Andreas Ottl

"Nur gemeinsam kommen wir da raus"

Gegen Borussia Dortmund muss Andreas Ottl auf der Bank sitzen. Mit Morgenpost Online sprach er über Teamgeist und Trainersuche, den Zorn der Fans und die Mission Klassenerhalt.

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Ausgerechnet in Herthas 1000. Bundesligaspiel gegen den Deutschen Meister Borussia Dortmund muss Herthas Defensivmann Andreas Ottl zuschauen. Und nicht nur das, wegen seiner Roten Karte aus dem Spiel gegen Stuttgart wird er den Berliner noch zwei weitere Spiele fehlen. Morgenpost-Redakteur Daniel Stolpe sprach mit Ottl.

Morgenpost Online: Herr Ottl, drei Spiele Sperre – ein Urteil, mit dem Sie einverstanden sind?

Andreas Ottl: Das Vergehen wurde als grobes Foulspiel bewertet, da sind drei Spiele Sperre das Minimum. Insofern habe ich das geringstmögliche Strafmaß bekommen.

Morgenpost Online: Es gibt Stimmen, unter anderem von Franz Beckenbauer, die den Vorwurf erheben, das Team habe gegen Trainer Michael Skibbe gespielt und so dessen Entlassung betrieben. Ablesbar sei das unter anderem an Ihrem billigend in Kauf genommenen Platzverweis.

Andreas Ottl: Ein sehr harter Vorwurf! Niemals würde ein Spieler mit Absicht schlecht spielen, niemals mit Absicht Rot sehen wollen, niemals mit Absicht fünf Tore schlucken, sich abschlachten und blamieren lassen. Ich kann diese Vorwürfe also nur weit von mir und vom ganzen Team weisen. Wer mich und die Mannschaft kennt: Das ist nicht mein, das ist nicht unser Charakter. Richtig ist, dass wir als Mannschaft versagt haben. Mein Platzverweis war Affekt und ein Ergebnis von Frust, dass wir wieder einem Rückstand hinterherlaufen.

Morgenpost Online: Sie verpassen drei für Hertha wichtige Spiele – und auch den Einstand des noch zu findenden Trainers.

Andreas Ottl: Das ist bitter für mich, aber nun leider nicht mehr zu ändern. Ich werde zusehen, dass ich die Zeit nutze, um für die letzten zehn Saisonspiele optimal vorbereitet zu sein. Und um den Kopf auch wieder frei zu kriegen…

Morgenpost Online: …vom Chaos, das den Verein nun seit Monaten begleitet. Zwei Trainerentlassungen, Abstiegskampf und permanente Unruhe – haben Sie sich Ihr erstes Jahr bei Hertha so vorgestellt?

Andreas Ottl: Im ersten Halbjahr der Saison haben wir wirklich gut gearbeitet, mit 20 Punkten in der Bundesliga und dem Pokal-Viertelfinale Grundsteine für den Klassenerhalt und eine erfolgreiche Saison gelegt. Dann war die Situation so, dass Markus Babbel entlassen worden ist, und wir alle es uns mit Michael Skibbe anders vorgestellt haben.

Morgenpost Online: Dass das Team und der neue Trainer nicht harmonierten und sogar binnen kürzester Zeit das Klima vergiftet war, ist ein offenes Geheimnis. Was genau hat mit Skibbe nicht funktioniert?

Andreas Ottl: Es ist nicht meine Aufgabe, das zu analysieren, das ist Aufgabe des Managements. Für mich ist nur wichtig, wie wir aus unserer gegenwärtigen Situation wieder herausfinden und wie wir wieder Spiele gewinnen.

Morgenpost Online: Was also muss der neue Trainer vordringlich tun?

Andreas Ottl: Die defensive Ordnung muss wieder hergestellt werden. Wenn die Abstände zwischen den einzelnen Spielern so groß sind wie zuletzt, machen wir es dem Gegner zu einfach; dann kassieren wir eben vier Tore in einer Halbzeit. Es muss wieder an einem Strang gezogen und über 90 Minuten konzentriert gearbeitet werden. In Dortmund und im Hinspiel gegen Stuttgart haben wir das hervorragend umgesetzt – und beide Male verdient gewonnen.

Morgenpost Online: Inzwischen hat Hertha zehn Spiele in Folge nicht mehr gewonnen. Ist es Zufall, dass die Sieglos-Serie just da ihren Anfang nahm, als das Theater um Babbels Vertragsverlängerung öffentlich Fahrt aufnahm?

Andreas Ottl: Schwer zu sagen. Ich glaube, dass es nur wichtig ist, dass wir wieder einen Plan haben und den auch verfolgen. Dass wir die Qualität dazu haben, haben wir bewiesen.

Morgenpost Online: Geschlossenheit wiederherstellen, Teamgeist stärken – was können die Spieler dazu leisten? Muss die Mannschaft, ganz platt gesagt, mal einen Abend in die Kneipe und den ganzen Frust wegspülen?

Andreas Ottl: (lacht) Schöne Idee! Wir müssen die negativen Erlebnisse der vergangenen Wochen aus den Köpfen kriegen. Dafür ist jeder Einzelne selbst verantwortlich. Jeder Einzelne muss sich einbringen, und wer das nicht tut, dem müssen die anderen die gemeinsame Richtung aufzeigen.

Morgenpost Online: Wie ist die Stimmung intern momentan?

Andreas Ottl: Sonntag war sie verständlicherweise nicht gut. Du gehst mit fünf Gegentoren im Gepäck zum Auslaufen und dann siehst du, dass 200 unzufriedene Fans warten…

Morgenpost Online: Hatten Sie in dem Moment Angst?

Andreas Ottl: Nein. Ich war letztlich sogar erstaunt, wie positiv die Zusammenkunft ablief.

Morgenpost Online: Sie standen dabei besonders im Fokus, sollten erklären, wie es zu Ihrer Roten Karte hatte kommen können.

Andreas Ottl: Aber man hat sich in einem ganz normalen Rahmen unterhalten. Die Fans wollten unsere Sicht der Dinge hören, wir ihre. Es war ein guter Austausch, auch nachher in kleiner Runde auf der Geschäftsstelle.

Morgenpost Online: Mit welcher Beschlusslage ist man auseinander gegangen – Stichwort: Unterstützung im Heimspiel am Sonnabend gegen Dortmund?

Andreas Ottl: Der Konsens war, dass wir da unten raus kommen, aber dass wir es nur gemeinsam schaffen werden. Wir haben versprochen, dass wir 90 Minuten unser Bestes geben werden. Die Fans sagten, sie könnten nicht garantieren, dass es nicht vereinzelt zu Pfiffen kommt – aber dass die Ostkurve hinter uns stehen wird.

Morgenpost Online: Hand aufs Herz, Herr Ottl: Wie und auf welchem Tabellenplatz endet die Saison für Hertha?

Andreas Ottl: Auf Tabellenplatz 15 – mindestens! Und dann werden wir mit den Fans den Klassenerhalt feiern.

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