Auswärtssieg

Hertha belohnt sich beim Wolfsburger Kraftakt

Zweimal konnte der VfL Wolfsburg gegen die Berliner ausgleichen, für ein drittes Mal reichte es aber nicht. Beim Auswärtssieg von Hertha BSC trafen Raffael, Kobiashvili und Lasogga. Torhüter Thomas Kraft musste ausgewechselt werden.

Für einen schlechten Tag hatte Änis Ben-Hatira die bestmögliche Entscheidung getroffen. Nachdem Trainer Markus Babbel sich tags zuvor aus Gründen mangelhafter Leistung für einen Verzicht auf den offensiven Mittelfeldspieler von Hertha BSC entschieden hatte, setzte der sich eben privat ins Auto und legte die rund 230 Kilometer von Berlin bis zur Arena des VfL Wolfsburg zurück. Von der Tribüne aus erlebte er einen höchst leidenschaftlichen Auswärtsauftritt seiner Kollegen, der dank großer Moral auch mit einem Sieg belohnt wurde: Nur Sekunden nach Marcel Schäfers 2:2 stellte Pierre-Michel Lasogga fünf Minuten vor Schluss auf den Endstand von 3:2 (2:1).

Ben-Hatira sollte die 90 Minuten von Wolfburg als Anschauungsunterricht abspeichern. „Die Jungs haben gekämpft, alles aus sich rausgeholt“, verteilte Babbel ein Pauschallob an alle 14 eingesetzten Spieler. Offenkundige defensive Schwächen überdeckte wirkungsvoll eine nimmermüde Offensive, die Rückschläge in Form von Gegentoren jeweils postwendend konterte. „Ein ganz komisches Spiel, eine Achterbahnfahrt“, hatte Babbel erlebt. Eine mit glücklichem Ausgang für seine Berliner, die zwar auf Tabellenplatz zehn verweilen, aber den Abstand auf die Abstiegsränge vergrößert haben.

An Ben-Hatiras Stelle links im Mittelfeld spielte Adrian Ramos, weil Babbel sich für Lasogga als Angreifer an vorderster Front entschieden hatte. Der 19-Jährige war einer von vier Neuen gegenüber dem 0:0 im tristen Heimspiel eine Woche zuvor gegen Mainz. Außerdem rückte Peter Niemeyer zurück ins Team, Maik Franz ersetzte Roman Hubnik (Rückenprobleme), und auch Nikita Rukavytsya kam zu seinem Startelfdebüt in der Bundesliga – weil Babbel neben Ben-Hatira auch auf Patrick Ebert verzichtet hatte.

Erst 40 Minuten vor Spielbeginn, und damit bemerkenswert spät für eine Heimmannschaft, waren die Wolfsburger in ihrem Stadion eingetroffen. Er habe, sagte VfL-Trainer Felix Magath gewohnt süffisant, eben noch einiges an Redebedarf verspürt. Etwa musste er seiner Mannschaft mitteilen, dass Aliaksandr Hleb nach auskurierter Meniskusverletzung sein Debüt im Trikot der Wölfe geben würde – und das prompt in der Startelf: „Unser Offensivspiel rollt ja noch nicht so, wie wir uns das vorstellen, und er ist ein Spieler, der nach vorn was entwickeln kann – das soll er mal zeigen“, sagte Magath.

Auch ohne Geniestreiche des erstmals seit Mai 2010 in der Bundesliga aktiven Weißrussen griff das Wolfsrudel 25 Minuten lang mit größter Aggressivität das Berliner Tor an. Unterbrochen nur von einer einzigen Torannäherung von Raffael aus (zu) spitzem Winkel (16. Minute), entwickelte sich das Geschehen zu einem Duell Wolfsburg gegen Thomas Kraft. Und der Hertha-Torwart bestand sämtliche Prüfungen, gleich drei davon gegen VfL-Kapitän Träsch (5., 7., 31.). Glück hatte Kraft hingegen, dass Raffael die Flugbahn eines Freistoßes von Marcel Schäfer aus 25 Metern per Haaransatz noch derart beeinflusste, dass der Ball gegen die Querlatte prallte.

Auch für den Bruch im Spiel sorgte Raffael – diesmal in seiner originären Bestimmung als Spielmacher und in Form des 1:0. Eine gedankenschnelle Weiterleitung von Lasogga nahm er ebenso temporeich auf, von links zog er in den Sechzehner, und weil zentral kein Abnehmer lauerte, schlenzte Raffael den Ball eben scheinbar mühelos ins lange Eck. Seinen Torjubel zelebrierte Raffael vor dem proppevollen Herthablock, indem er mit beiden Händen ein großes Herz in die Luft malte. Die Gästeführung markierte den Beginn einer wilden Schlussphase von Durchgang eins.

Ausgleich, Abseitstor, Elfmeter, erneute Gästeführung, Torwartwechsel, Pfostenschuss von Lell, aber auch ein Beinahe-Eigentor desselben Spielers – alles war drin. Auf Zuspiel des Ex-Berliners Ashkan Dejagah traf erzielte VfL-Torjäger Mandzukic seinen siebten Saisontreffer – 1:1 (31.). Aber die Berliner schüttelten sich nur kurz, dann setzte Ramos eine butterweiche Freistoßflanke von Rukavytsya per Kopf ins Netz – doch Schiedsrichter Hartmann verweigerte dem möglichen 2:1 die Anerkennung, weil der im passiven Abseits postierte Niemeyer durch sein Bemühen um einen Kopfball aktiv geworden war (32.).

Machte nichts, bis zur erneuten Führung vergingen nur weitere fünf Minuten: Ramos schickte Lasogga auf die Reise, ihn stoppte VfL-Keeper Benaglio mit einem Griff gegen den Oberschenkel – Gelbe Karte, Elfmeter und 2:1 durch Levan Kobiashvilis humorlos verwandelten Strafstoß. Doch korrekt wäre ein Platzverweis für Wolfsburgs Torwart gewesen, weil sein Angriff nur dem Mann und nicht dem Ball galt.

Der blau-weiße Anhang feierte noch, da machte sich plötzlich Sascha Burchert an der Seitenlinie für einen Einsatz bereit. Nanu? Kraft trabte vom Feld, an der Seitenlinie signalisierte er, einen Schlag gegen den Kopf erhalten zu haben. Ursächlich dafür war ein Duell bereits nach acht Minuten gegen Mandzukic gewesen; nach 38 Minuten ging nichts mehr für Kraft. Burchert hatte seine erste famose Tat in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit: Einen von Lell abgefälschten Schuss bewahrte er reaktionsschnell vor dem Überschreiten der Linie. Eine frühzeitige Entscheidung vergab nach dem Seitenwechsel gleich zweimal Rukavytsya; beide Male scheiterte er frei vor dem Tor an Benaglio (57., 69.). So war es fast folgerichtig, dass der Wolfsburger Schäfer diesen verschwenderischen Umgang mit Torchancen noch bestrafte. Doch dann war da ja noch Matchwinner Lasogga mit seinem vierten Saisontor.

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