Hertha gegen Nürnberg

Trainer Skibbe trifft auf einen alten Freund

Herthas Rückrundenstart gegen Nürnberg ist auch ein Wiedersehen ehemaliger Weggefährten: Mit FCN-Coach Dieter Hecking spielte Michael Skibbe in seiner Jugend lange zusammen. Am Sonnabend muss die Freundschaft für 90 Minuten ruhen, denn dann werden die beiden zu Rivalen.

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Die 90 Minuten Fußball aus dem August, von denen alle sagen, sie wären so fürchterlich gewesen, hat Michael Skibbe (46) sich nur in Ausschnitten ansehen mögen. Der neue Trainer von Hertha BSC hatte damals noch rein gar nichts zu tun mit dem Hauptstadtklub. Und zur ausführlichen Retrospektive verführen kann ihn schon gar nicht, dass Mittelfeldspieler Andreas Ottl das 0:1 am ersten Spieltag gegen den 1. FC Nürnberg als „unser schrecklichstes Spiel in dieser Saison“ bezeichnet. Er halte ohnehin nicht so viel davon, sagt Skibbe, darauf zurückzublicken, was vor einem halben Jahr gewesen ist: „Weil es ganz verkehrt wäre, daraus irgendwelche Rückschlüsse auf das Spiel am Sonnabend zu ziehen.“

Im Rahmen dieses Berliner Rückrundenauftakts in Nürnberg (15.30 Uhr, Sky live und hier im Live-Ticker von Morgenpost Online ) wird sich für Skibbe nach achtmonatiger Abwesenheit nicht nur die Rückkehr auf die Bühne Bundesliga vollziehen. Er wird zugleich einen alten Bekannten wieder sehen. Dieter Hecking, Trainer des FCN, ist ein Jahr älter als Skibbe, gemeinsam kickten sie einst in der Westfalenauswahl und später bei der EM-Endrunde in England für Deutschlands Junioren-Nationalmannschaft. Inzwischen sind sie Mittvierziger und gelten als alte Fahrensmänner im Profifußball. Nur ihre Wege verliefen durchaus unterschiedlich.

Hoffnung auf guten Start

Skibbe geriet kurz vor Weihnachten recht unverhofft an den Job von Markus Babbel, den der zuvor eineinhalb Jahre lang erfolgreich ausgefüllt hatte, ehe Zwist mit Manager Michael Preetz eine Fortsetzung der Zusammenarbeit unmöglich machte. Die Chance, mit Hertha BSC wieder einen etwas prominenteren Namen im Fußballgeschäft zugewiesen zu bekommen, kam Skibbe gerade recht. Er schien schon auf dem absteigenden Ast. Nach seiner Entlassung bei Eintracht Frankfurt im März vergangenen Jahres reichte es nur noch für ein Engagement beim türkischen Provinzklub Eskisehirspor. Umso mehr freue er sich nun auf den Rückrundenstart, „weil ich sehr gern wieder als Trainer in der Bundesliga angestellt bin“, sagte Skibbe zwei Tage vor der Dienstreise nach Nürnberg. Sie wollten als Mannschaft „gut in die Runde starten. Das gilt auch für mich als neuen Trainer.“

Hecking ist an einem anderen Punkt angekommen. Stolz erzählte er im Trainingslager, das der 1.FCN zufällig ebenso wie Hertha in Belek abhielt, von der durchschnittlichen Verweildauer eines Trainers in Nürnberg, die bei 300 Tagen liege. „Ich hingegen habe schon über 700. Das zeigt, dass ich ein bisschen was aufgebaut habe.“ Als Beleg führt Hecking an, wie „unverhältnismäßig leise“ die Kritik an ihm ausgefallen sei, „als wir in dieser Saison in elf Spielen nur einen Sieg hatten“.

Sein Renommee hat sich Hecking erarbeitet. Seit er im März 2001 das Traineramt in Lübeck übernahm, war er nur jene gut vier Monate ohne Anstellung, die in der zweiten Jahreshälfte 2009 zwischen seinen Engagements in Hannover und seitdem Nürnberg lagen. Davon lasse sich zehren. „Ich habe mir ein Standing erarbeitet, das es mir erlaubt, davon auszugehen, dass ich noch Jahre in der Bundesliga arbeite“, sagt Hecking, dessen Ehrgeiz aber so groß ist, dass er mehr will als einfach nur einer von 18 Bundesliga-Trainern zu sein. Wenngleich er offiziell bekundet, in Nürnberg habe er „die Chance, mich so zu entfalten, wie ich es als Cheftrainer will“, so sind Heckings Pläne insgeheim doch andere. Nicht jeder im Verein hört es gern, dass der aktuelle Übungsleiter sich insgeheim zu Höherem berufen fühlt. Aber es ist in der Branche verbürgt, dass Bayer Leverkusen in der Vergangenheit schon für den Fall angeklopft hat, dass es mit Trainer Robin Dutt nicht weitergegangen wäre. Und Hecking ist auch erfahren genug um zu wittern, dass immer mal wieder interessante Stellen auch bei solchen Klubs frei werden, die nahe am internationalen Wettbewerb spielen – viel näher jedenfalls, als der 1.FC Nürnberg verlässlich eine solche Perspektive bieten kann.

Das Schicksal des Altmeisters ist es, in erster Linie Ausbildungsstätte von solchen Talenten zu sein, die über kurz oder lang weiterziehen zu großen Klubs. Gündogan nach Dortmund, Ekici nach Bremen, Schieber zurück nach Stuttgart. Und bald auch Wollscheid und Hegeler nach Leverkusen. „Es ist immer wieder eine Mammutaufgabe und Sisyphusarbeit, passende Spieler zu finden und sie auf ein Niveau zu bringen, wie es die transferierten Spieler hatten“, sagt Hecking.

Als für sich positiv verbucht er, dass die Verantwortlichen beim FCN damals ausgerechnet ihn gewählt haben, „weil ich nachgewiesen habe, dass ich aus Wenig das Beste herausholen kann“. So mache er es nun auch in Nürnberg. Fraglich nur, wie lange Hecking den Job noch macht. Was Wollscheid und Kollegen können, könnte er schließlich auch: weiterziehen.

Er wird seinen Weg zielstrebig verfolgen. Genau wie Skibbe. Den führte der Weg am Mittwochabend aber mal wieder in eine andere Richtung. Hertha-Präsident Werner Gegenbauer machte den neuen Trainer mit den übrigen sieben Mitgliedern des Präsidiums bekannt. Sehr angenehm sei ihre Zusammenkunft gewesen, erzählte Skibbe anderntags. Und dass er, während man miteinander sprach, „versucht habe, mir möglichst viele Namen zu merken und auch die Gesichter dazu.“ Anders als sein alter Weggefährte Hecking in Nürnberg, ist Skibbe bei Hertha schließlich gerade erst angekommen.

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