Heimsieg gegen Stuttgart

Warum Raffael den Unterschied bei Hertha macht

"Wenn überhaupt noch jemand trifft, dann Raffael!" Das Gefühl von Hertha-Trainer Babbel stimmte: Vier Minuten vor Schluss sicherte das Tor des starken Brasilianers den ersten Saisonsieg. An Raffaels Leistungsexplosion ist der Coach nicht ganz unbeteiligt.

Mitunter ist der Lauf der Dinge ein ganz sonderbarer. Nikita Rukavytsya stand nach 85 Minuten schon in der Spielkleidung von Hertha BSC am Seitenrand, seiner Einwechslung harrend. Nur eine Unterbrechung mehr, ein harmloser Ball ins Seitenaus, und Markus Babbel hätte Patrick Ebert vom Rasen beordert. Jenen Patrick Ebert, der Sekunden später die Flanke schlug auf Raffael, den Ball, der spät im für den Hauptstadtklub brachte. Und Rukavytsya? Der musste wieder Platz nehmen. Statt mit dem Australier noch einmal für einen offensiven Impuls zu sorgen, durften plötzlich die Defensiven Janker und Lustenberger einen Sieg mit ins Ziel retten.

Es braucht für einen Trainer eben auch immer ein wenig Glück im rechten Moment. Kein Glück und auch kein Zufall aber, dass Raffael es war, Herthas Kleinster hin oder her, der per Kopf zum ersten Heimsieg seit August 2009 traf. Sie hätten draußen auf der Bank gesessen, er und Manager Michael Preetz, erzählte Babbel, und unisono wären sie überzeugt gewesen: Wenn in diesem Spiel überhaupt noch jemand trifft, dann Raffael! Wer so viel lief wie er, wer sich von allen Rückschlägen im Spiel nicht entmutigen ließ und es einfach immer von Neuem wieder versuchte, „der würde auch noch eine Chance bekommen“, lautete der Tenor – und so kam es denn auch. „Er hat seinen hohen Aufwand mit dem Tor belohnt“, lobte Babbel, gipfelnd in dieser hymnischen Feststellung: „Spielerisch verfügt er über unglaublich viel Qualität, technisch versiert ist er sowieso. Seit er mitspielt, sind wir ungeschlagen.“

Babbel sorgt für Heiterkeit

Präzise gesagt, folgten dem 0:1 gegen Nürnberg mit dem Reservisten Raffael (zu Anfang der zweiten Halbzeit eingewechselt) und seiner auch von großen Teilen der Kollegenschaft öffentlich eingeforderten Beförderung in die Startelf erst zwei Remis ( , ) und nun der erste Saisonsieg.

Babbel und Raffael – es ist, nun ja, eine Zweckbeziehung. Sie brauchen einander, der Brasilianer seinen Trainer, und der seinen Spielmacher. Wenn ligaweit von Hertha BSC gesprochen wird, dann fällt seit Januar 2008 – den Zeitpunkt von Raffaels Verpflichtung – beinahe reflexartig dieser Satz: Auf den müssen wir aufpassen! Mag der introvertierte Raffael von seiner ganzen Veranlagung her – sowohl spielerisch als auch von seinem Wesen – ein ganz anderer Typ sein als der schillernde Marcelinho es war, so eint die Landsleute doch eines: Herthas Spiel stand und fiel über Jahre hinweg mit dem Genie Marcelinhos. Und in ähnlicher Weise verhält es sich so nun auch mit Raffael. „Wir sind nicht abhängig von ihm“, schränkt Babbel zwar ein: „Aber er ist schon brutal wichtig für uns.“ Entsprechend beglückt registrierte der Klub, dass Raffael Hertha auch nach dem Abstieg 2010 die Treue hielt und bis 2014 verlängerte.

