Rehhagels erster Auftritt

"König Otto" will Fußball rund um die Uhr

Eine Comeback mit Verve: Bei seiner ersten Pressekonferenz als neuer Hertha-Trainer kündigt Otto Rehhagel "harte Arbeit" an und fordert von seinen Spielern Zusammenhalt ohne Egoismen. Trotz der ernsten Worte: Seinen Humor hat "König Otto" nicht verloren.

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Seiner Klavierlehrerin hat Otto Rehhagel die schlechte Nachricht noch gar nicht überbracht. Der prominenteste Schüler der werten Dame ist mal weg, von jetzt an bis Mai hat er weder Zeit noch Muse für Unterrichtsstunden. Noch einmal ist der 73 Jahre alte Fußballlehrer aufs Feld gerufen worden, seiner alten Liebe Hertha BSC hat er einfach nicht absagen können. Am Sonntag ab 13.09 Uhr nahm „König Otto“ Rehhagel zum ersten Mal auf dem für den Trainer vorgesehenen Stuhl im Medienraum des Berliner Bundesligisten Platz.

Er hat die Geschichte von seiner Klavierlehrerin erzählt, auch von Jürgen Flimm, dem Intendanten der Staatsoper Unter den Linden. Dieser gute Freund von ihm habe schon angerufen: „‚Dann sehen wir uns vielleicht öfter', hat er gesagt“, erzählte Rehhagel. Und, dass der Freund wohl einem Irrtum unterliege. Für Amüsement am Abend ist er nicht zu haben: „Ich bin hier auf der Geschäftsstelle oder auf dem Fußballplatz, dann fahre ich in mein Hotel und vielleicht gehe ich mal ins Café – das sind die vier Dinge, die ich machen werde.“ Für die kommenden drei Monate habe für ihn wie für alle anderen Angestellten von Hertha zu gelten: „Es sind noch zwölf Spiele zu spielen, wir müssen Tag und Nacht nur an Fußball, an die nächste Aufgabe denken. Alles andere gehört an die Seite gestellt, um das Ziel Klassenerhalt zu erreichen.“ Auf dem Weg dorthin ist der Aufsteiger nach passabler Hinrunde (20 Punkte) nun „in eine schwierige Situation geraten“.

Rehhagel hat das am Sonntag gesagt, und Michael Preetz sogar zweimal. Nach dem 0:1 gegen Meister Borussia Dortmund hat Hertha in der Bundesliga elf Spiele in Folge nicht gewonnen. Preetz, der Geschäftsführer Sport des Hauptstadtklubs, ist in dieser Not auf die Idee gekommen, sich an Rehhagel zu wenden. Präsident Werner Gegenbauer hat ihn nach Essen begleitet. Das nach Beratungen mit seiner Frau Beate und Sohn Jens zügig ausgesprochene Ja-Wort ihres auserkorenen Retters „hat uns sehr, sehr gefreut“, sagte Preetz. Weil da mit Rehhagel nun einer ist, der von sich selbst sagt, dass er über „unglaubliche Erfahrung“ verfüge, die er fortan einzubringen gedenke. Aber abseits dieser nicht ganz unwesentlichen sportlichen Komponente wohl auch, weil Preetz und Gegenbauer für den Moment wieder aus dem Fokus rücken.

Nach turbulenten Monaten mit Babbel-Hickhack und dem Heuern und Feuern von Skibbe in Rekordzeit wird das öffentliche Interesse sich zunächst auf Rehhagel richten. Der hat zu dem, was bei Hertha zuletzt los war, eine dezidierte Meinung: Die „Personalproblematik“, wie er es nannte, „wirkt sich auch auf die Spieler aus. Sie unterhalten sich über die Dinge, die passieren und veröffentlicht werden. Das sind unnötige Gesprächsstoffe, und solche unnötigen Kriegsschauplätze müssen außen vor.“ Er selbst rede nur über Fußball, Klatsch und Tratsch sind ihm ein Gräuel. „Da kommt nichts bei raus“, sagt der Sohn eines Bergmannes.

Am Flughafen Tegel war er von einem halben Dutzend Fotografen und fünf Kamerateams empfangen worden, die am von zwei Sicherheitskräften bewachten Gateausgang um die beste Position rangelten. Rehhagel schien die Aufmerksamkeit zu genießen, die im proppevollen Medienraum auf dem Vereinsgelände ihre Fortsetzung fand. Ruhestand sei ohnehin nichts für ihn, erklärte er: „Solange ich lebe, will ich Spannung haben.“ Fit sei er und gesund. Die Bundesliga kenne er sowieso bestens, weil es von seinem Wohnort Essen ja nicht weit ist nach Dortmund oder Gelsenkirchen. Und Hertha hatte freundlicherweise sogar bei ihm in der Stadt vorbeigeschaut; die Zweitrundenpartie im DFB-Pokal hatte Rehhagel live im Stadion an der Hafenstraße verfolgt.

Jetzt wird Rehhagel die Spieler noch ein bisschen besser kennenlernen. Gegen Levan Kobiashvili etwa, zufällig der Nestor unter Herthas Feldspielern, „habe ich schon gespielt“.

Am ersten Tag in Hertha-Diensten erwähnte Rehhagel sonst nur die Namen Lasogga, Hubnik und Raffael – was kaum zufällig erfolgt sein dürfte, denn welche Zeiten der ein oder anderen Ich-AG in kurzen Hosen bevorstehen, brachte Rehhagel ebenfalls zum Ausdruck: „Wir können es nur gemeinsam schaffen, alle müssen über sich hinauswachsen, jeder muss sein Ego in den Hintergrund stellen.“

Einer für alle – auch bei den Trainern soll nach diesem Prinzip verfahren werden. „Der beste Weg“ sei es, sagte Rehhagel, dass Rene Tretschok (43) und Ante Covic (36), die Interimsbesetzung aus der engagierten, aber glücklosen Partie gegen Meister Dortmund, bis Saisonende zu seinen festen Assistenten werden. „Die jungen Kollegen können was von mir lernen, ich kann was von ihnen lernen – das ist doch schön“, findet Rehhagel, der sich in diesem Trio als der Spiritus rector ansieht: „Ich mache nicht die Arbeit, das müssen die Jungs machen, da freuen die sich auch drauf. Aber ich werde bei jedem Training dabei sein und auch eingreifen, das ist doch klar.“

Ebenso klar ist, dass Rehhagel an ein Gelingen seiner Mission Klassenerhalt glaubt. Er kennt sich schließlich aus mit Drucksituationen. 1981, zu Beginn „meiner großen Zeit bei Werder“, habe er dem Klub im Aufstiegsrennen der Zweiten Liga Nord inklusive eines 2:1 in Berlin neun von zwölf ausstehenden Spielen gewonnen. Eine ähnliche Bilanz erträumt Rehhagel sich über 30 Jahre später erneut.

„Wir wollen es schaffen“, sagt er und meint Platz 15 oder besser. Und andernfalls? „Dann hat es eben nicht gereicht, ganz einfach. Aber daran glauben wir nicht. Noch“ sagt Rehhagel, der mit seinem Team Sonnabend Beim Tabellenvorletzten FC Augsburg zu Gast ist, „sind ja drei hinter uns.“

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