Nach Spiel gegen Bremen

Herthas Sünder entschuldigen sich für Aussetzer

Während Christian Lell und Patrick Ebert Trainer und Mitspieler um Entschuldigung für ihr Verhalten in Bremen bitten, schweigt Adrian Ramos. Der Stürmer muss wohl mit einer Geldbuße rechnen.

Foto: dpa / dpa/DPA

Mit Grätschen kennt sich Abwehrspieler Christian Lell ganz vorzüglich aus. Das hatte er schon am Sonntagabend hinlänglich bewiesen. Beim 1:2 (1:1) von Hertha BSC bei Werder Bremen war er wegen wiederholten Foulspiels des Feldes verwiesen worden. Doch damit nicht genug. Am Vormittag des Folgetages setzte Lell auf dem Trainingsgelände des Berliner Bundesligisten noch einen drauf. Diesmal fuhr er keinem Gegner, sondern einem Kollegen in die Parade: Patrick Ebert. Immerhin nur verbal und auch gar nicht böse gemeint.

Es war ja eine Menge los im Weserstadion. Zwei Gelb-Rote Karten gegen Berliner Spieler hatte es gegeben und dazu einen Ebert, der nach seiner taktischen Auswechslung wutentbrannt schnurstracks in die Kabine marschiert war. Als die Gemüter sich samt und sonders wieder beruhigt hatten, standen zwei der drei Sünder vom Vorabend nebeneinander: Lell neben Ebert. Nur Stürmer Adrian Ramos, ebenfalls mit Gelb-Rot vom Platz geflogen, ließ ausrichten, dass er auch dieses Mal nichts zu sagen gedenke. So hält er es seit Monaten.

Lell rechtfertigt Eberts Ausraster

Gerade hatte Ebert mit seiner Selbstanklage begonnen. Ja, im Nachhinein habe der Trainer selbstverständlich „alles richtig gemacht“. Deswegen habe er sich auch für sein Verhalten „heute früh bei Trainern und Mitspielern entschuldigt“. Er habe „egoistisch“ gehandelt, sagte Ebert reumütig: „So etwas wird nicht wieder vorkommen.“ In diese Selbstgeißelung Eberts grätschte Lell hinein. Und hielt ein Plädoyer für den mitunter hitzköpfigen Kollegen: „Wer Patrick kennt, der weiß, dass er immer zu hundert Prozent motiviert ist.“ Dass Ebert nun so offenkundig wütend über seine Auswechslung gewesen sei, zeige laut Lell, „nur den Teamgeist, der bei uns herrscht“.

Hertha hat in Bremen ein Spiel verloren. In der Nachspielzeit kostete Claudio Pizarros zweiter Treffer den ein paar Sekunden zu früh schon sicher geglaubten Punkt. So weit, so schlecht. Aber wenn die Protagonisten sich nicht komplett in sich selbst täuschen, dann „kann das eine Niederlage sein, die uns sogar noch stärker macht“, glaubt etwa Lell. Ja, auch er müsse sich vorhalten lassen, „dass ich mit kühlerem Kopf in die Aktion hätte gehen müssen“. Lell hatte den Bremer Verteidiger Andreas Wolf umgegrätscht. 75 Meter vom eigenen Tor entfernt. Selbst ohne die Gelbe Karte aus der Anfangsphase des Spiels hätte der Berliner für diese Aktion vom Platz fliegen können. Glatt Rot wäre gerechtfertigt gewesen. „Auch ich war einfach sehr motiviert“, entschuldigte sich Lell. Sie hätten nun mal mit allen Mitteln ihre Unbesiegbarkeit auf des Gegners Platz im Jahre 2011 aufrechterhalten wollen. Nur wohl ein wenig zu sehr. Die gute Absicht wurde zum Fluch. Mit nur noch neun Mann hielt Hertha erstaunlich lange dagegen. Aus Berliner Sicht nur um eine Winzigkeit nicht lange genug.

Geldbuße für Ramos

Auch Schweiger Ramos wusste, dass er eine massive Dummheit begangen hatte. Ein früher Rempler, ein weiterer nach dem Seitenwechsel, dazu ein Ball, den er nach einem Pfiff gegen ihn zum Zeichen des Widerspruchs ins Aus trat – das genügte in der kleinlichen Regelauslegung von Schiedsrichter Felix Brych, um den Kolumbianer mit zweimal Gelb vom Feld zu schicken. Zwar würden sich die Spieler „im Nachhinein keine Vorwürfe mehr“ machen, versichert Lell. Eine Geldbuße für Ramos scheint trotzdem zwangsläufig. „Für so etwas haben wir einen Strafenkatalog und einen Kassenwart“, sagte Trainer Markus Babbel.

