Bundesliga

Was Marcel Reif über Hertha BSC denkt

Bereits vor ihrem Traumstart in die neue Saison vertraute Fernsehexperte Marcel Reif den Berlinern. Im Interview mit Morgenpost Online spricht er über Herthas starke Abwehr und Trainer Babbels Cleverness.

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Zwölf Punkte, Tabellenplatz zehn – Herthas Saisonstart hätte kaum besser ausfallen können. Einer, der schon vor der Fußball-Bundesligasaison an eine starke Berliner Mannschaft glaubte, fühlt sich nun bestätigt: Fernsehexperte Marcel Reif, der vor dem fünften Spieltag keine konkrete Prognose abgeben wollte.

Morgenpost Online: Herr Reif, vor der Saison sagten Sie uns, Hertha sein kein normaler Aufsteiger. Sehen Sie sich in dieser Einschätzung bestätigt?

Marcel Reif: Absolut. Augsburg ist ein typischer Aufsteiger. Die müssen jetzt erkennen, wie groß der Unterschied ist zwischen Liga eins und Liga zwei. Bis sie es gemerkt haben, sind sie schon wieder abgestiegen. Für Hertha gilt das nicht.

Morgenpost Online: Der Saisonstart ist noch besser verlaufen, als viele das erträumt hatten. Warum?

Marcel Reif: Weil Hertha einen Plan hat. In den ganzen Strukturen sind die Störfaktoren raus. Der Klub konzentriert sich auf das Kerngeschäft: Fußball spielen. Die Leute kommen ins Stadion, weil sie genau das merken. Der Trainer weiß, wie es geht. Er ist erwachsen geworden, weil er nicht mehr nur Ex-Spieler ist sondern ein gestandener Trainer. Man hat sich an den richtigen Stellen verstärkt, und einige Spieler rufen jetzt ihr Potenzial ab, was sie vorher nicht getan haben. Viel mehr ist es nicht. Das wird nicht in die Champions League führen, aber das erwartet auch keiner.

Morgenpost Online: Bleiben wir einen Moment bei den Zugängen. Bis auf Maik Franz haben sich bisher alle als echte Verstärkungen erwiesen…

Marcel Reif: ...Hertha wird Maik Franz noch dringend brauchen, glauben Sie mir! Typen wie er sind wichtig, die Saison ist lang.

Morgenpost Online: Noch einmal zu den Transfers: Hat die sportliche Leitung in diesem Bereich alles richtig gemacht?

Marcel Reif: Wenn du einen Ottl und einen Kraft holst, wirst du nicht gleich Deutscher Meister. Aber du holst Leute, die sich schon in ganz anderen Sphären bewährt haben. Das sind keine Typen, die kommen und sagen: „Okay, in München haben wir es nicht geschafft, aber für euch sind wir zu gut.“ Im Gegenteil. Die können und wollen den anderen Spielern zeigen, wo es langgeht. Sie vermitteln die Einstellung: Wer nicht voll mitzieht, hat ein Problem. Das schafft ein anderes Klima in der Kabine. Da verändert sich der Aggregatzustand.

Morgenpost Online: Sie sprechen vom sogenannten Bayern-Gen…

Marcel Reif: …das ist eine alte Floskel, aber da ist schon was dran. Sagen wir mal so: Diese Spieler haben eine Vorstellung davon, wie das Gen funktioniert.

Morgenpost Online: Welcher Spieler hat sie bei Hertha am meisten überrascht?

Marcel Reif: Lasogga, das wollen Sie doch hören, oder? Aber was soll ich Ihnen über ihn noch erzählen? Der Junge ist 19 Jahre alt. Das ist schon eine Überraschung für mich, dass einer wie er sofort auf dem Niveau mitmischen kann. Auch Ben-Hatira und Torun. Beides Spieler, die in Hamburg nichts gerissen haben. Daran sieht man: Berlin ist gut, um sich zu entwickeln. Niemand verlangt von den Spielern, gleich den Klub retten zu müssen. Deshalb passt einfach vieles zusammen.

Morgenpost Online: Der Abwehr wurde bisweilen die Erstligatauglichkeit abgesprochen, gerade straft sie alle Kritiker Lügen. Ist das auch ein Verdienst von Babbel?

Marcel Reif: Markus Babbel war Nationalspieler in der Abwehr. Ich glaube: Wenn er etwas vermitteln kann, dann, wie man als Abwehrspieler alles aus sich herausholt. Schauen Sie sich Mijatovic und Hubnik an! Die verziehen im ganzen Spiel keine Miene. Das ist Ernsthaftigkeit. Nehmen Sie Lell! Der ist doch froh, dass er endlich gefragt ist als Führungsspieler. Bei all dem hilft Markus Babbel. Ein Trainer ist für mich jemand, der aus den Spielern das Maximum herausholt. Und bei der Abwehr schafft er das ganz sicher.

Morgenpost Online: Babbel pflegt einen sehr offenen Umgangston und kritisierte vor einigen Wochen sogar die Berliner. Die Fans haben ihm das nicht übel genommen, eher im Gegenteil…

Marcel Reif: …Fans haben ein sehr gutes Gespür dafür, ob jemand authentisch ist oder nicht. Das ist ja beim Trainer das Allerwichtigste. Babbel ist kein Schaumschläger. Und er hat den Moment gut erkannt: Achtung, wir sind in Berlin, gleich geht es wieder los. Deshalb glaube ich, dass er durchaus bewusst gesagt hat: Schön langsam machen, damit einer jungen Mannschaft nicht gleich wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen werden.

Morgenpost Online: Am übernächsten Wochenende geht es zu seinem alten Klub, dem FC Bayern. Trauen Sie Hertha dort etwas zu?

Marcel Reif: Ich traue momentan niemandem etwas zu in München. Hertha muss einen Weg in die Offensive finde, ohne dabei ins offene Messer zu laufen. Aber das ist ja nichts Neues, das geht in München jeder Mannschaft so.

Morgenpost Online: Also muss Hertha ähnlich auftreten wie beim überraschenden Sieg in Dortmund.

Marcel Reif: Richtig. Da hat Markus Babbel für mich bewiesen, dass er ein richtiger Trainer ist. Nicht weil Hertha da gewonnnen hat, sondern weil die Mannschaft seinen Plan genau begriffen und auch sehr gut umgesetzt hat. Der Plan war genau auf Dortmund zugeschnitten. So kann man eine meilenweit überlegene Mannschaft schlagen.

Morgenpost Online: Bleibt die Frage: Wo landet Hertha? Jetzt können Sie ja eine Prognose wagen.

Marcel Reif: Hertha landet im ausgesprochen gesicherten Mittelfeld. Und es ist auch nicht verboten, einstellig zu bleiben.

-> Lesen Sie mehr zum Thema und reden Sie mit - im Blog "Immer Hertha"!