Hertha BSC

Raffael auf dem Sprung zum großen Spieler

Seit vier Jahren spielt der hochbegabte Raffael für Hertha BSC in Berlin. Nun ist er auf dem Sprung, ein Großer zu werden. Und er ist einer, den die Fans mögen.

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Der Traumwagen trägt die Farbe Ibisweiß, hat einen Acht-Zylinder-Motor mit 430 PS und ist bildschön: Raffael bewegt einen Audi R8 Spyder durch Berlin – und erfüllt damit ein gängiges Klischees: Einer dieser Fußball-Stars mit einem sündhaft teuren Auto. Raffael bekennt sich zu seinem Faible: „Mit dem Wagen habe ich mir einen Traum erfüllt. Wie jeder Brasilianer liebe ich schöne Autos.“

Doch mit den Vorurteilen ist das so eine Sache. Wer, wie der Autor dieser Zeilen, zufällig mehrfach hinter Raffael durch Berlin fährt, erlebt einen entspannten Profi: Immer auf der gleichen Spur vom Theodor-Heuß-Platz über den Ernst-Reuter-Platz aufs Brandenburg Tor zu. Kein hektischer Fahrbahnwechsel. Kein Hochstart an der Ampel. Raffael rollt mit seinem Wagen in aller Seelenruhe mit Tempo 54 durch die Stadt.

Wie mit dem Fahrer Raffael so ist es auch mit dem Fußball-Profi Raffael. Er hat die Zutaten für einen Star: eine gute Technik, eine exzellente Beweglichkeit, den Blick für die Mitspieler und einen harten Schuss. Und neuerdings Defensivqualitäten, die selbst Verteidiger ins Staunen bringen, wenn Raffael wie in Wolfsburg dem Gegner den Ball so listig vom Fuß spitzelt, dass der noch zwei Schritte weiterläuft, ehe er realisiert, dass 15 Meter weiter längst ein Hertha-Angriff rollt.

Sonnabend Wiedersehen mit Favre

Und dennoch: Raffael ist in Berlin kein Star wie es Marco Reus bei Borussia Mönchengladbach ist, am Sonnabend Hertha-Gegner im Olympiastadion. Oder Lukas Podolski beim 1. FC Köln, Papiss Cissé beim SC Freiburg oder Mohammed Abdellaoue bei Hannover 96. Am Samstag trifft Raffael seinen Entdecker wieder. Lucien Favre, der als Trainer mit Gladbach kommt, hat den Brasilianer als 19-Jährigen beim Schweizer Zweitligisten FC Chiasso entdeckt. Beim FC Zürich wurde das Duo Schweizer Meister. Als Favre 2007 zu Hertha BSC wechselte, beschwor der Trainer den damaligen Manager Dieter Hoeneß: Auch, wenn Raffael 4,3 Millionen Euro koste, sei er unbedingt zu holen. Nach zwei, drei Jahren Bundesliga werde Hertha ihn für eine zweistellige Millionen-Summe an Topklubs wie den FC Arsenal verkaufen können.

Raffael folgte im Januar 2008 seinem Ziehvater. Nun sind knapp vier Jahre ins Land gegangen – die Bilanz fällt gemischt aus. Raffael ist nicht der Star geworden, der die Liga in Grund und Boden spielt. Er hat in 120 Pflichtspielen 31 Tore erzielt (22 Vorlagen) – gute Werte, aber keine überragenden. Und: Raffael stand in jener Elf, die nach einer starken Saison 2008/09 im Folgejahr sang- und klanglos abstieg. Der kleine Dribbler war keine Führungspersönlichkeit.

Aber Raffael ist einer, den die Fans mögen. Unvergessen der enthusiastische Jubel bei der Mitgliederversammlung im Mai 2010, als Manager Michael Preetz vermeldete: „Es ist uns gelungen, den Vertrag mit Raffael bis 2014 zu verlängern.“ Der Hochbegabte schlug Angebote aus Leverkusen und Dortmund aus – und begab sich mit Hertha (und Bruder Ronny) auf die Ochsentour in Liga zwei gegen Paderborn, Ingolstadt und Fürth. Doch wie im Vorjahr geriet Raffael auch in diesem Sommer mit Trainer Markus Babbel aneinander. Der war nicht gewillt zu akzeptieren, was Vorgänger Favre geduldet hatte: Dass Raffael sich matt durch die Vorbereitung schleppte, aber im Ligabetrieb aufgestellt wurde. „Das Leistungsprinzip gilt für alle, auch für Raffael“, beschied Babbel kühl. Und legte stattdessen die Latte noch höher: „Raffa kann so viel. Da reicht es mir nicht, wenn er in etwa auf dem Niveau der anderen ist.“ Demonstrativ setzte der Trainer seine Nummer zehn zum Ligastart gegen Nürnberg auf die Bank. Prompt unterlag Hertha mit 0:1. Seit dem zweiten Spieltag ist Raffael in der Startelf dabei. Und demonstrierte spiel- und einsatzfreudig seine Qualitäten: vier Tore, zwei Vorlagen. Zuletzt eindrucksvoll demonstriert beim 3:2 in Wolfsburg, als der kleine Brasilianer mit viel Übersicht die Führung erzielte.

Im Prinzip liegt Babbel mit seiner Einschätzung nicht so weit weg von Favre. Der aktuelle Hertha-Trainer lobte gegenüber der Morgenpost: „Raffa hat das Potenzial, ein außergewöhnlicher Bundesliga-Spieler zu werden. Aber dafür muss er Leistungen auf dem Niveau wie am Samstag regelmäßig bringen.“ Der Trainer und sein Spielmacher haben einen Pakt: Der selbstbewusste Bayer Babbel akzeptiert, dass Raffael ein introvertierter Profi ist, der dennoch alles für den Erfolg gibt. Der Brasilianer seinerseits glänzt nicht nur in der Offensive, sondern hilft regelmäßig im Rückwärtsgang, so wie es der moderne Fußball erfordert. „Raffa stellt sich in den Dienst der Mannschaft, ist immer anspielbar“, sagte Babbel. „Und im Eins-gegen-Eins kann er sich sowieso gegen jeden durchsetzen.“ Raffael ist mittlerweile 26Jahre. Wenn er wirklich zu einem Topklub möchte, sollte diese Saison eine erfolgreiche werden. Raffael schmunzelt bei solchen Überlegungen nur: „Ich gebe mein Bestes.“ Gestern auf der Reichsstraße hupte jemand hinter ihm, er solle schneller fahren. Der Brasilianer winkte mit der Hand aus dem Fenster: Überholen. Raffael ist niemand, der sich so schnell aus der Ruhe bringen lässt.

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