Hertha

Nach dem Pokal-Aus kochen die Emotionen hoch

Die Situation war längst geklärt, doch Herthas Innenverteidiger hat sich trotzdem mit dem Mönchengladbacher Igor de Camargo angelegt. Dass Roman Hubnik lediglich für ein Spiel gesperrt wurde, kann als Eingeständnis des DFB für die ungerechte Schiedsrichter-Entscheidung gewertet werden.

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Die Resonanz war gewaltig. Und zum Teil so extrem, dass Mats Hummels seinen Beitrag von der Facebook-Seite nahm. „Man kann auch peinlich und beschämend in ein Pokal-Halbfinale einziehen“, hatte der Nationalspieler in Diensten des deutschen Fußball-Meisters Borussia Dortmund im sozialen Netzwerk geschrieben. Binnen weniger Stunden zog dieser eine Satz 1150 Kommentare nach sich, 9300 seiner virtuellen Freunde klickten den „Gefällt mir“-Button. Wegen diverser Pöbeleien von Fans der anderen Borussia aus Mönchengladbach entfernte der Dortmunder seinen Kommentar wenig später zwar. „Den Beitrag musste ich rausnehmen, weil manche Leute ihn anders verstehen wollten, als er gemeint war. Jemanden anderen einen Kopfstoß zu geben und sich daraufhin fallen zu lassen, ist nichtsdestotrotz weiterhin peinlich!“, schrieb Hummels nun.

Auch ohne einen Namen zu nennen, ist unmissverständlich, welchen Berufskollegen der Manndecker mit seiner öffentlichen Kritik gemeint hat: den Mönchengladbacher Igor de Camargo. Dessen Schauspieleinlage hatte das Pokal-Viertelfinale gegen Hertha BSC entschieden . Schiedsrichter Felix Brych (München) war auf die dreiste Täuschung von de Camargo hereingefallen, in der zehnten Minute der Verlängerung entschied er nach einem Kopf-an-Kopf-Duell des Belgiers mit Berlins Verteidiger Roman Hubnik auf Elfmeter für Gladbach – und damit die umkämpfte Pokalpartie. Filip Daems traf vom Punkt aus zum 1:0, das 2:0 von Oscar Wendt hatte nur noch statistischen Wert (120.+2.).

Preetz ist "kotzsauer"

Auch am Tag danach gingen die Emotionen hoch bei Hertha BSC. Trainer Michael Skibbe sagte, er wolle lieber nicht antworten: „Ich bin noch zu emotional.“ Auch Torwart Thomas Kraft blockte ab: „Ich brauche dazu nichts zu sagen. Das hat jeder gesehen. Und wenn ich was dazu sage, wäre das grenzwertig.“ Manager Michael Preetz, sonst die Zurückhaltung in Person, wurde ungewohnt deutlich: „Dass wir noch immer kotzsauer sind über die Art und Weise des Ausscheidens, wird jeder verstehen. Das ist bitter für den Verein, bitter für Berlin. Wir waren sehr nahe dran gegen einen guten Gegner, das Halbfinale zu erreichen.“

Am Abend zuvor hatte der Manager, „nachdem ich mich etwas beruhigt hatte“, der Schiedsrichter-Kabine einen Besuch abgestattet. In einem „sachlichen Gespräch“, so Preetz, habe er Brych auf die Folgen seines Fehlurteils hingewiesen. Der Schiedsrichter habe betroffen reagiert, weil er bereits diverse SMS-Nachrichten von Freunden erhalten hatte. Preetz: „Der Schiedsrichter hat gesagt, er werde jetzt eine Woche schlecht schlafen. Unser Schaden ist etwas größer. Als Verein ist uns die mögliche Halbfinal-Teilnahme entgangen und damit die Chance, das Pokal-Finale zu erreichen. Ganz abgesehen davon, dass es um die Einnahme von einigen Millionen Euro geht.“

Unausgesprochenes Eingeständnis des DFB

Tristesse im Schneegrieseln bei Hertha. Hubnik, der in jener Szene noch zusätzlich die Rote Karte gesehen hatte, weil ihm irrtümlich ein Kopfstoß unterstellt worden war, wurde Donnerstag vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) gesperrt. Doch während eine Tätlichkeit mit einer Sperre von mindestens drei Spielen geahndet wird, muss Hubnik lediglich ein Pokal-Spiel aussetzen. Das ist das unausgesprochene Eingeständnis seitens des DFB einer Fehlentscheidung seines Schiedsrichters. Aber wegen der Regularien des Weltverbandes Fifa muss eine Rote Karte zwingend ein Spiel Sperre nach sich ziehen, selbst wenn sie falsch war.

Hubniks Teamkollegen ärgerten sich weiter über dessen Entscheidung. Sie nahmen aber den tschechischen Nationalspieler nicht ganz aus der Verantwortung, weil Hubnik auf de Camargo zugestürmt war, obwohl die Situation längst geklärt war. Kapitän Andre Mijatovic sagte: „Fakt ist, dass Roman ihn überhaupt nicht getroffen hat. Fakt ist aber auch, Roman hat da gar nichts zu suchen.“

Hertha fehlt es in manchen Schlüsselmomenten an Erfahrung. So sagte Torwart Kraft zu der Hummels-Einschätzung, Gladbach habe das Halbfinale „peinlich und beschämend“ erreicht: „Man kann sagen, die sind schmutzig und unsauber weitergekommen. Man kann aber auch sagen: clever.“

De Camargo, der sowohl die brasilianische und die belgische Staatsbürgerschaft besitzt, kann für seine Schauspiel-Einlage nicht mehr bestraft werden. Der DFB wies daraufhin, dass „der Schiedsrichter auf dem Spielfeld eine Tatsachenentscheidung“ getroffen habe. Eine Spielwiederholung ist ebenfalls nicht möglich. Laut Paragraf 17 der Rechtsordnung ist darüber nur dann nachzudenken, wenn der Schiedsrichter einen „Regelverstoß“ begangen hat, der mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Niederlage oder Unentschieden geführt hat. Ein Regelverstoß ist etwas anderes als eine falsche Tatsachenentscheidung, nämlich die Anwendung einer falschen Regel auf einen (zu Recht oder Unrecht) beobachteten Sachverhalt. Dies war im Fall Hubnik aber nicht so.

Bei aller Kritik an Brych versuchte Herbert Fandel, Chef der DFB-Schiedsrichterkommission, seinen Schiedsrichter in Schutz zu nehmen: „Trotz aller Kritik an der Schiedsrichterentscheidung darf nicht vergessen werden, dass hier ein Spieler durch seine Theatralik den Fairplay-Gedanken mit Füßen getreten hat. Das ist die Ursache.“

Hertha muss nach Stuttgart

Bei allem Frust fordert Preetz jedoch nun von der Mannschaft: „So bitter das ist, wir müssen das Pokalspiel abhaken. Es hilft nichts, mit dem Schicksal zu hadern. Jetzt müssen wir unser Glück am Sonnabend zwingen.“ Da tritt Hertha BSC in der Bundesliga beim VfB Stuttgart an. Wer bis dahin seine Zeit gern im Internet verbringt: Bei Facebook gibt es eine neue Seite, die sich einiger Beliebtheit erfreut. Sie heißt: „Pass auf, sonst lässt sich Igor de Carmago auch in deinem Strafraum fallen“.