Interview

Herthas Mijatovic ist erfrischend selbstkritisch

Vor der Saison waren die Zweifel an Hertha-Kapitän Andre Mijatovic groß – zu alt, zu langsam. Doch der Verteidiger hat sich in Berlin durchgesetzt. Mit Morgenpost Online spricht er über Kritik, Selbstzweifel und Komplimente von Trainer Skibbe.

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Im ersten Spiel unter dem neuen Trainer Michael Skibbe, dem Test gegen den VfL Osnabrück , wurde Andre Mijatovic geschont. Dem Kapitän von Hertha BSC schmerzt noch aus der Spätphase der Hinrunde das malade Sprunggelenk; eine Verletzung aus dem Pokal-Achtelfinale gegen Kaiserslautern (3:1) , als er sich in den Dienst der Mannschaft gestellt hatte.

Morgenpost Online: Herr Mijatovic, hat die Pause über Weihnachten und Neujahr gut getan?

Andre Mijatovic: Ja, das hat sie. Die Hinrunde war anstrengend, körperlich und mental, dazu waren die letzten Tage vor Weihnachten wirklich sehr turbulent. Trotzdem haben wir mit dem Sieg im Pokal gegen Kaiserslautern wieder unseren tollen Charakter gezeigt und für einen tollen Jahresabschluss gesorgt.

Morgenpost Online: Die angesprochenen Turbulenzen führten allem Erfolg zum Trotz zur Trennung von Trainer Markus Babbel. Wie haben Sie Nachfolger Michael Skibbe in den ersten Tagen erlebt?

Andre Mijatovic: Sehr offen, sehr kommunikativ. Er hat das Positive bestätigt, was ich über ihn gehört hatte. Doch letztlich zählt nur sportlicher Erfolg – den wünsche ich ihm und uns.

Morgenpost Online: Noch vor dem ersten Training hat Skibbe Sie als Kapitän bestätigt.

Andre Mijatovic: Das war ein großes Kompliment für mich. Es macht mir Spaß, und es macht mich stolz, Kapitän dieser Mannschaft zu sein.

Morgenpost Online: Hatten Sie nach dem Trainerwechsel Zweifel, oder sind Sie fest davon ausgegangen, auch weiterhin die Binde zu tragen?

Andre Mijatovic: Ich bin einfach froh, dass es so ist. Ich glaube, dass ich die Aufgabe sehr gut ausfülle. Aber letztlich zählt meine Leistung auf dem Platz. Kapitän zu sein, bedeutet wie auch vorher unter Babbel nicht, dass ich eine Stammplatzgarantie habe.

Morgenpost Online: Aber die exponierte Rolle steigert Ihre Aussicht darauf, möglichst bald auf 25 Pflichtspieleinsätze zu kommen.

Andre Mijatovic: Sie meinen, weil sich dann mein Vertrag automatisch per Option verlängert? Wissen Sie, da mache ich mir gar keine Gedanken.

Morgenpost Online: Herr Mijatovic, es geht immerhin um Ihre berufliche Zukunft!

Andre Mijatovic: Ich lebe seit Beginn der Saison meinen Traum: Ich spiele wieder Bundesliga. Ich meine, dass ich gezeigt habe, dass ich mithalten kann. Ich bin kein Überspieler, das weiß ich, aber ich gebe alles für die Mannschaft. Alles andere kommt von allein. Ich habe hoffentlich noch ein paar Jahre vor mir. Wenn es bei Hertha reicht, ist das gut. Hier erlebe ich die schönste Zeit meiner Karriere: Berlin ist die Hauptstadt und Hertha ein großer Klub.

Morgenpost Online: Welche Schulnote würden Sie Ihrer persönlichen Hinrundenleistung geben?

Andre Mijatovic: Zwischen Note drei und drei minus: Es gibt noch Luft nach oben. Ich glaube, meine Leistung spiegelt die der Mannschaft recht gut wider. Wir hatten gute Phasen und schlechtere, haben aber bewiesen, dass wir Bundesliga-tauglich sind. Nur kommen bei mir bei schlechteren Spielen sofort die Zweifler: Kann er es nicht besser?

