"Habe was zu sagen"

Wie Niemeyer bei Hertha zum Führungsspieler reifte

Am Sonntag ist Hertha bei Werder Bremen zu Gast. Mittelfeldspieler Peter Niemeyer sprach mit Morgenpost Online über das Duell gegen seinen Ex-Klub, unnötige Gegentore und seine eigene Position im Team.

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Am Dienstag fand bei Hertha BSC ein Mannschaftsabend statt – zum ersten Mal mit den Partnerinnen der Spieler. Dabei ist der Teamgeist beim Neuling ohnehin schon intakt, sagt Peter Niemeyer im Interview mit Morgenpost Online. Am Sonntag ist der Mittelfeldspieler erstmals bei seinem Ex-Klub Werder Bremen zu Gast

Morgenpost Online: Herr Niemeyer, wie außergewöhnlich wird das Spiel am Sonntag für Sie?

Peter Niemeyer: Es wird schon was Besonderes sein, weil es das erste Mal ist, dass ich gegen Werder spielen werde. Ich war dreieinhalb Jahre in Bremen, habe dort Freunde gefunden und werde alte Bekannte wiedersehen, worauf ich mich freue. Ich hatte eine super Zeit bei Werder, habe tolle Sachen erlebt. Das Uefa-Cup-Finale steht bei meinen Karriere-Highlights ganz oben, auch die Pokalendspiele in Berlin habe ich in guter Erinnerung.

Morgenpost Online: Überrascht es Sie, dass Werder gerade wieder erster Jäger des FC Bayern ist?

Niemeyer : Ich habe eher über letztes Jahr gestaunt, da waren sie überraschend schlecht.

Morgenpost Online: Ist Berlin für Sie als Profi anstrengender als Bremen es war?

Niemeyer: Ich musste mich schon auf die Verhältnisse einstellen. Letztes Jahr war eine Reifeprüfung, die mich hat wachsen lassen. Ich will die Vergangenheit nicht wieder aufwühlen, aber was im vergangenen November nach den drei Niederlagen auf uns eingeprasselt ist, hatte ich nach dem erfolgreichen Lauf davor in der Form nicht erwartet.

Morgenpost Online: Wie erleben Sie Werder aus der Distanz in der Zeit nach Frings und Mertesacker?

Niemeyer: Sie waren schon Persönlichkeiten. Aber ich denke, dass auch die Bremer Mannschaft vergangene Saison etwas gelernt hat. Nämlich, sich nicht wie in früheren Jahren allzu sehr auf einzelne Stützpfeiler zu verlassen – die natürlich auch mal wegbrechen können. Siehe Pizarro. Der war ihre Lebensversicherung, jetzt gewinnen sie auch mal Spiele ohne ihn. Auch sie sind jetzt eher als Team stark.

Morgenpost Online: Bei Hertha ist das erst recht so.

Niemeyer: Das kann man schon so sagen. Und das kommt aus unserer Vergangenheit. Wir haben letztes Jahr mit dem Aufstieg etwas Großes geschafft. Dadurch sind wir als Team gewachsen. Zusammengewachsen. Und ich finde, dass auch wir im Moment erfolgreich sind.

Morgenpost Online: Wie sind Sie persönlich mit dem Zusammenspiel mit Andreas Ottl zufrieden?

Niemeyer: Wir bringen im defensiven Mittelfeld beide unsere Qualitäten ein, und die sind recht unterschiedlich, wie man leicht erkennen kann. Ich sorge mehr für die physische, die aggressive Komponente, Andi hat andere Stärken. Bis jetzt klappt es recht gut. Wir lassen, finde ich, aus dem Spiel heraus extrem wenig zu. Ich kann mich nur an ganz wenige wirklich erspielte Chancen der Gegner erinnern. Das zeigt ja auch die Art der Gegentore, die wir bis jetzt bekommen haben.

Morgenpost Online: Herthas Problem sind Standardsituationen.

Niemeyer: Bei einem Tor wie unserem ersten in Dortmund – Kobiashvili zu Ottl, der zu Raffael und drin –, da klatsche ich Beifall und sage: Glückwunsch, toll gemacht! Aber so ein Tor haben wir bis jetzt noch überhaupt nicht kassiert. Alle Gegentore bis auf eines – das zweite in Hamburg, das ein individueller Fehler war – resultierten aus ruhenden Bällen. Das tut weh! Beispielsweise bei einer Ecke ist klar, der Ball fliegt von da nach da – das sind eigentlich die einfachsten Situationen. Ich muss nur verhindern, dass mein Mann ein Tor schießt. Da müssen wir besser werden.

Morgenpost Online: Kaum noch besser geht es auswärts. 2011 noch immer ohne Niederlage – das ist schon ein Statement. Was zeichnet Hertha gerade auf dem Gebiet aus?