Den Hochbegabten mit öffentlicher Kritik zu Leistung zu treiben, scheint eine Art Lieblingsdisziplin von Babbel zu sein. Heiterkeit rief es da am Sonnabend hervor, als der Trainer nach dem Auslaufen ohne jeden erkennbaren Anflug von Ironie erklärte: „Einen Spieler öffentlich zu kritisieren, ist normalerweise nicht meine Art.“ Doch im Fall von Raffael, „den man anstacheln muss, damit er den Unterschied ausmacht“, habe er so handeln müssen: „Weil er seine großen Qualitäten einfach zu selten abgerufen hat.“ Und der Plan sei aufgegangen.

Auch Raffael sagte nach seinem 19. Bundesliga-Tor im Hertha-Trikot, das ihn auf Platz 15 der internen Hitliste hievte: „Kritik ist für mich ein Anreiz, besser zu werden.“ Die Kollegen beobachten dieser Einsicht zum Trotz weiter gespannt, wie sich das Verhältnis entwickelt. „Von der Persönlichkeit des Spielers abhängig“ sei es, urteilt Rechtsverteidiger Christian Lell, ob solches Verfahren des Trainers fruchte: „In dem Fall ist es gut gegangen. Wir sind alle froh, dass Raffael sich nicht hat hängen lassen.“ Auch die Gefahr, dass Raffael im Zuge der zweiwöchigen Spielpause in den alten Trott verfallen könnte, erachtet Babbel für gering. Nein, seine Nummer 10 habe nun verstanden, worauf es ankommt.

Ronny muss sich entscheiden

Der eine Brasilianer hat also in die Spur gefunden. Wird er nun sogar zu Babbels Verbündeten, wenn eine weitere Herausforderung an den Trainer lautet, nach Raffael auch dessen Bruder Ronny auf Kurs zu bringen? Ein solcher Verbündeter könne Raffael tatsächlich sein, ja – einer von vielen. „Viele haben viele Gespräche mit Ronny geführt“, wiederholte Babbel am Sonnabend stöhnend den zuletzt gültigen Status quo: „Wir können ihm nur alle Unterstützung anbieten – aber er muss entscheiden: Was will er?!“ Fakt ist, dass der so feine Fußballer es an den ersten vier Bundesliga-Spieltagen nicht ein einziges Mal in den 18er-Kader geschafft hat; und nur zum Teil war dafür eine Knieprellung ursächlich. Schon kam die Frage auf, ob die Wege von Ronny und Hertha BSC sich trotz einer Beschäftigungsvereinbarung bis Ende Juni 2013 vorzeitig trennen könnten. Doch strebe keine Seite ein solches Szenario an, heißt es. Man setze auf das Potenzial des früheren U17-Weltmeisters, der da noch unter dem Künstlernamen Tody firmierte.

Auch Bruder Raffael glaubt vom Zweitgeborenen der Familie de Araujo, dass Ronny nach für ihn harten Tagen „im Alltag antworten“ werde; mit anderen Worten: „Ich denke, dass auch Ronny die Qualität besitzt, sich zu steigern.“ Aber besitzt er auch die Mentalität dafür? „Ich glaube schon“, antwortet Raffael auf diese Frage, aber macht zur Voraussetzung dafür, „dass Ronny ein Umfeld hat, das zu ihm steht. Dann schafft er das.“

Eberts erkennt gravierenden Unterschied

Andere sind weniger zuversichtlich. Patrick Ebert erkennt schließlich einen gravierenden Unterschied zwischen den Brüdern. Raffael, sagt er, ist ja nun schon 26, er hat erkannt, worum es geht.“ Und der ein Jahr und eineinhalb Monate jüngere Ronny? „Der trainiert auch gut“, sagt Ebert lapidar: „Aber wahrscheinlich geht bei ihm noch mehr.“

Wo bei Hertha die Spielanlage und die Ruhe bei Ballbesitz schon ordentlich sind, da mag Ebert nicht lang über eine an sich verlockende Perspektive referieren: Wenn nun auch noch Ronny die ohnehin schon feine Offensive um Ebert, Raffael und Ramos bereicherte. Das lange Zeit schludrige Talent Ebert sagt stattdessen nur: „Wir sind 25 Spieler, da ist jeder seines eigenen Glückes Schmied. So ist das nun mal im Fußball.“ Ja, so ist es.

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