Bundesliga

Warum Hertha BSC auf den Heimvorteil pfeift

Auswärtssiege gewinnen mehr und mehr an Bedeutung. Deswegen mauern Hertha BSC und andere Teams nun auch zu Hause. Das macht die Partien zwar nicht gerade attraktiver, erhöht aber die Erfolgschancen.

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Früher war alles ganz einfach, zumindest im Fußball. Als Aufsteiger oder kleine Mannschaft, so die gängige Annahme, musst du deine Heimspiele gewinnen. Dazu noch ein paar Punkte aus der Fremde mitnehmen – das genüge für den Klassenverbleib. Von „Festungen“ war dann in Bezug auf die eigenen Stadien die Rede, von Angst, die der Gegner haben müsse, und überhaupt: Der Grundstock für eine erfolgreiche Saison werde zu Hause gelegt, fertig, Ende, aus. Auch bei Hertha BSC war das viele, viele Jahre lang nicht anders. Nur einmal, ein einziges verflixtes Mal, schaffte es der Berliner Bundesliga-Aufsteiger, mehr Punkte auf des Gegners Platz zu holen als im Olympiastadion: in der Saison 2009/2010. Die Mannschaft stieg als Folge ab.

Bedeutung von Auswärtssiegen gestiegen

Ganz so einfach ist das inzwischen allerdings nicht mehr. Denn die Bedeutung von Auswärtssiegen ist in den vergangenen 20 Jahren deutlich gestiegen, und von Jahr zu Jahr gibt es mehr Mannschaften, die in der Endabrechnung der Saison mehr oder gleich viele Punkte wie in der Fremde geholt haben als daheim. Nach dem elften Spieltag der aktuellen Saison sind es sechs Mannschaften, Hertha gehört genauso dazu wie illustre Kandidaten wie Bayer Leverkusen, der Hamburger SV und vor allem Mainz 05, die Überraschung des Vorjahres. Seit 1990 schafften dieses Kunststück genau 23 Mannschaften. Davor, zwischen der Gründung der Bundesliga und eben jenem Jahr, exakt eine Mannschaft: Eintracht Frankfurt 1964/1965. „Viele alte Weisheiten sind nicht mehr in Stein gemeißelt“, sagt deshalb auch Frank Wormuth, als Leiter der Fußballlehrerausbildung des DFB wahrlich ein Kenner der taktischen Trends. Er beobachtet schon seit geraumer Zeit eine Veränderung.

Zwar gingen Heimmannschaften noch immer mit breiter Brust ins Spiel, weil sowohl die Fans als auch die Spieler selbst eine hohe Erwartungshaltung hätten. Aber: Bei einer offensiv ausgerichteten Spielweise habe der Gegner eben auch mehr Freiräume. Wohl auch deshalb sei „kompakt stehen“ eine der am häufigsten gebrauchten Wendungen der vergangenen Jahre.

Keiner will mehr das Spiel machen

Ist der früher vielbeschworene Heimvorteil also ein Auslaufmodell? Zumindest sieht es so aus, als würden sich immer weniger Heimmannschaften die Bürde des Favoriten und damit die Erwartungen an das Spiel aufdrücken lassen wollen. Auch bei Hertha lässt sich dieser Trend ganz gut erkennen. Die Mannschaft gewann mit Blitzfußball in Dortmund und am Wochenende auch in Wolfsburg. Die Heimauftritte dagegen brachten bislang zwar Punkte, aber nur selten Spaß. Routinier und Vizekapitän Christian Lell drückt es so aus: „Es liegt uns mehr, wenn der Gegner das Spiel machen muss“, und das ist auswärts nun mal eher der Fall. Sportlich ist es so gesehen dumm, dass alle 14 Tage ein Heimspiel ansteht, so wie am Sonnabend gegen Borussia Mönchengladbach. Also lässt Lell seinen Gedanken einfach mal freien Lauf und formuliert einen bemerkenswerten Satz: „Vielleicht müssen wir zu Hause taktisch einfach so spielen wie auswärts.“ Heißt: tief stehen, abwarten, Ball erobern, schnell zuschlagen. Lell drückt damit zwar aus, was viele seiner Kollegen auch bei anderen Teams denken. Nur: So klar hat es bislang noch keiner formuliert.

