Werder-Trainer

Für Schaaf ist Hertha ein "auffälliges" Team

Hertha BSC tritt zum Auswärtsspiel in Bremen an. Vor der Partie spricht Morgenpost Online mit Werder-Trainer Thomas Schaaf über die Stärken der Berliner und den Burn-out von Ralf Rangnick.

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Um 17.30 Uhr tritt Hertha BSC am heutigen Sonntag beim Tabellenzweiten Werder Bremen an. Trainer Markus Babbel, selbst der zweitjüngste Trainer in der Fußball-Bundesliga, wird auf Bremer Seite Thomas Schaaf begrüßen – der seit zwölf Jahren im Amt ist, nur drei zwei Trainer hielten es länger bei einem Klub aus: Otto Rehhagel (14 Jahre) ebenfalls in Bremen und Volker Finke, der 16 Jahre lang Freiburg coachte. Vor der Partie sprach Morgenpost Online mit Schaaf.

Morgenpost Online: Herr Schaaf, Hertha hat das letztes Auswärtsspiel bei Borussia Dortmund gewonnen. Was erwarten Sie von den Berlinern?

Thomas Schaaf: Das Spiel in Dortmund war auffällig von Hertha. Die Mannschaft agiert kompakt, geschlossen, und alle sind bereit, jeden Meter zu gehen. Sie stellen aus einer starken Defensive die Wege zu und kontern schnell. Das hat in Dortmund gut funktioniert und das werden sie hier wahrscheinlich auch probieren: Aus einer sicheren Abwehr heraus ihre Angriffe zu starten.

Morgenpost Online: Ihr Kollege Ralf Rangnick hat auf Schalke wegen eines Burn-out-Syndroms den Dienst quittieren müssen. Sie sind jetzt seit zwölf Jahren ohne Unterbrechung bei Werder dabei. Ist der Trainerberuf ein Extremjob?

Thomas Schaaf: Sicher. Aber jeder Trainer übt seinen Beruf auf seine Art und Weise aus. Dabei sind viele Dinge zu hinterfragen. Welche Voraussetzungen habe ich, welches Team? Mit welchen Leuten arbeite ich zusammen? Wie arbeite ich generell, welche Aufgabenteilung habe ich? Und dann gibt es auch noch die Dinge außerhalb des Fußballs. Hast du als Trainer die Unterstützung deiner Familie oder aber Reibungspunkte? Ich habe das große Glück, dass meine Familie absolut tolerant ist und mich den Job so machen lässt, wie ich ihn möchte. Wenn ich sage, ich muss dahin oder dort, dann ist es kein Problem. Ich bin nicht in der Zwickmühle, ob ich das meiner Familie zumuten kann. Wenn von dieser Seite Druck kommen würde, ist dieser Job schon schwieriger zu bewältigen.

Morgenpost Online: Das geht auch anderen Arbeitnehmer so. Was aber sind die Extreme Ihres Jobs?

Thomas Schaaf: Wir haben Verantwortung, die davon geprägt ist, dass wir nonstop Entscheidungen treffen müssen. Und all das, was wir machen, wird auch nonstop kontrolliert. Ich werde beobachtet und begutachtet. Egal, ob ich privat rausgehe oder in Person des Trainers auftrete. Ich werde von der Öffentlichkeit kontrolliert und dann auch noch und in besonderem Maße von den eigenen Leuten. Die Erwartungshaltung eines Spielers an den Trainer ist extrem hoch. Nur wenn die Arbeit fundiert ist, akzeptiert es ein Spieler.

Morgenpost Online: Wie haben wir uns den Traineralltag vorzustellen?

Thomas Schaaf: Der Trainerjob wird doch zumeist auf die 90 Minuten des Spiels reduziert. Dass man in der Woche um halb neun spätestens bei der Arbeit ist und abends um fünf, sechs oder manchmal später nach Hause fährt, sieht keiner. Von den Terminen danach ganz zu schweigen. Es kommt immer mehr dazu, man muss viele Randbereiche bedienen. Wenn sie 34 Saisonspiele im Jahr haben, nach einem Pokalspiel schon ausgeschieden und international nicht vertreten sind, dann sind die Abläufe weniger gedrängt. Sind sie international dabei, haben sie rund 55 Pflichtspiele in 52 Wochen. Da kommen noch Trainingslager dazu und sind noch keine Testspiele drin. Das ist ein Programm wie im Zeitraffer. Das ist eine enorme Anspannung und Belastung.

Morgenpost Online: Zu was raten Sie?

Thomas Schaaf: Ich finde es wichtig, auf gewisse Werte in unserer Gesellschaft zu achten.

Morgenpost Online: Welche?