Niemeyer: Wir müssen so ehrlich zu uns sein, dass 75 Prozent dieser Auswärtsspiele nur Zweite Liga waren. Aber wir haben in Hamburg und Hannover bestanden und erst recht natürlich in Dortmund. Eines führt zum anderen. Das vergangene Jahr hat uns zusammengeschweißt. Alle erwarteten den Aufstieg, aber für uns war das dennoch eine Mammutaufgabe, die erst in die Tat umgesetzt sein wollte. Die Erfolge haben uns als Mannschaft, aber auch jeden Einzelnen stärker und reifer gemacht.

Morgenpost Online: Reifer werden – was genau bedeutet diese fast schon floskelhafte Formulierung?

Niemeyer: Für mich persönlich, dass ich mich weniger schnell aus der Bahn werfen lasse. Zum Beispiel sagte unser Trainer mal: „Ich habe keine feste Elf.“ Das musste ich erst kapieren. Aber es stimmt! Ich habe gelernt, dass so eine Aussage kein Misstrauen ist gegen mich als derzeitigen Stammspieler, sondern dass es für die ganze Gruppe spricht.

Morgenpost Online : Erkennen Sie in Markus Babbel eine Art jüngere Version von Thomas Schaaf?

Niemeyer: Beide ruhen stark in sich, gehen die Dinge sehr sachlich und unaufgeregt an.

Man kann über so etwas nachdenken, aber ich finde es schwer, solche Vergleiche zu ziehen. In Bremen war ich Mitläufer, hier habe ich was zu sagen und werde auch gefragt. Ich bin hier in einer ganz anderen Position. Aber genau deshalb bin ich auch zu Hertha gewechselt. Ich wollte nach dem Abstieg an dem Neuaufbau teilhaben. Ich wusste, dass die Chancen gut stehen, dass wir sofort wieder aufsteigen – und dass ich dann mal mittendrin bin, statt nur dabei.

Morgenpost Online: Jetzt ist es auch an Ihnen, dass Hertha in Bremen bestehen kann. Aber wie?

Niemeyer: Indem wir an die Leistung von Dortmund anknüpfen – und sogar noch ein paar Prozent draufpacken. Etwa ist Pizarro für mich zusammen mit Gomez der beste Stürmer der Liga…

Morgenpost Online: …und der Bonus, dass Aufsteiger Hertha BSC unterschätzt wird…

Niemeyer: …ist seit dem Dortmund-Spiel sicher auch passé. Aber wir haben schon so viele Prüfungen hinter uns, weshalb ich überzeugt bin, dass wir es auch in Bremen gut machen werden. Klar, wir werden auch mal ein Spiel verlieren – aber ich sehe uns als Mannschaft so gefestigt, dass wir nicht irgendwann mal so richtig abgeschossen werden. Wir können auch in Bremen mit breiter Brust antreten.

Morgenpost Online: Haben Sie sich Gedanken um Ihren Empfang im Weserstadion gemacht?

Niemeyer: Eher weniger. Ich habe mich mit Werder zu 100 Prozent identifiziert, immer alles gegeben. Ich wüsste nicht, weshalb ich einen schlechten Empfang haben sollte.

Morgenpost Online: Sein Stellenwert im Verein war ein ganz anderer – aber Manuel Neuer hat sich auch zu 100 Prozent mit Schalke identifiziert. War es tolerabel, wie er am vergangenen Wochenende empfangen wurde?

Niemeyer: Nein, überhaupt nicht. Das war völlig übertrieben und nicht zu verstehen. In dem Punkt besteht offensichtlich ein großer Unterschied zwischen dem deutschen und etwa dem holländischen Fußball. Als ich mit Werder im Uefa-Cup bei meinem Ex-Verein Twente Enschede gespielt habe, skandierten und sangen die Leute im Stadion vor und nach dem Spiel meinen Namen. Das war ein geiles Erlebnis, Gänsehautfeeling pur. In Holland ist solcher Respekt aber völlig normal.

Morgenpost Online: Eine Modeerscheinung von Spielerseite ist es, Tore gegen seinen Ex-Klub ausdrücklich nicht zu bejubeln.

Niemeyer: Ich schieße ja wirklich nicht viele Tore, aber darüber habe ich sogar schon nachgedacht. Es ist schwierig. Nach außen zeugt es von einem gewissen Respekt. Andererseits spielen wir doch Fußball, um Tore zu schießen – dann sollte man sich auch über ein Tor freuen! Und wenn man mal ehrlich ist, freut einen ein Tor gegen den alten Verein doch noch viel mehr als eines gegen irgendwen sonst. Also, schauen wir mal, was passiert… (lacht).

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