Der Anspruch, die Fans mit dominantem Offensivfußball zu begeistern, steht dieser Forderung normalerweise im Weg. Denn was passiert, wenn der Gegner nicht mitmacht und selbst tief steht? „Dann müssen wir sie eben dazu zwingen, das Spiel zu machen“, sagt Lell. Denn das Problem ist: Um Systeme wie das gleichsam modische wie defensive 4-2-3-1 zu knacken, sei eine größere Anzahl an fußballerisch sehr starken Spielern nötig, sagt Taktikexperte Gerd Merheim von der Deutschen Sporthochschule Köln, der ebenfalls in die Trainerausbildung involviert ist. Aber: „Spieler im Format eines Arjen Robben oder Franck Ribery laufen nicht zu Hunderten herum.“ Deshalb bliebe vielen Mannschaften, die wie Hertha spielerisch limitiert sind, selbst in ihren Heimspielen nicht mehr übrig, als auf den entscheidenden Ballgewinn und die Taktik der Nadelstiche zu setzen – und damit eben die etablierte Spielweise der Auswärtspartien zu kopieren. Lells Forderung liegt also voll im Trend. Selbst Teams wie die deutsche Nationalmannschaft behelfen sich oft mit dieser Variante.

Zu wenig Torschüsse in der Serie A

Wormuth hat verschiedene Mannschaften untersucht und kommt zu dem Schluss: „Topteams benötigen nach der Balleroberung acht bis zehn Sekunden, um zum Abschluss zu kommen.“ Kein langes Geschiebe, sondern ab nach vorn. Das habe auch Hannover 96 exakt so gemacht – der Erfolg gab dem Klub Recht. Bei Borussia Mönchengladbach, Herthas nächstem Gegner, hat Wormuth übrigens eine Taktik festgestellt, die den Berlinern nur allzu bekannt sein dürfte: Lucien Favre lässt genau wie zu seinen Hertha-Zeiten immer sechs Mann hinter dem Ball agieren. „Es geht nicht um Attraktivität, sondern um Effektivität“, sagt Wormuth – genau das hatten die Berliner Fans irgendwie immer leicht kritisiert, selbst als die Mannschaft um den Einzug in die Champions League spielte.

Um den Aspekt der Attraktivität macht sich auch Merheim Sorgen: „Es ist kein Zufall, dass kein internationaler Fernsehsender mehr die italienische Liga zeigen will“, sagt er. Individuelle Feinheiten an der Mittellinie habe es in der Serie A zuletzt zuhauf gegeben. Aber eben so gut wie keine Torszenen mehr.

Hertha-Manager Michael Preetz wendet ein: „Es ist eine Kunst, jede Woche das Spiel zu machen. Mir fallen in Europa außer Barcelona nicht viele Mannschaften ein, die das beherrschen.“

"Wir müssen defensiv besser stehen"

Der Spagat, den die Trainer dabei gehen müssen, ist immens. Nicht umsonst bremst Hertha-Trainer Markus Babbel nach dem spektakulären 3:2 in Wolfsburg am vergangenen Wochenende die Erwartungen: „Auch wenn das ein Spektakel für die Zuschauer war: Wir müssen defensiv besser stehen, weil wir nicht in jedem Spiel drei Tore schießen können, um zu gewinnen.“

Experte Wormuth drückt sich um das Wort „Mauertaktik“ ein wenig herum. Nein, so würde er das nicht nennen, zu negativ. Aber defensiver ständen die Mannschaften in den Heimspielen nun schon. Und dass eine auswärtslastige Saison tatsächlich großen Erfolg bringen kann, hat Trainer Thomas Schaaf bewiesen. 2004 gewann er mit Weder Bremen die Deutsche Meisterschaft – mit mehr Auswärts- als Heimsiegen.

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