Bundesliga

Fans üben harsche Kritik an Hertha BSC

Eine ratlose Hertha kämpft gegen Auflösungserscheinungen. Nach fünf Pleiten und einem 0:5-Debakel in Stuttgart hat der Hauptstadtklub den Irrtum Michael Skibbe beendet. Am Sonntag stürmten rund 200 Fans überwiegend aus der Ultra-Szene das Vereinsgelände und zwangen die geschockten Profis zu einer Aussprache.

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Sie kamen in Scharen, und sie duldeten keinen Widerspruch. Am U-Bahnhof Olympiastadion hatten sich rund 200 Hertha-Fans versammelt. Schon lange, bevor ihre Mannschaft gegen 10 Uhr mit dem Auslaufen beginnen wollte, hatten sich die Ersten in der Halle getroffen. Die meisten trugen schwarze Jacken, dazu blaue Mützen oder Schals. In einer schweigenden Prozession zog der Tross dann vom Bahnhof über die Rominter Allee und die Hans-Braun-Straße auf die geschlossene Schranke vor dem Trainingsgelände zu. Um diese Uhrzeit gewährt der Klub für gewöhnlich nur Mitarbeitern Einlass. Die Schranke blieb geschlossen, doch die Fans ließen sich nicht aufhalten. Sie bahnten sich ihren Weg zwischen dem Balken und Sicherheitskräften hindurch. Friedlich, aber Furcht einflößend.

Auf der anderen Seite des Geländes setzten die Hertha-Profis gerade zum Auslaufen an. Die Fans hefteten sich an ihre Fersen, folgten den Spielern, denen sie sonst zujubeln, bis zum Amateurstadion. Dann drehten sie um, warteten vor dem Eingang zur Kabine. Noch immer schwiegen sie. Ihr Ansinnen: Eine Aussprache mit der Mannschaft, eine Situation, wie sie Hertha in der langen Vereinshistorie so noch nicht erlebt und mit der auch niemand gerechnet hatte.

Warum auch? Schließlich galt das Verhältnis der Fans zur Mannschaft als intakt. Gemeinsam hatte man im vergangenen Jahr den Aufstieg gefeiert, in dem sicheren Gefühl, Seit an Seit durch die ungeliebte Zweite Liga gegangen zu sein. Der Klub präsentierte sich inzwischen deutlich bodenständiger als in den Jahrzehnten zuvor, Aktionen wie „Hertha hautnah“ hatten die Bindung des Vereins an die Kieze gestärkt. Vergessen war der schwarze Tag im März 2010, als etwa 100 Chaoten nach dem verlorenen Nürnberg-Spiel (1:2) den Innenraum des Olympiastadions gestürmt und heftig randaliert hatten. Die Mannschaft war damals panisch in die Kabine geflüchtet.

Wortgefecht an der Glastür

Von solchen Szenen war die Demonstration der Fans am Sonntag zwar noch weit entfernt. Doch als die Spieler von ihrer Laufrunde zurückkehrten, geriet die Situation teilweise außer Kontrolle. Die Fans umringten die Profis, allen voran Kapitän André Mijatovic, der mit sichtlich angespanntem Gesicht signalisierte: Ja, lasst uns reden, im Haus nebenan. Der Kroate führte den Tross und seine Mitspieler Peter Niemeyer, Raffel, Ronny, Änis Ben-Hatira, Christoph Janker und John Brooks zum Haus des Sports. Dort aber waren die Türen verschlossen, sodass die Profis buchstäblich mit dem Rücken zur Wand standen. Jetzt zeigte sich, dass viele friedfertigen Fans gekommen waren – aber eben auch einige die auf Krawall aus waren. Am deutlichsten bekam dies Änis Ben-Hatira zu spüren. In einem Wortgefecht brüllte ein Chaot: „Verpiss dich doch wieder nach Hamburg. Wir gehen länger zu Hertha, als du je für diesen Verein spielen wirst.“ Ein Spieler antwortete: „Du bist doch der Vorsänger aus der Ostkurve, du Eierkopf“ – dann wurde jemand hörbar gegen eine Glastür geschubst, gefolgt von einer aufgebrachten Intervention: „Seid ihr verrückt geworden? Das ist euer eigener Mann!“ Am Fuße der Eingangstreppe beschimpften und bedrohten einige Anhänger unterdessen eine Schar von Journalisten. Unter Androhung von Prügel wurde ihnen nahegelegt, das Weite zu suchen.

Riss zwischen den Parteien

Hertha und die Probleme mit einem Teil der eigenen Fans, so ganz scheint diese Sache noch immer nicht aus der Welt zu sein. Aufstiegs-Glück hin oder her. Vielmehr deutet sich schon seit einigen Wochen ein dünner Riss zwischen den beiden Parteien an. Genauer gesagt seit der Niederlage in Nürnberg zu Beginn der Rückrunde. Da hatte der Fanblock die Spieler nach Abpfiff zu mehr Kampfgeist aufgefordert. Patrick Ebert soll daraufhin dem Kurven-Vorsänger ein beherztes „Was denkt ihr denn wer ihr seid? Du Opfer!“, entgegengebrüllt haben – garniert mit noch drastischeren Worten. Der Fanklub „Harlekins“ hatte daraufhin angekündigt, Ebert künftig die Unterstützung zu versagen – bis sich dieser im Internet entschuldigte.

Immerhin: Als die Türen am Sonntag nach einer guten halben Stunde endlich aufgingen und der Tross in den Adlersaal zog, ging es friedlich zu. Nach einer Viertelstunde stießen noch Levan Kobiashvili, Andreas Ottl, Roman Hubnik, Thomas Kraft, Maikel Aerts, Ebert, Alfredo Morales und Pierre-Michel Lasogga in die Runde, alle in zivil. Die Unterredung mit den Fans dauerte etwa eine halbe Stunde, das Wort führten vor allem Mijatovic und Niemeyer. Klubsprecher Peter Bohmbach berichtete von „gesitteten Gesprächen mit dem Wunsch, wieder auf Kurs zu kommen.“

Ein Augenzeuge jedoch sprach von einer hitzigen und angespannten Atmosphäre. Einige Fans hätten daran gehindert werden müssen, ihrem Frust freien Lauf zu lassen. Dass es gelang, ist wohl auch ein Verdienst der Mannschaft, die sich viel Zeit nahm. Einige Führungsspieler wie auch Preetz selbst empfingen später noch eine Delegation der Demo. „Die Fans haben jedes Recht der Welt, uns zu kritisieren“, resümierte Mijatovic später, „wir brauchen sie, das haben wir auch deutlich gemacht. Sie wollen, dass wir für sie kämpfen. Das ist das einzige, was ich ihnen wirklich versprechen kann.“ Das war es wohl auch, was ein die Anhänger hören wollten. Gegen 13.30 Uhr zogen die meisten von dannen. Schweigend, wie sie gekommen waren.

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