Hertha BSC

Markus Babbel vertraut seinem Bauchgefühl

Herthas Coach Babbel überrascht mit spontanen Aussagen und Wechseln. Doch der Erfolg scheint ihm Recht zu geben.

Vor der Saison gab es im Umfeld von Hertha BSC nicht wenige Kritiker, die Markus Babbel als Schwachpunkt bei Hertha ausgemacht hatten. Frei nach dem Motto: Mit der Toptruppe der Zweiten Liga wäre auch der Busfahrer aufgestiegen. Der Trainer sei mit seinen 39 Jahren zu unerfahren, habe zu wenig Ahnung von Taktik und werde in der Bundesliga überfordert sein.

So weit die Vorurteile. Nun sind elf Runden gespielt, Hertha steht nach dem spektakulären 3:2 in Wolfsburg mit 16 Punkten besser da als erwartet. Die Abstiegszone ist beruhigende acht Zähler entfernt, während es nur drei Punkte bis zu den Europacup-Rängen sind. Neun Tore in der Fremde, kein Team hat auswärts mehr Treffer erzielt als der Neuling. Die Konkurrenz bringt den Berlinern Respekt entgegen, der Hauptstadt-Klub gilt als gut organisiert und unbequem zu spielen.

Doch Babbel ist ein Trainer, der mit Zahlen nur bedingt zu fassen ist. Er passt in keine der Schubladen, die die Branche bereithält: Babbel ist kein Konzepttrainer wie Thomas Tuchel. Er kann dem emotionalen Coaching eines Jürgen Klopp nichts abgewinnen. Auch die knurrige Art von Huub Stevens ist dem Hertha-Coach fremd. Die Faktenverliebtheit eines Ralf Rangnick, der jede Sprintintensität vom Computer erfassen lässt, liegt ihm nicht. Babbel dürfte der einzige Erstliga-Trainer ohne Smartphone sein. Weilt er im Trainingslager, hat er keinen Computer dabei. „Meine Umgebung ist hochtechnisch ausgerüstet, da kann ich fragen.“

Stärke in der Teamführung

Den Hype um die jungen, dynamischen Trainer, zu denen er ja auch zählt, bestaunt er. Babbel hat in seiner Karriere vor allem von älteren Trainern gelernt: von Jupp Heynckes, Otto Rehhagel, Giovanni Trapattoni, Ottmar Hitzfeld oder Gerard Houllier. Bei aller Verwissenschaftlichung des Sports, Babbel folgt meist seiner Intuition, seinem Bauchgefühl. Und so hat der Hertha-Coach in der vergangenen Woche einmal mehr seine Stärken in der Teamführung bewiesen. Mit einer Heavy-Rotation beim DFB-Pokalspiel in Essen (sieben Änderungen) hielt er jene Profis bei Laune, die zuletzt kaum Einsätze hatten wie Christoph Janker, Sebastian Neumann, Ronny oder Maik Franz. Sascha Burchert durfte gegen den Viertligisten spielen – und wurde drei Tage später im Ernstfall Bundesliga in Wolfsburg erneut benötigt, als Stammtorwart Thomas Kraft ausfiel.

Babbel ist als Trainer noch in der Entwicklung. Mit seinen manchmal schlichten Einlassungen, wie etwa der Kritik am Berliner, schafft er sich Probleme, die dann niemanden mehr überraschen als ihn. Auch das Coaching während des Spiels ist ausbaufähig. In Wolfsburg indessen bewies der Trainer, dass er und das Team taktisch gelernt haben. Gegen Trainer-Fuchs Felix Magath bot Hertha Varianten an, auf die der Gegner keine Antwort fand. So geschehen übrigens auch beim 3:0 gegen Köln.

Mutig war Babbels Entscheidung, mit Patrick Ebert und Änis Ben-Hatira zwei Stammkräfte ganz aus dem Kader zu streichen. Die Antwort der Mannschaft, inklusive der Nachrücker Adrian Ramos und Nikita Rukavytsya, war eine turbulente Partie samt siegreichem Ende. Vor allem Rukavytsya ließ auf der Bundesliga-Bühne erstmals aufblitzen, warum er vergangene Saison der „Robben der Zweiten Liga“ genannt wurde: pfeilschnell und torgefährlich. Christian Lell sagte: „Nikita hat gemacht, was seit Wochen alle machen, die neu reinkommen: einen Superjob.“

