Spiel gegen Bayern

Vier Herthaner kehren in die Heimat zurück

Babbel, Lell, Ottl, Kraft – der Hertha-Trainer und drei Spieler des Berliner Erstligisten haben ihre Jugend beim FC Bayern verbracht. Das Insider-Wissen könnte Vorteile für das Spiel gegen den Branchenprimus am Sonnabend bringen.

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Markus Babbel überlegte nur kurz. Wie oft er bei seinem Heimatbesuch auf das kommende Spiel angesprochen worden sei. „Exakt null Mal“, sagte der Trainer von Hertha BSC. Das ist insofern erstaunlich, weil die Berliner am Sonnabend bei Bayern München antreten (15.30 Uhr). In eben jener Stadt, woher Babbel stammt und wo seine Ehefrau mit den Kindern lebt. Auch Christian Lell meldet den gleichen Befund. „Das war kein Thema“, sagte der rechte Verteidiger, der ebenfalls am vergangenen Wochenende zu Besuch in seiner Geburtsstadt war. Bei Hertha ist die Vorfreude groß. Die Rede ist vom „Bonus-Spiel“ (Babbel), einer Partie, „für die ein Jahr lang hart gearbeitet wurde, damit wir sie spielen können“ (Lell). Nach einer Saison in der Zweiten Liga geht es wieder zum Branchenprimus. Hertha Auge in Auge mit dem Bestem, was der deutsche Fußball zu bieten hat. Eine Ansetzung als Balsam für das blau-weiße Selbstbewusstsein.

Alles eine Frage der Perspektive, heißt es aus München. Auch beim Tabellenführer und Titelfavoriten aus München liegt der Fokus auf einem Spiel: jener Partie, die die Weichen stellen soll für einen weiteren guten Saisonverlauf. Die Rede ist vom dritten Spieltag der Champions League, die Bayern spielen am kommenden Dienstag beim SSC Neapel. Aus Münchener Sicht ist Hertha BSC eine Pflichtaufgabe, die drei Punkte gegen den Aufsteiger sind fest eingerecht.

Ein Quartett aus Berlin weiß genau um die Gefühlslage des Rekordmeisters Bescheid: Babbel und Lell (27) sind ebenso gebürtige Münchener wie Andreas Ottl (26). Jeder von ihnen hat mehr als ein Jahrzehnt beim deutschen Vorzeigeklub verbracht. Thomas Kraft (23) stammt zwar aus dem Siegerland, ist aber von 2004 bis 2011 durch die Bayern-Schule gegangen.

Deshalb ist Babbel auch nicht überrascht, dass die Partie gegen den Hauptstadt-Klub an der Isar keine weiteren Kreise zieht. „Entschuldigung, das ist nicht FC Bayern gegen Real Madrid. Das ist Bayern gegen Hertha BSC, dementsprechend sehen die das. Die müssen die Aufgabe bewerkstelligen, um für deren großes Spiel in Neapel gerüstet zu sein. Der ganz große Gegner sind wir nicht.“

Wobei der Klassenneuling bereits gute Erfahrungen mit einer Ansetzung wie an diesem Wochenende gemacht: Auswärtsspiel für Hertha bei einem scheinbar übermächtigen Gegner, der drei Tage später in der Champions League spielt. Bei Meister Borussia Dortmund, bei dem im Umfeld nur die Rede vom FC Arsenal war, hat der Außenseiter aus Berlin 2:1 gewonnen.

Babbel kennt Bayern-Interna

Ja, räumt Babbel ein, die Situation ist ähnlich „Aber für Dortmund ist das doch etwas anderes. Die haben zum ersten Mal seit x-Jahren wieder Champions League gespielt. Die Bayern sind den Rhythmus gewohnt, drei Spiele pro Woche zu haben.“ Der Hertha-Trainer weiß, wie man trotz der Termindichte Erfolg haben kann: Er hat sieben Titel in München gewonnen (vier Meisterschaften, zwei DFB-Pokalsiege, einen Uefa-Cup-Sieg).

Christian Lell erzählt, dass die Spiele-Hatz irgendwann normal wird. „Wir waren wir verwundert, wenn wir mal sieben Tage zwischen zwei Spielen hatten.“

So ausgeleuchtet wie die Bundesliga mittlerweile ist, bringt es Vorteile, wenn gleich vier Herthaner so gut Bescheid wissen über das Innenleben des Gegners. Babbel lobt zunächst seine ersten Arbeitgeber, bei dem er bis zum Jahr 2000 angestellt war: „Ich komme immer wieder gerne zurück, weil es ein Klub mit tollen Charakteren ist. Wenn man so lange Zeit weg ist wie ich, ist es nicht selbstverständlich, dass der Kontakt noch so gut ist, wie er ist.“ Der Hertha-Trainer ist mit seinem ehemaligen Mitspieler Christian Nerlinger befreundet, der mittlerweile Bayern-Manager ist. Auch zu Philipp Lahm und Mario Gomez hat Babbel einen Draht: „Es ist für uns ein kleiner Vorteil, weil man gewisse Gewohnheiten seiner ehemaligen Mitspieler nach einigen Jahren natürlich ganz gut kennt.“