Thomas Schaaf: Es geht schon allein damit los, wie man miteinander umgeht. Es wird immer leicht über Respekt und Toleranz gesprochen. Aber wo wird sie praktiziert? Akzeptabel miteinander zu arbeiten, Dinge zu diskutieren, sich gut streiten und Konflikte bewältigen zu können, sind wichtig. Aber das geht in unserer Gesellschaft immer mehr verschütt. Man entzieht sich gern den Konflikten und packt sie in eine Ecke, die nicht gut ist.

Morgenpost Online: Ist ein Trainer wie Rangnick auf Dauer nicht mehr als Trainer vermittelbar, wenn er sagt, er könne nicht mehr?

Thomas Schaaf: Nein. Wenn wir über einen Menschen wie Ralf Rangnick sprechen, dann wissen wir, was er geleistet hat – und hoffentlich bald wieder zu leisten imstande ist.

Morgenpost Online: Ein anderer Kollege von Ihnen bekam in der Woche die ganze Härte der Branche zu spüren. In der vergangenen Woche haben Sie noch versucht, mit einem öffentlichen Appell Michael Oenning den Rücken zu stärken. Nun ist auch er in Hamburg entlassen worden. Wie beurteilen Sie das?

Thomas Schaaf: Ich finde es schade. Ich hatte gehofft, dass man ihm die Zeit und Chance gibt, seine Ideen zu verwirklichen. Das geht nun mal nicht in ein paar Spielen. Das Geschäft wird immer schneller und rasanter. Eine Bewertung vorzunehmen, wird immer schwerer. Wann kann man bewerten? Nach sechs Spielen, nach zehn, zwanzig Partien? Nach einem Jahr oder zwei? Wir haben früher immer davon gesprochen, einen Spieler nicht nach sechs Spielen, sondern nach einer Saison zu bewerten. So muss man es auch mit Trainern halten. Der HSV ist im Umbruch. Da ist es aus meiner Sicht umso wichtiger, dass man an Dingen festhält. Dass sie die Chance bekommen, greifen zu können und sich verfestigen. Deshalb habe ich für Michael plädiert. Ich kenne ihn über die Jahre hinweg als gradlinigen Menschen, der eine gute Idee vom Fußball hat. Ich hätte ihm nach wie vor zugetraut, dass er diese Situation mit seiner Mannschaft kann.

Morgenpost Online: Zurück bleibt ein verbrannter Trainer.

Thomas Schaaf: Zurück bleibt ein in meinen Augen immer noch guter Trainer, dem ich etwas anderes gewünscht hätte, er hätte es verdient gehabt. Aber die Verantwortlichen beim HSV haben sich nun so entschieden. Aber wir sind in puncto Schnelllebigkeit und mangelnde Konstanz ja nur ein Teil.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Thomas Schaaf: Wir müssten da eigentlich über die Gesellschaft und ihr verschärftes Tempo reden und nicht nur über den Fußball. Der Fußball ist nur ein Teil, auch wenn da sehr deutlich wird, was sich an Missständen und Fehlentwicklungen auftut. Wir leben da vielleicht mehr als alle anderen im Tagesgeschäft. Als Trainer, Spieler oder Verein. Da zählen in der Beurteilung nicht die Graubereiche, sondern nur Schwarz oder Weiß.

Morgenpost Online: Was meinen Sie damit?

Thomas Schaaf: Ich plädiere dafür, dass Dinge weitsichtiger betrachtet werden. Emotionen sind wichtig, sie treiben und bewegen uns. Aber man muss über den Dingen stehen. Man muss eine Philosophie haben, eine Konstanz. Wir Bremer erleben im Gespräch mit Kollegen und Verantwortlichen anderer Klubs doch immer wieder, dass sie sagen: Wir wünschen uns alle so eine Konstellation wie bei Werder. Aber man muss auch dahin kommen, man muss eine Philosophie zum Tragen bringen. Ich weiß, dass das nicht immer einfach ist. Es entsteht Druck, es funktioniert nicht gleich, die handelnden Personen haben nicht genug Geduld. Es gibt zig Faktoren, die nicht beeinflussbar sind. Aber über all diesen Dingen muss man stehen, wenn etwas Gutes dabei herauskommen soll. Ich bremse deswegen gern die Zeit aus und nehme etwas Tempo aus der Sache.

Morgenpost Online: Wünschen sie Ihren Kollegen mehr Werder-Souveränität?

Thomas Schaaf: Wie Werders Geschäftsführung in der vergangenen Saison gehandelt hat, war bemerkenswert. Bei der Saison und bei dem generellen Verhalten der Branche war es wirklich bemerkenswert. Ich glaube nicht, dass sie an mir festgehalten haben, weil ich einen besonderen Haarschnitt habe. Es geschah vor allem aus Überzeugung, vielleicht auch mit ein bisschen Sympathie.

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