Interimstrainer

Herthas neues Duo trainiert mit leisen Tönen

Identifikation statt Emotionen: René Tretschok und Ante Covic setzen in der Vorbereitung auf das Spiel gegen Dortmund auf ein neues Wir-Gefühl und viel Kommunikation.

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Gegen 12.15 Uhr hatte Rene Tretschok den für ihn wohl unangenehmsten Teil seiner neuen Aufgabe hinter sich gebracht. Geduldig hatte er sich auf einer spontanen Pressekonferenz den Fragen gestellt und höflich geantwortet. Und doch wurde mit jedem Wort deutlich: Dieser Mann gehört an sich nicht ins Licht der Scheinwerfer; er mag das einfach nicht. Tretschok gehört auf den Fußballplatz.

Selbstdarstellung ist nicht die Sache des Interimstrainers von Hertha BSC, der den Berliner Bundesligisten nach der Entlassung von Michael Skibbe auf das Spiel gegen Borussia Dortmund am Sonnabend (15.30 Uhr, Olympiastadion) vorbereiten soll. Tretschok spricht von „Wir“, wo andere ein „Ich“ benutzen würden, er stellt heraus, wie machtlos er ohne den Rest des Trainerstabes wäre. „Es geht hier nicht um uns“, sagt er, „es ist mir egal, ob ich die Jugend oder die Männer trainiere, solange wir Erfolg für den Klub haben.“

So begann sie also, Tretschoks Woche bei den Profis von Hertha BSC. Binnen acht Wochen ist es das zweite Mal, dass sich Hertha interimistisch – Tretschok wird von U15-Coach Ante Covic unterstützt – auf ein wichtiges Spiel vorbereitet. Doch anders als Rainer Widmayer, der das Team kurz vor Weihnachten zum Pokalerfolg über Kaiserslautern geführt hatte, setzen Tretschok und Covic auf die ruhigen Töne. Hatte Widmayer eine lustig-launige Pressekonferenz abgehalten, agierte das neue Duo weitaus ernsthafter. Identifikation statt lauter Emotion, das scheint ihre Marschroute zu sein. Kein Wunder, sind sie doch beide seit mehr als einem Jahrzehnt im Verein tätig. Ihre Botschaft: Was wir tun, kommt von Herzen.

Gemeinsam hatten sie die erste Einheit des Tages geleitet. Tretschok und Covic betraten den Platz als Erste. Und verließen ihn als Letzte. Dazwischen lagen 80 Minuten, in denen der Wunsch spürbar war, eine sichtlich geknickte Mannschaft wieder aufzubauen. Es gab viel Lob, die Trainer gingen umher und klopften den Spielern auf die Schultern. Dreimal holte Tretschok „die Jungs“, wie er seine Profis nennt, zu einem Gesprächskreis zusammen. Das Training beendete er mit einem Applaus für die Seinen, denen er – zumindest den Älteren – offen lässt, ob sie ihn duzen oder siezen wollen. „Ich will keine Barrieren aufbauen. Wir werden viel Kommunikation betreiben“, kündigte er an. Wenn möglich, werde er mit jedem Spieler ein Gespräch führen: „Meine Frau hat mir extra freigegeben. Ich könnte hier auch übernachten.“ Es ist Tretschoks einziger Scherz an diesem Tag. Lieber benutzt er Worte wie „Konzentration“ oder „Fokussierung“. Wohl auch deshalb passt Covic so gut zu ihm. Er ist, wie er selber sagt, „eher der lockere Typ, Rene ist die Respektperson.“ Die beiden ergänzen sich gut in ihren Rollen, auch wenn sie „die gleiche Philosophie von Fußball haben“, wie Covic betont.

Keine Ambitionen im Profibereich

Natürlich wissen beide um die Schwierigkeit ihrer Mission. Zwei Trainerentlassungen in zwei Monaten, zweimal Ungewissheit über die Nachfolge, das geht an keiner Mannschaft spurlos vorbei. Aber, so betont Tretschok, „die Mannschaft trainiert leidenschaftlich, sie hat erkannt, dass wir volles Engagement brauchen.“ Viel verändern will er nicht. Eher setzt er auf Stärken, die vorhanden sind, zuletzt aber verborgen blieben. „Wir verlangen nichts, was die Jungs nicht können“, sagt er. „Wir wollen nur abrufen, was die Mannschaft schon oft gezeigt hat.“ Bessere Leistungen als zuletzt eben.

Dafür setzt er voll und ganz auf den Faktor Motivation. In seiner Antrittsrede vor dem Training habe er der Mannschaft gesagt, dass Covic und er bereits Gänsehaut hätten – in Erwartung der wohl 74.200 Zuschauer im dann ausverkauften Stadion. Er spricht von Köpfen, die wieder hochgenommen werden müssen, und von der Ehre, dieses besondere Spiel gegen den Deutschen Meister – Herthas 1000. Bundesliga-Partie noch dazu – bestreiten zu dürfen. „Wir wollen dieses Spiel positiv gestalten“, sagt Tretschok, der mit Dortmund 1997 die Champions League gewann.

Natürlich gehen Tretschok und Covic ihre Aufgabe auch deshalb so entspannt an, weil beide danach zu ihren Nachwuchsmannschaften zurückkehren werden. Das Spiel gegen Dortmund, so machen es beide deutlich, wird keine Falltür in den Männerbereich sein. Zumal Hertha längst auf der Suche nach einem neuen Chefcoach ist. Tretschok darf die Profis vorerst ohnehin nur mit einer Ausnahmegenehmigung betreuen, er will seine Lizenz zum Fußball-Lehrer im kommenden Jahr ablegen – wenn es die Arbeit bei der U19 erlaubt.

Die hat ihn, so scheint es, auch im Umgang mit den Spielern sensibel gemacht. Als erste Amtshandlung, so berichtet es Tretschok, habe er am Morgen Christoph Janker zum Geburtstag gratuliert. „Ich finde es ganz wichtig, über so etwas informiert zu sein“, sagt er. Wohl wahr, zumal nicht jeder Hertha-Trainer der jüngeren Vergangenheit so viel Fingerspitzengefühl besaß. Da wurde, ohne Gratulation, schon mal ein Spieler an seinem Geburtstag aus der Startelf gestrichen. Dabei macht doch so häufig der Ton die Musik. Vor allem dann, wenn er wie bei Tretschok und Covic ein wenig leiser daher kommt.

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