ashkan“, sagt Marco, der Schüler. Auf der Playstation, versteht sich.

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