Hertha BSC

Babbels selbstverordneter Urlaub wirft Fragen auf

Nach der 0:4-Pleite in München nahm sich Hertha-Trainer Markus Babbel drei Tage frei. Der Großteil seiner Mannschaft musste währenddessen trainieren. Eine fragwürdige Entscheidung.

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Das 0:4 von Hertha BSC am Sonnabend in München gegen den FC Bayern liegt Dienstagnachmittag um 15.30 Uhr ziemlich genau 70 Stunden zurück. 70 Stunden, in deren Verlauf der nicht-bajuwarische Teil des Kaders am Sonntagmorgen unter Aufsicht von Trainerassistent Rainer Widmayer auf dem Schenckendorffplatz ausgelaufen ist, während die Herren Thomas Kraft, Christian Lell und Andreas Ottl dies individuell in München zur Aufgabe gestellt bekamen. Und Trainer Markus Babbel sich ohne konkreten Anlass ganz und gar Freizeit verordnet hat – ein außergewöhnlicher Vorgang.

70 Stunden nach dem Debakel versammeln die einzelnen Grüppchen sich immerhin wieder einmal zur gemeinsamen Arbeit. Die über der Frage entstandene Debatte, ob das denn so sein darf, hätte Babbel recht einfach verhindern können – indem er allen Profis des Berliner Bundesligisten dienstfrei gegeben hätte. Etwa unter Verweis darauf, dass entgegen aller vorherigen Planungen nach einer solchen Klatsche alle – Spieler und auch Trainer – den Kopf frei kriegen sollten. Doch auf ausdrückliche Nachfrage bestätigte Babbel in der Pressekonferenz: „Am Sonntag ist ab 9.30 Uhr Auslaufen für alle, außer für die Münchner.“

Beer hätte anders entschieden

Ganz anders jedoch, sagt das Berliner Fußballidol Erich „Ete“ Beer, hätte er als Trainer entschieden. Der 64-Jährige, der pikanterweise selbst seit vielen Jahren in München lebt, hätte zuerst einmal Redebedarf gehabt, allen vorherigen Zusagen zum Trotz und auch unter Zurückstellung privater Interessen. „Ich als Babbel hätte gesagt: ‚Wie ihr euch – noch dazu in meiner Geburtsstadt – ergeben habt, müssen wir erst noch analysieren’.“ Denn FC Bayern hin oder her – Beer, wie viele andere auch, erkannte in der Hertha-Mannschaft vom Sonnabend nicht im Ansatz die der vorherigen Spiele, etwa in Dortmund und Bremen. Beer vermisste alle für den Mannschaftssport nötigen Tugenden: ein kollektives Aufbäumen gegen die sich abzeichnende Niederlage; aber auch ein Wachrütteln einzelner Spieler oder ein Dazwischengehen gegen den so widerstandslosen Wirbel der Bayern-Spieler. „Da war kein Zusammenhalt, sie haben sich hängen lassen und sich ergeben. Ich hatte ein schlechtes Gefühl beim Blick auf die Truppe“, sagt Beer; eines, bei dem sich ihm die Frage stellt, „warum der Trainer bis Dienstagnachmittag frei gibt“.

Nun mögen soundsoviele Psychologen genau diese Verfahrensweise befürworten: Weil ein jeder (Profi-)Sportler anders mit Niederlagen umgeht – und besonders mit solch schmerzlichen Demütigungen –, kann es sogar produktiv sein, wenn das Erlittene auf individuelle Weise verarbeitet wird. Und Babbel handelt sogar konsequent, weil er diesmal nichts anders macht, als er es in früheren Tiefphasen getan hat. So ist aktuell von Hertha auch nur zu vernehmen, dass die im Vorfeld so abgesprochene Planung nun auch im Nachhinein nicht anders zu beurteilen sei.

Politik der ruhigen Hand

Im Zuge der Herbstkrise in der zurückliegenden Zweitligasaison mit fünf Niederlagen aus sieben Pflichtspielen gestand Babbel, dass auch er als Coach mitunter einen Tag brauche, um die Gedanken zu sortieren – und dann wieder mit voller Kraft und Konzentration durchstarten zu können. Vom vorletzten Hinrundenspiel gegen Aue an bekam das Unternehmen Wiederaufstieg die Kurve. Schon kurze Zeit nach dem damals so wichtigen 2:0 dankte Babbel den Spielern, dass sie alle so gut mitgezogen hätten.

Auch nach der großen Enttäuschung zum Start dieser Saison gegen Nürnberg (0:1) änderte Babbel nichts an seiner Politik der ruhigen Hand. Die Nationalspieler befanden sich eh auf Kurzreisen, die Analyse der Startniederlage geriet gegenüber der Vorschau auf die kommenden Aufgaben in den Hintergrund. Anschließend blieb Hertha fünfmal am Stück unbesiegt.

München-Reise als "Bonusspiel"

Und diesmal? Die Partie bei den Bayern hatte Babbel ohnehin als „Bonusspiel“ abgetan; die Körpersprache der Spieler in den ersten 15 Minuten und der Zwischenstand aus Berliner Sicht (0:3) waren entsprechend. Erst jetzt, so der Tenor, kämen mit Mainz, Wolfsburg und Mönchengladbach – dem aktuellen Tabellenzweiten – „die Gegner, die wir im Kampf um den Klassenerhalt schlagen müssen“. Doch ist bis dahin ein Auftritt aufzuarbeiten, der mit all seinen Schwachstellen durchaus künftigen Gegnern als Blaupause für eigene Wege zum Erfolg gegen Hertha dienen könnte. Stichwort Tempospiel.

Ein Problem bekommt Babbel erst recht, wenn seine menschelnde Art einmal auf breiter Front Widerstand hervorruft. Besonders konfliktträchtig ist das Dauerthema München. Schon vor zehn Tagen hatte Babbel sich noch während des laufenden Testspiels beim Oranienburger FC (5:0) zum Flughafen bringen lassen, um die Abendmaschine in die Heimat zu erwischen. In seinem Schlepptau: der pünktlich zur Halbzeit ausgewechselte Christian Lell. „Auf Dauer“, sagt Ex-Profi Beer deutlich, „gehen solche Extrawürste nicht – und schon gar nicht im Spiel- und Trainingsbetrieb. Da gelten gewisse Termine entweder für alle, weil ein Team eine Einheit ist. Oder man läuft Gefahr, den ein oder anderen sich ungerecht behandelt fühlenden Profi zu verlieren.“

Überhaupt, sagt Beer, gehöre von Vereinsseite eines künftig klipp und klar geregelt: „Bei einer Vertragsverlängerung mit Babbel gehört ihm die Auflage gemacht, dass er ganz und gar nach Berlin zu ziehen hat. Als Zeichen, dass er sich zuerst mit der Aufgabe Hertha, aber auch der Stadt Berlin und den Leuten identifiziert.“ Und eben nicht mehr permanent dem Ruf der Heimat erliegt.

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