Morgenpost Online: Haben Sie für sich selbst eine Antwort, warum so viele Leute an Ihnen zweifeln?

Andre Mijatovic: Es denken ja nicht alle so. Aber ich halte das sogar durchaus für legitim.

Morgenpost Online: Das müssen Sie uns erklären.

Andre Mijatovic: Ich weiß, dass ich ein Verteidiger der alten Schule bin und auch bleiben werde. Ich bin kein aggressiver, moderner Typ Abwehrspieler wie Roman Hubnik oder Maik Franz, ich bin kein Sprinter und ich bin auch nicht 90 Kilo schwer. Meine Defizite in anderen Bereichen gleiche ich mit Stellungsspiel oder Kopfballspiel aus. Aber Fußball ist sehr aggressiv, sehr schnell geworden – da denken die Leute eben: Kann der Mijatovic da noch mithalten?

Morgenpost Online: Hatten Sie selbst Zweifel, ob es bei Ihnen (noch) für die Bundesliga reicht? Ob Sie mit Hummels und Co. mithalten können?

Andre Mijatovic: Ja, solche Gedanken habe ich mir gemacht. Hertha hat ja auch gute Spieler – zu Beginn der Vorbereitung habe ich geprüft, ob ich das Tempo im Training mitgehen kann. Ab da wusste ich, dass ich auch in der Bundesliga mithalten kann.

Morgenpost Online: Trotzdem sollten Sie unseren Informationen zufolge von den letzten vier Spielen bis zur Winterpause keines mehr machen. Stattdessen sollte Maik Franz spielen.

Andre Mijatovic: Erst einmal tut es mir leid, was Maik passiert ist (Franz erlitt in Kaiserslautern einen Kreuzbandriss – d.R.). Wir waren alle schockiert und betroffen. Es kam anders, als es vielleicht geplant war. Aber hätte Maik über 90 Minuten die Leistung der ersten 35 Minuten gezeigt und hätte dazu das Ergebnis gestimmt – es hätte auch aus meiner Sicht keinen Grund zum erneuten Wechsel gegeben.

Morgenpost Online: Und das hätten Sie so einfach akzeptiert?

Andre Mijatovic: Natürlich will ich jedes Spiel spielen. Andererseits muss es nicht schlecht sein, sich zu erholen, zu sammeln. Auch ein Puyol sitzt in Barcelona manchmal auf der Bank. In so einem Fall muss man einfach wieder mehr Gas geben und sich seinen Platz zurückholen.

Morgenpost Online: Welchen Schaden nimmt in der Zwischenzeit das Standing des Kapitäns in der Gruppe – lässt es sich auch mit dem gelben Leibchen des Reservisten vorangehen?

Andre Mijatovic: In einer solchen Situation kommt es sehr auf den Trainer an, und wie er das moderiert. Natürlich habe ich weniger Einfluss, wenn ich nicht spiele. Aber wenn der Trainer sagt – und wenn er es vor der Gruppe sagt –, ‚Andre, du bist weiter der wichtigste Spieler für mich’, dann geht das.

Morgenpost Online: Öffentlich sagte Babbel in der Spätphase seiner Tätigkeit bei Hertha über Sie stattdessen, Bundesliga sei für Sie deshalb so anstrengend, weil Sie sich auch mental in jedem Spiel an die Decke strecken müssten. Hat Sie das irritiert?

Andre Mijatovic: Wir haben darüber miteinander gesprochen, danach war das Thema erledigt. Es ist generell anstrengender geworden, Bundesliga zu spielen. Der Druck hat zugenommen, die Leute erwarten viel und du musst immer bereit sein, deine Leistung zu bringen.

Morgenpost Online: Körperliche Stärke ist trainierbar. Und mentale Stärke?

Andre Mijatovic: Dafür gibt es Mentaltrainer. Ich habe keinen und hatte auch nie das Gefühl, dass ich einen brauche.

Morgenpost Online: Sie tragen mentale Stärke also einfach in sich?

