DFB-Pokal

Hertha schafft Sprung in Runde der besten Acht

Hertha BSC ist durch ein 3:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern erstmals seit vier Jahren wieder ins Viertelfinale des DFB-Pokals eingezogen.

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Der Mann im blauen Anorak machte Meter. Richtig viele Meter. Wahrscheinlich legte Rainer Widmayer in seinem ersten und einzigen Spiel als Interimstrainer von Hertha BSC eine weitere Strecke zurück als sein für ein eher reduziertes Maß an Coaching bekannter, ehemaliger Chef Markus Babbel im gesamten bisherigen Saisonverlauf. Widmayers Engagement an der Seitenlinie tat der wohl geordneten Mannschaft asm Mittwoch im Achtelfinale des DFB-Pokals aber spürbar gut: Das erstaunlich souveräne 3:1 (1:0) gegen den 1. FC Kaiserslautern war der erste Pflichtspielsieg der Berliner seit Ende Oktober (3:2 in Wolfsburg). Und der erste Sprung ins Viertelfinale seit vier Jahren.

Der Ausflug in die Chefrolle habe ihm „Spaß gemacht“, sagte Widmayer, „ich habe einen guten Job gemacht, wir sind 2012 im Lostopf“. Als „sportlich von Prestige und gleichzeitig wirtschaftlich wichtig“ bezeichnete Manager Michael Preetz das Überwintern im Pokalwettbewerb. Im ersten Pokal-Heimspiel seit Oktober 2005, einer Zweitrundenpartie gegen Borussia Mönchengladbach (3:0), sorgten 40.944 Zuschauer für Cup-Atmosphäre unter Flutlicht an einem kalten Dezemberabend. Die Ostkurve packte die ewige Berliner Sehnsucht nach einer Endspielteilnahme im Olympiastadion in die Melodie von „Mendocino“: „Wir träumen jedes Jahr vom Pokalfinale.“ Noch zwei Siege sind dafür von Nöten – der nächste im Viertelfinale gegen Borussia Mönchengladbach mit Ex-Trainer Lucien Favre.

Ronny überraschend in der Startelf

Gegen den FCK wirkte die Mannschaft erneut unbeeindruckt von den Wirren der Vortage. „Je länger das Spiel ging, desto mehr hat sich die Mannschaft mit Willen und Ehrgeiz den Sieg verdient“, sagte Widmayer. Ihm widmete umgekehrt Kapitän Andre Mijatovic den Sieg, „weil er sich nach den Turbulenzen der vergangenen Tage bereit erklärt hat, uns zu coachen“. Von einer „Jetzt-erst-recht-Stimmung“ berichtete Christian Lell: „Wir haben uns geschworen, alles auszublenden.“

Mijatovic (Bänderdehnung im Knöchel) und Lell, dem es im Oberschenkel zwickte – beide hatte Herthas medizinische Abteilung gerade rechtzeitig fit bekommen. Dafür musste Roman Hubnik wegen Leisten- und Adduktorenproblemen passen. Und im offensiven Zentrum ersetzte Adrian Ramos den ein letztes Mal im Pokal Rot-gesperrten Spielmacher Raffael. Dessen Bruder Ronny war Widmayers Überraschung in der Startelf. Zum ersten Mal seit dem letzten Spieltag der vergangenen Zweitliga-Saison am 15. Mai stand der Brasilianer wieder in der Anfangsformation. Von Anfang an lief viel bei Hertha über Ronnys linke Seite – und eine seiner eleganten Hereingaben führte auch zum Führungstreffer. Ramos bugsierte den Ball mit langem Bein zum 1:0 ins Tor (43.).

Just als dann Fabian Lustenberger kurz nach dem Seitenwechsel aus 17 Metern vorbeizielte, fiel im Gegenzug der Ausgleich. Die schnelle Kombination der Lauterer ließ die Berliner Defensive zu staunenden Zuschauern verkommen, Shechter veredelte Sahans Querpass zum 1:1 (51.). Aber es dauerte nur drei Minuten, da leitete der FCK selbst die erneute Führung der Berliner ein. Lasogga schnappte sich einen von Kirch leidlich willenlos zurückgespielten Ball, der bullige Stürmer zog auf und davon und ließ Amedick ins Leere rutschen. Seinen Schuss konnte Keeper Trapp nur berühren; im Trudeltempo rollte der Ball über die Linie (54.).

Das Tor feierte Lasogga nicht wie üblich vor der Ostkurve, sondern mit einem Jubellauf in Widmayers Arme. „Ich habe ihm viel zu verdanken in den vergangenen eineinhalb Jahren. Es gibt nichts Schöneres, als ihn in seinem ersten Spiel mit dem Sieg zu beschenken“, frohlockte Lasogga. In der 87. Minute musste Keeper Kraft noch eine sensationelle Parade gegen Shechter zeigen. In der Nachspielzeit traf dann noch Patrick Ebert nach Doppelpass mit Ramos von der Strafraumgrenze.

Den Gastgebern durfte es recht sein, viel stand für sie auf dem Spiel – in Zahlen ausgedrückt, eine Zusatzeinnahme im siebenstelligen Bereich. Eine, die Hertha gerade recht kommt. Nach der Trennung von Babbel erwartet den Klub eine Abfindungszahlung von bis zu 600.000 Euro. Dazu kommt die Ablösesumme für den neuen Trainer Michael Skibbe von 250.000 Euro plus das anteilige Gehalt des Neuen von rund einer halben Million Euro bis Saisonende.

Geld, das gut anderweitig hätte verwendet werden können. Ohnehin kann der finanziell klamme Klub, der wie in jedem Jahr nur mit der Teilnahme an zwei Pokalrunden kalkuliert hat, „jede Zusatzeinnahme gut gebrauchen“, sagte Manager Michael Preetz. Die Geschehnisse der vergangenen Tage verliehen dem Spiel über den sportlichen Anreiz hinaus so noch, so der Manager, „eine zusätzliche Komponente“. Denn dann ist da ja auch noch die Suche nach einem Ersatz für den nach einem Kreuzbandriss bis Saisonende nicht mehr verfügbaren Verteidiger Maik Franz. Doch da gilt, sagt Preetz: „Wenn wir überzeugt sind, dass wir auf seine Verletzung reagieren wollen, dann werden wir dazu auch in der Lage sein.“

Diese positive Konstellation ergibt sich durch eine Summe von Faktoren. Zum einen verzeichnet Hertha schon jetzt ein deutliches Plus bei den Zuschauereinnahmen in der Liga – und die großen Gegner wie Bayern, Dortmund und Hamburg kommen erst noch ins Olympiastadion.