Nach Babbel-Abgang

Widmayer bringt Hertha wieder zum Lachen

Ausgerechnet im Pokal-Achtelfinale gegen Kaiserslautern muss Rainer Widmayer den Hertha-Chef geben, obwohl auch er im Lügennetz verstrickt ist. Aber Manager Preetz vertraut dem ehemaligen Assistenten von Markus Babbel.

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Es war Rainer Widmayer schon seit Montagmittag nicht recht wohl gewesen. Interimstrainer schön und gut – doch zählt zu diesen Pflichten als Chef auf Zeit nun mal auch das Spiel mit den Medien. Zwischen zehn und 50 Journalisten, so hatte der Pressesprecher von Hertha BSC es Widmayer prognostiziert, würden sich am Dienstag zur Mittagszeit im Medienraum des Berliner Bundesligisten einfinden. Um Wissenswertes zum Achtelfinale im DFB-Pokal am Mittwoch gegen den 1. FC Kaiserslautern zu erfahren (19 Uhr, Olympiastadion). Aber eben auch, um den seit eineinhalb Jahren bei Hertha tätigen Widmayer erstmals nicht in seiner bisherigen Rolle als Assistent von Markus Babbel zu erleben, sondern als Übergangslösung auf dem Trainerposten.

Die Vorstellung, in so viele Diktiergeräte und Fernsehkameras sprechen zu müssen, habe ihm ganz und gar nicht behagt, erzählte Widmayer schließlich inmitten dessen, was für ihn ein viertelstündiger Crashkurs in puncto Medientraining war. Anfangs stockte er mehrmals, verhaspelte sich, trotzdem ergoss sich ein Eingangsstatement in Form eines dreiminütigen Wortschwalls aus seinem Munde. Aber mit jeder weiteren Minute wuchs seine Selbstsicherheit. Gipfelnd in diesem Fazit: „Der Anfang war ein bisschen holprig. Aber ich denke, ich habe jetzt die Kurve gekriegt. Jetzt wäre es kein Problem, wenn ich nächste oder übernächste Woche wieder hier sitzen würde.“

Skibbe wird Donnerstag vorgestellt

Dazu wird es zwar nicht kommen. Hertha hat, wenngleich der Klub das auch jetzt noch nicht kommunizieren mag, Einigkeit erzielt mit Michael Skibbe als Babbel-Nachfolger . Voraussichtlich Donnerstag wird Skibbe der Öffentlichkeit vorgestellt und am 3. Januar zum ersten Mal das Training beim Hauptstadtklub leiten.

Zuvor darf Widmayer für 90 Minuten den Chef geben. Und wenn seine Mannschaft gegen Kaiserslautern nur ansatzweise so vor (Spiel-)Freude sprüht, wie Widmayer es während der Pressekonferenz tat, sollte die Frage nach dem Sieger leicht zu beantworten sein. Babbel zeichnete schon ein sehr feiner Humor aus. Aber so viel gelacht wie bei Widmayers Worten wurde bei Hertha BSC lange nicht mehr. Besonders, als ein Reporter den stark im Idiom seiner Herkunftsregion sprechenden Sindelfinger als „Brachialschwaben“ deklarierte. Da sah Widmayer sich zu einer humorigen Verteidigungsrede herausgefordert: „Ich weiß nicht, ob es schlimm ist, wenn man Schwabe ist.“ Gelächter. „Ich habe immer das Gefühl, man wird belächelt und dann heißt es, man sei geizig. Der Schwabe kann auch mal einen ausgeben. Aber er weiß auch, wem.“ Wieder Gelächter.

Preetz bekundet Vertrauen

Doch freilich durfte die gelöste Stimmung nicht darüber hinwegtäuschen, dass Widmayer sich in der „Lügengeschichte“ zwischen Babbel und Hertha-Manager Preetz sowie Präsident Werner Gegenbauer allzu eilfertig vor den Karren seines ehemaligen Chefs hat spannen lassen. Im „kicker“ hatte Widmayer davon berichtet, Babbel habe Preetz exakt am 15. November und zwar in der Zeit zwischen 15 und 16.15 Uhr mitgeteilt, dass er seinen am Saisonende auslaufenden Vertrag nicht verlängern werde. Dumm nur, dass an besagtem Tag genau zu dieser Zeit und selbstverständlich unter Anleitung von Babbel trainiert wurde – und sich die schön erzählte Geschichte somit als unhaltbares Lügenkonstrukt entpuppt hat.

Nichtsdestotrotz bekundete Manager Preetz öffentlich sein Vertrauen in die Übergangslösung Widmayer. In Bezug auf die Mannschaft spricht dagegen wohl auch wirklich wenig. Von der teamintern herrschenden Stimmung nach wahrlich turbulenten Tagen berichtete Widmayer: „In dem Moment, als ich Montag zur Kabinentür rein gekommen bin, waren die Spieler erleichtert.“ Trotzdem steht anzunehmen, dass nach dem Pokalspiel auch die Trennung von Widmayer vollzogen wird. Für den Moment aber gebe es „keinen Besseren als ihn“, lobte Preetz: „Er war ja schon viel mehr als ein Co-Trainer, er hat den Respekt der Mannschaft. Niemand kennt die Mannschaft so gut wie er, niemand hat sie so eng begleitet in den vergangenen eineinhalb Jahren wie er.“

Sorgen in der Abwehr

Er erwarte „ein Superspiel“ seines Teams, erklärte Widmayer, als doch auch mal über den Sport gesprochen wurde. „Die Mannschaft ist heiß, sie ist geil darauf, eine Antwort auf die vergangenen Tage zu geben. Jeder weiß, worum es geht.“

Probleme kann allenfalls die personelle Situation bereiten. Spielmacher Raffael ist wegen einer Rotsperre aus der Vorsaison im Pokalwettbewerb ein letztes Mal gesperrt. Mit Fragezeichen zu versehen ist die Einsatzfähigkeit der Abwehrspieler Roman Hubnik (Leistenbeschwerden) und Christian Lell (Faserriss) sowie auch Kapitän Andre Mijatovic. Doch an diesem Punkt seines Vortrages war Widmayer längst so selbstbewusst zu sagen: „Wenn alle drei ausfallen, wäre das schon extrem. Aber es gibt immer Lösungen, und die Lösung habe ich dann parat.“

Widmayer hatte Babbel persönlich davon in Kenntnis gesetzt, dass er im so wichtigen Spiel gegen Kaiserslautern, in dem es neben sportlichem Prestige auch um eine Zusatzeinnahme im siebenstelligen Bereich geht, die Verantwortung zu tragen gedenke. „In Ordnung, sehr gut“, habe Babbel dazu gesagt. Ob der einstige Assistent sich denn auch in taktischen Fragen habe beraten lassen? Da stutzte Widmayer kurz: „Taktisch? Da brauche ich von ihm keine Hilfe.“ Schon zu gemeinsamen Zeiten war Widmayer als heimlicher Boss auf dem Trainingsgelände angesehen worden. Jetzt soll er als Chef für einen Abend Hertha ins Viertelfinale des Pokals führen.

Die Perspektive, dass es sich um ein K.o.-Spiel unter Flutlicht handelt, noch dazu vor eigenen Fans, findet Widmayer prickelnd. Wo Hertha in der Bundesliga mit acht Unentschieden der Remiskönig ist, kann es diesmal nur Sieger und Verlierer geben. „Und ich glaube, dass wir das Spielfeld als Sieger verlassen werden. Das werde ich meinen Jungs versuchen zu vermitteln.“ Am Mittwoch, wenn Widmayer und nicht wie früher Babbel die Spieltagsansprache hält.

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