Andre Mijatovic: Jeder hat Stärken und Schwächen. Ich bin generell kein unsicherer Mensch, und als Fußballer habe ich in sehr jungen Jahren schon Sachen erlebt, die sehr anstrengend und auch hässlich und dadurch prägend für mich waren.

Morgenpost Online: Erzählen Sie!

Andre Mijatovic: In Rijeka, meinem Heimatverein, war ich mit 20 Jahren der jüngste Kapitän der Klubgeschichte. Es gab Probleme mit dem Trainer, die Mannschaft sagte, es gehe mit ihm nicht weiter, der Verein wollte aber an ihm festhalten – und ich stand als Kapitän mittendrin. Das bedeutete damals enormen Druck für mich. Aber wissen Sie, was ich aus dieser Zeit und auch danach aus wüsten Anfeindungen Zagreber Fans gegen uns Spieler mitgenommen habe? Dass es am Ende des Tages nur um Fußball geht – und dass der Sport zwar eine wichtige Rolle spielt, aber keine so wichtige wie die Familie oder unsere Gesundheit.

Morgenpost Online: Das Thema Burn-Out ist im vergangenen Jahr ein öffentliches geworden.

Andre Mijatovic: Ich begrüße das. Wer ein Problem hat, auch mental, muss das zugeben können, ohne dass es ihm von den Fans oder den Medien als Schwäche ausgelegt wird. Es muss das Bewusstsein entstehen, dass es eine Stärke ist, sich zu dieser Schwäche zu bekennen. Fußballer dürfen sich am Fuß behandeln lassen – also muss das auch im Kopf möglich sein.

Morgenpost Online: Lassen Sie uns zurück zu Hertha gehen. Dort beklagte das ehemalige Trainerteam intern auch, es würden nur etwa sieben oder acht Spieler regelmäßig Bundesliga-Niveau erreichen. Der Rest müsste mehr oder weniger mit durchgeschleppt werden. Das muss einen als Fußballer doch kränken?

Andre Mijatovic: Das mag man denken, aber Außenstehende müssen auch eines kapieren: Fußball ist nicht immer nur ein Spiel mit den Füßen. Sondern zu einem erheblichen Teil auch eine mentale Angelegenheit. Ich muss also nicht Messi sein, wenn ich auf andere Weise zum Erfolg der Mannschaft beitrage. Messi ist ohne Puyol nicht so gut wie mit ihm. Insgesamt muss es passen.

Morgenpost Online: Legendär ist Ihr Appell zu Zweitligazeiten: „Ich will raus aus dieser Liga! Wer kommt mit?“ Haben Sie diese Saison etwas Ähnliches auf Lager, etwa jetzt während des Trainingslagers?

Andre Mijatovic: Ach, wissen Sie, ich will nicht reden, nur damit ich was gesagt habe – der Zeitpunkt muss der richtige sein, damit die Leute das auch annehmen. Und es gibt einen Unterschied zur vergangenen Saison.

Morgenpost Online: Welchen?

Andre Mijatovic: Letztes Jahr hatten alle Spieler – die auf dem Platz genau wie die auf der Bank und auch die auf der Tribüne – alle nur ein Ziel: die Bundesliga. Da war es einfacher, als Gruppe mit dem Druck umzugehen.

Morgenpost Online: Wie ist es jetzt?

Andre Mijatovic: Die Truppe ist hervorragend, die Stimmung ist sehr gut – aber selbstverständlich will jeder seinen Platz verteidigen oder den eines anderen ergattern. Da droht der Konkurrenzkampf mitunter schon die Grenzen zu überschreiten. Feuer kann ich akzeptieren. Aber bitte mit Respekt!

Morgenpost Online: Mit welchen sportlichen Zielen führt Kapitän Mijatovic Hertha in die Rückrunde?

Andre Mijatovic: Wir haben den Traum von der Teilnahme am DFB-Pokalendspiel in unserem eigenen Stadion. Aber Priorität hat der Klassenerhalt. Die Qualität dafür haben wir.

>>> Lesen Sie mehr zum Thema und reden Sie mit - im Hertha BSC Blog Immer Hertha unter www.immerhertha.de