Andreas Ottl sagt, trotz seiner Herkunft ist das „natürlich ein Auswärtsspiel. Ich spiele jetzt für Hertha.“ Beim Erzählen wird aber deutlich, dass es eine sehr besondere Dienstreise wird. Ob die Busfahrerin der Bayern, den Zeugwart oder den Mann, der den Einlaufkindern im Stadion die Plätze zuweist: „Ich kenne die alle. Das wird bestimmt herzlich.“

Wer es mit Hertha gut meint, hat die Verpflichtung der geballten Fußball-Kompetenz aus München als Signal gewertet, dass nun das vielbeschworene „Sieger-Gen der Bayern“ auch in Berlin anlande. Trainer Babbel drückt das nicht exakt so aus, sagt aber: „Wenn du in München spielst, bekommst du eine gewisse Gelassenheit, sonst schaffst du die Menge an Spielen, in denen du immer unter Druck stehst, einfach nicht.“

Die Spötter hingegen lästerten, Hertha wolle auf Nummer sicher gehen, hole aber nur Spieler, die es bei den Bayern nicht geschafft haben. Solche Kritik lässt Thomas Kraft kalt. Der Torwart, der in München als Bauernopfer herhalten musste für einen Streit, den sein damaliger Trainer Louis van Gaal mit dem mächtigen Uli Hoeneß austrug („Mit der Entscheidung, Thomas Kraft ins Tor zu stellen, ging die Scheiße los“), sagt: „Ich muss in München niemandem mehr etwas beweisen. Ich spiele jetzt für Hertha.“ Im Übrigen berichtet der Schlussmann, dass sich Hoeneß bei ihm entschuldigt hat.

Ottl und die Chance bei Hertha

Auch Andreas Ottl, der in München ein geschätzter Mannschaftsspieler war, der sich aber nie langfristig in der Stammelf etablieren konnte, will von alten Rechnungen nichts wissen. „Das war eine tolle Zeit. Die Bayern sind immer ehrlich zu mir gewesen. Ich wusste stets, woran ich bin. Aber das ist vorbei.“ Für den Mittelfeldspieler ist die Situation ähnlich wie für Kraft und Lell: Die eigene Karriere soll in Berlin in neue Höhen gehen. Bei Hertha wollen die Ex-Münchener die Entwicklung zum Stammspieler und dann zur Führungskraft schaffen. Lell ist nach 15 Hertha-Monaten als Vizekapitän auf einem guten Weg. Für Kraft und Ottl, erst im Juli gekommen, hat sich das Abenteuer Berlin gut angelassen. Beide standen in allen acht Bundesliga-Partien von der ersten bis zur letzten Minute auf dem Feld.

Trainer Babbel fordert seine Mannschaft auf, den Ausflug zu den Bayern zu genießen. „Für uns geht es erst danach richtig weiter. Mainz, Wolfsburg, Gladbach, Freiburg – das sind die Gegner, mit denen wir uns messen können. Da müssen wir dann auch Punkte holen.“

Fischstäbchen- Wette

Blutwerte: Schneller als erwartet meldet sich Adrian Ramos (24) zurück. Der Torjäger, der wegen eines operativen Eingriffs am verlängerten Rücken fast vier Wochen mit dem Training aussetzen musste, verfügt wieder über gute Blutwerte. „Ich weiß noch nicht, wie lange Adrian durchhält. Aber er ist in München in jedem Fall dabei“, sagte Hertha-Trainer Markus Babbel.

Kumpels: Bayern-Verteidiger Jerome Boateng (23) sorgte bei einer Presserunde in München für Heiterkeit. Der Ex-Herthaner hat mit seinem Berliner Kumpel Änis Ben-Hatira gewettet, dass Boatengs Mutter im Fall eines Hertha-Sieges Ben-Hatira bekochen muss. Worum wetten hochdotierte Profis? Ben-Hatiras Wunsch: „Fischstäbchen, weil die kocht niemand so gut wie Deine Mutter.“

Fans: Hertha wird gegen den Favoriten FC Bayern nicht allein antreten. Die Berliner Anhänger haben das komplette Kontingent von 4653 Karten komplett ausgeschöpft.

Schiedsrichter: Die Partie des neunten Bundesliga-Spieltages in der Münchener WM-Arena leitet der Unparteiische Michael Weiner, Polizeirat vom TSV Ottenstein.

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