Teamführung ist ein kompliziertes Feld, Babbel hat hier Qualitäten. So wurde Ebert nicht nur wegen drei schlechter Spiele daheim gelassen. Sondern auch, weil das Auftreten gegenüber den Kollegen (und der Fan-Kurve) zu großspurig für die gezeigten Leistungen war. Gleichzeitig betont der Trainer: „Ich will kein Exempel statuieren. Aber in der derzeitigen Verfassung helfen uns Patrick und Änis nicht.“ Gleichzeitig belegt das Beispiel von Rukavytsya, dass der Weg nach einer Nichtberücksichtigung über engagiertes Training und überzeugende Kurzauftritte binnen 14 Tagen von der Tribüne in die Startelf führen kann. Ein berechenbarer Führungsstil ist wichtig, um die Gruppe zusammenzuhalten. Nun liegt es an Ebert: Für den Publikumsliebling kommt die Zurückstufung ungelegen, er spielt um einen neuen Vertrag.

Das Beispiel von Lucien Favre, wohl der begabteste Taktiktrainer, den Hertha in den letzten 25 Jahren hatte, zeigt: Verliert ein Trainer durch unpopuläre Entscheidungen wichtige Teile der Mannschaft, bleiben die Ergebnisse aus. Und dann ist ein Trainer rasch verloren.

Die großen Pflöcke, die über Wohl und Wehe einer Saison entscheiden, werden bei der Kaderzusammenstellung eingeschlagen. Aber zwischen den Transferperioden sind es manchmal die Kleinigkeiten, die über die Stimmung, den Rückhalt in der Mannschaft entscheiden.

So war es am Sonntag nur eine Mini-Besatzung von Hertha, die Dienst auf dem Trainingsgelände versah. Von den Profis, die am Tag zuvor die turbulente Begegnung gewonnen hatten, liefen nur Ottl, Lell, Niemeyer und Franz aus. Auf dem Platz trainierten lediglich Torwart Aerts, die nicht für den Kader berücksichtigten Ebert und Ben-Hatira sowie Torun. Allen anderen hatte der Trainer einen außerordentlichen freien Tag spendiert: Weil sie als Berliner oder als ausländische Profis nicht in den Genuss kommen, ein Bundesliga-Spiel mit einem Heimattrip zu verbinden, so geschehen zuletzt bei Ottl, Lell und Kraft, die in München bleiben durften. Ein geschickter Schachzug des Trainers, um der Mannschaft das Gefühl zu geben, dass alle gleich behandelt werden.

Babbel, der vor 14 Tagen ebenfalls in Bayern geblieben war, ging am Sonntag mit gutem Beispiel voran. Er verfolgte genau, wie seine drei Offensivspieler 75 Minuten trainierten, ehe er sich selbst auf den Weg zum Familien-Sonntag nach München machte. Ein Profi indessen fuhr trotz des freien Tages vor: Während der Trainer gerade erzählte, dass Thomas Kraft wegen seiner Gehirnerschütterung daheim gepflegt werde, chauffierte dessen Frau den Torwart aufs Trainingsgelände. Kommentar von Babbel: „Das gibt eine Abmahnung wegen Einschleimens.“

21 Sprints von Rukavytsya

Rückkehr: Eine gute Woche liegt hinter Nikita Rukavytsya. Hatte ihn Hertha-Trainer Markus Babbel in den vergangenen beiden Ligaspielen nicht einmal eingewechselt, durfte der Australier nach seinem guten Kurzauftritt im Pokal in Essen (ein Tor) in Wolfsburg erstmals von Anfang an spielen. „Er hat so lange nicht gespielt, das war eine tolle Leistung“, lobte Babbel.

Treu: Die Daten von „Impire“ zeigen: Rukavytsya beackerte die linke Außenbahn intensiv. Anders als die Konkurrenz aus Tunay Torun und Patrick Ebert tauschte er nicht mit Adrian Ramos die Seiten.

Schnell: Obwohl der 24-Jährige in der 82. Minute ausgewechselt wurde, legte er mit 21 die meisten Sprints bei Hertha hin. Mehr hatte nur Makoto Hasebe (23) – kein Wunder, denn Hasebe war auch sein direkter Gegenspieler. Er wie einige andere Spieler fragten später Verteidiger Maik Franz: „Wo habt ihr denn die Rakete, euren 13er, da her?“

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