Testspiel

Hertha präsentiert sein neues Juwel Kiesewetter

Hertha BSC hat sein Testspiel gegen den Landesligisten Oranienburger FC Eintracht mit 5:0 (3:0) gewonnen. Für die Berliner traf das 18-jährige Jungtalent Jerome Kiesewetter gleich doppelt.

Die ersten Fans stehen schon 90 Minuten vor Anpfiff auf der Tribüne. An langen Stangen haben sie Flaggen angebracht, die kräftig im Abendwind wehen. Niemand will sich hier die raren Plätze entgehen lassen, und schon gar nicht auf den Sondertribünen, die der Oranienburger FC an diesem Abend aus Stahlrohren und Holzpaletten aufgebaut hat. Hertha BSC ist zu Gast, der Fußball-Bundesligist aus der Hauptstadt nebenan. Ein Spiel, das beim FC natürlich alle in den Bann zieht. Wo normalerweise der FC Hennigsdorf, Rot-Weiß Kyritz oder Babelsberg – die Fortuna, wohlgemerkt – vorspielen, gastieren also nun die Stars um Raffael, Christian Lell und Co.

Für die Berliner wiederum ist das Freundschaftsspiel beim Tabellenführer der Landesliga Nord, siebte Spielklasse, wie eine Reise in eine andere Zeit. Eine Reise, die sie zwischen der zeitweiligen Gala beim 3:0 gegen den 1. FC Köln und der prestigeträchtigen Partie beim FC Bayern München am kommenden Sonnabend zur rechten Zeit kommt. In Oranienburg ticken die Uhren fußballtechnisch eine ganze Ecke langsamer: Statt der sonst gewohnten 60.000 Zuschauer kommen zu dem freundschaftlichen Vergleich 1550 Anhänger. Das ist selbst für die Veranstalter ein bisschen unerklärlich wenig. Doch findet Hertha-Präsident Werner Gegenbauer später lobende Worte: „Ich habe den Eindruck, dass sich hier alles stabilisiert hat. Es hat Spaß gemacht, hierher zu kommen.“ Das sagte er nicht nur mit Blick auf das verdiente 5:0 (3:0) seiner Mannschaft.

110 Jahre Oranienburger FC

Die Oranienburger konnten mit Neuerungen aufwarten: Das Spiel gegen Hertha BSC ist zugleich die Einweihung der neuen Sitztribüne, die immerhin drei Reihen roter Schalensitze umfasst und von denen eine genau auf Höhe der Mittellinie eine Marke mit der Aufschrift „Bürgermeister“ trägt. Ehre, wem Ehre gebührt.

Bei der Anreise allerdings ist von Fußball-Stimmung noch nicht viel zu spüren. Vor allem Hunderte Pendler spült der Regionalexpress aus Berlin auf den Bahnsteig, die meisten von ihnen haben Koffer dabei. Sie reisen weiter. Nur ein leises Klimpern aus einer Plastiktüte verrät: Hier sind Bier trinkende Fans im Anmarsch, irgendwo versteckt in der Pendlermasse.

Um 17.15 Uhr ist es dann soweit: Der Hertha-Bus fährt vor, die Stars steigen aus. Am Stadionzaun drängt sich eine Jugendmannschaft, sie zerrt und klettert, bis der Jugendtrainer sie zur Ordnung ruft. Die Jungs gehören zur Minderheit des Abends: Sie tragen Trainingsanzüge des FC, die meisten Besucher der Partie sind blau-weiße Fans. Eine wirkliche Auswärtsreise ist die Partie in Herthas Partnerstadt nicht: 26 Kilometer trennen laut Hinweisschild am Bahnhof Spandau von der Stadt an der Havel. Kein Wunder also, dass die Städte eine gemeinsame Geschichte verbindet: Vor 110 Jahre, so erzählen es die Chroniken des FC, halfen die damaligen Hertha-Spieler beim Aufbau einer Mannschaft in Oranienburg.

Spätestens, als kurz vor Anpfiff noch die Hertha-Hymne aus den Stadionlautsprechern dröhnt, hat dieser Abend den Charakter einer weiteren Station der Kieztour „Hertha hautnah“ erreicht. Nur unter dem Schein des neuen Flutlichts, und Elf gegen Elf, versteht sich. Auf dem Platz hat dann ein Youngster seinen großen Auftritt: Jerome Kiesewetter (18), Herthas Nachwuchsspieler, der erstmals in der A-Elf steht. Der Deutsch-Amerikaner trifft in der 16. Minute zum 1:0 für die Berliner, eine Minute vor dem Ende stellt er den 5:0-Endstand her. Kiesewetter war zuvor schon mehrfach bei der U23 als schneller, gefährlicher Stürmer aufgefallen. Raffael traf per 22-m-Freistoß in den linken Winken zum 2:0 (30.). Christian Lell schob mit dem Pausenpfiff zum 3:0 ein.

Nach der Pause erlaubt sich Markus Babbel einige Wechsel: Der Hertha-Trainer nimmt Christian Lell, Peter Niemeyer, Andre Mijatovic und Raffael aus der Partie. Statt ihrer agieren Andreas Ottl, Marco Djuricin, Atakan Yigitoglu und Sascha Burchert – als Rechtsaußen, wohlgemerkt. Der etatmäßige Torwart schaltet sich gleich mal vorne ein und bedient Djuricin zum 4:0.

Dann gibt es für die Fans kein Halten mehr, sie stürmen den Rasen. Danach leert sich das Stadion ziemlich schnell: „Komm, ab nach Hause, Deutschland gucken!“, raunt ein Zuschauer seinem Kumpel zu, „fängt gleich an und ist interessanter.“ Sportlich sicher richtig – doch Oranienburg wird vom Hertha-Erlebnis wohl trotzdem noch ein wenig zehren.

Kurios: Einer erlebte den Schlusspfiff nicht mehr mit. Hertha-Trainer Markus Babbel hatte angefragt, ob man die Partie um 17.30 Uhr, also eine Stunde früher, anfangen lassen könnte. Das hatten die Gastgeber bedauernd abgelehnt. Mit Rücksicht auf die Zuschauer, die ebenso wie die eigenen Spieler zuvor arbeiten mussten. Es blieb also beim Anstoß um 18.30 Uhr. Folge: Babbel verzog sich im Lauf der zweiten Hälfte unauffällig in Richtung Flughafen – er wollte noch rechtzeitig die letzte Maschine zum Heimflug zur Familie nach München erwischen.

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