Hertha BSC

Spieler wie Lasogga sind vom Aussterben bedroht

In Liga Zwei gehörte er zu den Aufstiegshelden, in der Bundesliga hingegen kommt Pierre-Michel Lasogga noch nicht in Fahrt und ist trotzdem zufrieden.

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Die Lage ist unklar. Die Kritiker fühlen sich bestätigt. Sie hätten schon vor Saisonbeginn prophezeit, dass es bei Pierre-Michel Lasogga nicht für die Bundesliga reiche. Das bestätige sich nun. Aber auch die Förderer fühlen sich bestätigt. „Ich bin sehr, sehr zuversichtlich, weil Pierre einfach ein guter Junge ist“, sagt Trainer Markus Babbel zu den Aussichten seines Jungstürmers. Die Zweifler rechnen Lasogga vor, dass seine Karriere in der Bundesliga einen Knick habe. Vom Stammspieler und Torjäger in der Zweiten Liga (13 Treffer, fünf Vorlagen) zum Profi auf Abruf. Bei solchen Rechnungen schüttelt Lasogga erstaunt den Kopf. „Ich glaube, dass ich mich weiterentwickelt habe. Ich bin immer noch 19 Jahre jung. Ich habe eine lange Karriere vor mir. Wäre ich schon ausentwickelt, hätte ich keinen Spaß mehr am Fußball. Man will sich ja weiterkommen und neue Erfahrungen sammeln.“

Die Bundesliga als Lernprozess. Hertha empfängt am Sonnabend den 1. FC Köln (18.30 Uhr, Olympiastadion und hier im Live-Ticker von Morgenpost Online ), es steht der achte Bundesliga-Spieltag an. Adrian Ramos, eigentlich im Angriff gesetzt, ist nach seiner Gelb-Roten Karten in Bremen (1:2) gesperrt. Also schauen beim Aufsteiger alle auf den Vertreter des Kolumbianers.

DFB beobachtet Lasogga genau

Lasogga, der seine erste Saison im Oberhaus bestreitet, sagt: „Das wird mein sechstes Bundesliga-Spiel. Ich habe ein Tor vorbereitet und schon eines geschossen. Ich kann absolut zufrieden sein.“

Ein Blick auf die Konkurrenz hilft, die Entwicklung des Berliner Publikumsliebling einzuordnen. In keiner anderen Bundesliga-Mannschaft gibt es einen Stürmer in vorderster Front aus dem Lasogga-Jahrgang 1991. Sogar Andre Schürrle, Shooting-Star der Vorsaison und mittlerweile erfolgreicher Jung-Nationalspieler bei Bayer Leverkusen, ist mit seinen 20 Lenzen 13 Monate älter als der Kollege von Hertha BSC.

Beim Deutschen Fußball-Bund registrieren sie jeden Auftritt von Lasogga. „So einen Stürmer-Typen haben wir sonst nicht“, erklärt Rainer Adrion, Trainer der U21-Nationalmannschaft das Interesse.

Lasogga war trotz seiner beeindruckenden Tor-Quote, die er schon zu Jugendzeiten regelmäßig erzielte, nie zu einer Nachwuchsnationalmannschaft eingeladen worden: zu schwerfällig, technisch nicht stark genug, keiner fürs Profigeschäft – so lauteten die Bedenken. Das hat sich erst mit der fulminanten Premieren-Saison bei Hertha BSC geändert, in der Lasogga erst den mannschaftsintern viel höher gewetteten Rob Friend auf die Bank verwies. Und dann mit seiner wuchtigen, unerschrockenen Art zu spielen, die Gegner reihenweise in Verlegenheit stürzte. Mittlerweile hat er sechs Länderspiele für die U21 bestritten und seine Gefährlichkeit mit drei Toren bestätigt.

Lasogga ist ein Seltener. So viele Millionen die Bundesliga-Klubs in ihre Nachwuchsarbeit investieren, gibt es eine bemerkenswerte Lücke: Mittelfelddribbler wie Özil, Marin, Reus oder Götze werden dort hervorgebracht, hochkarätige Abwehrspieler (Badstuber, Hummels, Jerome Boateng) und Torwarte (Neuer, Adler, Zieler, Ter Stegen, Kraft) sorgen für Aufsehen. Klassische Stürmer sind kaum einmal dabei. Nicht bei Hertha BSC, nur selten bei der Konkurrenz.

Richtig ist aber auch, dass Lasogga jeweils bei den Bundesliga-Heimspielen in der Startelf steht, auswärts hingegen auf der Bank sitzt und der schnelle, bewegliche Ramos allein stürmt. „Ob das Zufall ist, ich weiß es nicht“, sagt Lasogga, „Wichtig ist, dass wir zwei funktionierende Stürmer haben.“

Ebenfalls richtig ist, dass Lasogga die Liga bisher nicht auseinander geschossen hat. Ein Druck, den sein Vorgesetzter bewusst von ihm fernhält. Trainer Babbel setzt auf die klassischen Stürmer-Qualitäten seiner Nummer 19. „Mir ist wichtig, dass Pierre für die Mannschaft da ist. Ob er ein Tor macht oder nicht, ist zweitrangig. Er muss versuchen, das umzusetzen, was ihn in der Zweiten Liga ausgezeichnet hat: der unbändige Wille, den Ball zu erobern. Dem Gegner auf den Keks zu gehen. Das erwarte ich. Dann wird er sich für seinen Aufwand auch belohnen.“

Lasogga ist ein unangenehmer Gegenspieler. Einer, der auch scheinbar aussichtlosen Bällen nachsetzt. Dank dieses Einsatzwillen hat er etwa beim vergangenen Heimspiel gegen Augsburg das zwischenzeitliche 2:1 vorbereitet (Endstand 2:2). Er hat indessen gelernt, dass es in der Bundesliga keinen Sinn macht, jeden Laufweg im Sprint zu machen. Kräfte einteilen heißt das Stichwort, Durchstarten, nur wenn es Sinn macht. Und, dass gerade ein Stürmer erheblich weniger Zeit hat, den Ball zu verarbeiten als in Liga zwei. „In der Bundesliga geht alles schneller. Ich habe gelernt, den Ball gleich mit in die Bewegung zu nehmen. Das erarbeitete ich mir täglich im Training und nehme mir vor, es im Spiel umzusetzen.“

Das Olympiastadion als Ausbildungsstätte, rund 60.000 Zuschauer werden gegen Köln erwartet, um im vierten Heimspiel den vierten Auftritt von Lasogga zu erleben. Inmitten der Erwartungen, der Hoffnungen und der Kritiker wirkt Lasogga erstaunlich gelassen. „Ich will zeigen, dass ich zu Recht in der Startelf stehe.“ Nachdem er seinen ersten Treffer auswärts beim 1:1 in Hannover erzielt hat, freut er sich auf sein erstes Heim-Tor: „Die Emotionen im Olympiastadion sind doppelt und dreifach so groß.“

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