Direkt nach Abpfiff hatte er noch auf seine Spieler geschimpft. Tags darauf aber fand Babbel abseits der Strafankündigung sanftere Worte. Die Vorfälle von Bremen sollten schnell abgehakt werden. Schon am Sonnabend wartet schließlich mit dem 1.FC Köln die nächste Herausforderung – und nach nur einem Punkt aus den vergangenen beiden Spielen sieht Babbel im Duell mit dem FC schon eine Partie auf die Berliner zukommen, „wo man vorher sagt: Da sollten wir was holen“. Zumal der Gegner in der Woche darauf die Übermannschaft der Saison ist: der FC Bayern.

Zunächst aber die Kölner – das waren doch die mit dem überaus schlechten Saisonstart und dem Trainer Stale Solbakken, dessen Vorstellungen von Fußball außerhalb Dänemarks niemand so recht zu begreifen schien. Erst recht nicht ein Spaß- und Instinktfußballer vom Schlage eines Lukas Podolski. „Aber jetzt“, verweist Babbel mahnend auf die Gegenwart, „haben sie das System verinnerlicht und kommen immer besser in Fahrt.“ Abzulesen sei das unter anderem an der Tabelle, wo Hertha nur auf Position zwölf, Köln aber schon an zehnter Stelle notiert ist. „Sie haben mehr Punkte als wir“, sagt Babbel. Nun könnte der überraschend gute Saisonstart schon wieder in Gefahr geraten.

Doch so weit wollen und müssen sie bei Hertha nicht denken. Abseits aller Dummheiten war der Auftritt in Bremen gut. Wenn seine Spieler diese Moral mit ins nächste Wochenende mitnähmen, dann müsste ihnen auch vor Köln nicht Bange sein, glaubt Babbel. Auch ohne Lell und ohne Ramos. „Die Mannschaft ist gut und im Kern sehr gefestigt“, sagt auch Lell. Der Beweis hierfür wäre die letzte halbe Stunde in Bremen gewesen, als Hertha trotz doppelter Unterzahl kaum eine ordentliche Torchance des spielstarken Gegners zuließ.

Wieder ein Gegentor nach einer Ecke

Lell sagte, dass er „ja nichts sagen würde, wenn die uns nach den Platzverweisen nach Belieben hergespielt und die Tore nur so eingeschenkt hätten“. Dann wäre eigene Dummheit nun mal ganz verdient bestraft worden. Stattdessen aber fügte es sich nur ins bisherige Bild dieser Spielzeit, dass der späte K.o. in letzter Konsequenz aus einer Ecke resultierte. Wieder mal ein Standardgegentor.

Markus Babbel hatte das Unheil draußen auf der Trainerbank ohnehin kommen sehen. Noch in den Sekunden nach dem finalen 1:2 saß er grinsend da. Es sei der Frust gewesen, erklärte er anderntags, den er auf diese Weise wegzulächeln versucht habe. Schon als Schiedsrichter Brych kurz vorher aus recht fragwürdigen Motiven einen Freistoß vor dem Berliner Tor wiederholen ließ, habe er geahnt, „dass es so sein soll, und wir noch eines kriegen“, berichtete Babbel.

Aber dann erinnerte der ehemalige Innenverteidiger des FC Bayern an einen Abend in Barcelona im Mai 1999. Späte Gegentore – da habe er doch „schon mal was erlebt, wo es um mehr als nur drei Punkte“ gegangen sei: In letzter Konsequenz also, tröstete Babbel die Seinen, sei das so bittere 1:2 der Berliner eben doch „kein Champions-League-Endspiel“ gewesen. Sondern nur eine Bundesligapartie des siebten Spieltags. Mit Aussichten auf baldige Wiedergutmachung.

-> Lesen Sie mehr hierzu und reden Sie mit - im Blog "Immer Hertha"!

-> Und damit Sie auch künftig nichts verpassen: Werden Sie Fan von immerhertha.de bei Facebook .