Bundesliga

Patrick Ebert – Herthas Anführer in spe

Die Fans lieben den dienstältesten Herthaner Patrick Ebert – wohl auch, weil er als Fußballer so wenig perfekt ist wie Berlin.

Foto: REUTERS

Niemand sollte an sich ja von Patrick Eberts kleinem Geheimnis erfahren. Es muss deshalb an dieser Stelle auch unter uns bleiben, was Kollege Christian Lell am Sonnabend ausgeplaudert hat, als er zu Gast war beim Münchner Bezahlsender „Sky“. Mit Oliver Pocher und Jessica Kastrop, den wunderbaren Moderatoren von „Samstag Live!“, schwatzte der Rechtsverteidiger von Hertha BSC nett über dies und das und irgendwann auch über – Ebert. Besser gesagt: dessen Frisur, die sich, nun ja, wirklich nicht restlos ins Bild dieser Zeit fügt.

Eine verlorene Wette vermutete Pocher hinter dem Wildwuchs auf dem Kopf des Berliner Mittelfeldspielers. Und wo andere von Avantgarde sprechen mögen, fürchtete die allzeit perfekt gestylte Frau Kastrop angesichts der raspelkurz geschorenen Seiten einen „Haushaltsunfall“. Lell aber beruhigte seine Gesprächspartner. Seinem Kenntnisstand zufolge wolle Ebert sich die Haare nur so lang wachsen lassen, bis er sie sich zum Zopf binden kann, „aber so lang sind die Haare noch nicht“.

Ebert in der Entwicklung also. Mal wieder. Oder: Wie immer? Auf und ab, hin und her – es ist bis hierhin die Lebensgeschichte des Fußballers Ebert, der auch mit 24 Jahren noch auf der Suche nach sich selbst ist. In gewisser Weise steht Ebert sogar für den Klub seines Herzens, für Hertha BSC, dessen blau-weiße Fahne er sich unlängst als Tätowierung unter die Haut hat stechen lassen. Hertha und Ebert – beide wollen sie nur allzu gern hoch hinaus. Aber allenfalls in kleinen Schritten geht es voran, Rückschläge dann und wann und meist zum falschen Zeitpunkt inklusive.

Verräterischer Konjunktiv

Es ist der Konjunktiv am nun folgenden Satz von Trainer Markus Babbel, der am meisten verrät über Soll und Ist und über Anspruch und Wirklichkeit des aktuell dienstältesten Herthaners: „Patrick verfügt über eine unglaubliche Kreativität. Wenn er sie sinnvoll einsetzt, ist er ein außergewöhnlicher Spieler.“ Wenn, ja wenn.

Mit Bedauern blickt Ebert auf die Weggefährten von einst und wohin sie es geschafft haben. Kevin Boateng zum AC Mailand, sein Halbbruder Jerome via HSV und Manchester City jetzt zum FC Bayern. Ein volles Dutzend der U21-Europameister von 2009 avancierte seitdem zu A-Nationalspielern unter Joachim Löw: Manuel Neuer etwa, Sami Khedira, Mesut Özil, Mats Hummels. Ebert gehört nicht dazu.

Er nimmt sich regelmäßig vor, es auch soweit zu bringen. Anführer will er sein, wenigstens bei Hertha, aber hat doch allzu oft schon mit sich selbst genug zu tun und damit, die Anzahl seiner Non-Faktor-Spiele selbst auf diesem Niveau zu minimieren. Das Berliner 1:0 gegen den VfB Stuttgart am Freitagabend, der erste Sieg der Saison und erste Heimsieg seit August 2009, war mal wieder so ein Mittelding. Ein typischer Ebert, gewissermaßen. Das umjubelte Siegtor durch Raffael bereitete er spät im Spiel vor (86.). „Ich werde ja aufgestellt, damit ich Flanken schlage. Das habe ich gemacht“, sagte er lapidar über das butterweiche Zuspiel auf den Kopf des kleinsten Herthaners. Und leicht hätte es anders kommen können. Seiner Flanke vorausgegangen war, gestand Ebert, ein rascher Blick in Richtung Stuttgarter Tor: „Ich wollte erst selbst schießen, aber der Winkel war zu spitz.“

So tat Ebert das in diesem Moment genau richtige. Wie er für oberflächliche Beobachter der Partie ohnehin der auffälligste Spieler im Berliner Trikot war; mit 63 hatte er die meisten Ballkontakte, die meisten Sprints (26) zog er an. Doch da waren eben auch zehn Fehlpässe der Nummer 20, natürlich, die meisten aller an diesem Abend eingesetzten Akteure hüben wie drüben.

Prinzip: Versuch und Irrtum

Ballverluste – lange hat Ebert sich um solche Details wenig geschert. Wo ein Wille war – sein Wille –, da musste doch auch ein Weg sein. Es war das „Trial and Error“-Prinzip (Versuch und Irrtum), nach dem so lange zulässige Lösungsmöglichkeiten probiert werden, bis die gewünschte Lösung gefunden wird.

Oft genug hat dieser mysteriöse Mix aus Ertrag und Schaden schon Ratlosigkeit bei Teamkollegen und Trainern hervorgerufen. Ex-Kapitän Arne Friedrich lieferte davon nach einem 0:3 in Nürnberg im Oktober 2009 im Zwiegespräch mit aufgebrachten Fans („Außer Ebert könnt ihr alle geh’n“) einmal noch am Zaun vor dem Gästeblock äußerst charmant Zeugnis ab: „Eine Frage zu Patrick Ebert: Der kämpft, alles schön und gut. Aber dass er vor dem zweiten Tor den Ball verliert, das seht ihr wieder nicht.“

Wo viel geschieht, geht manches gut und manches schief – diese Unbekümmertheit an Ebert und gleichzeitig auch seine Unnachgiebigkeit hat Ex-Trainer Lucien Favre lange begeistert. Dieser Instinkt. Aber auch der Förderer verzweifelte, als Gespür und Ausführung von Ebert auf Dauer so gar nicht in Einklang zu bringen waren. Favres hartes Urteil lautete: Unbelehrbar! Schafft es einfach nicht!

Der gegenwärtige Übungsleiter Babbel hingegen spürte: Den kriege ich hin! Weswegen er sich bei seiner Amtsübernahme bei Manager Michael Preetz vehement dafür einsetzte, dass Ebert nach dem Abstieg einen neuen Vertrag erhielt. Der Kreuzbandriss, den der Hoffnungsträger sich wenige Wochen später zuzog, war das tragische Ergebnis von Übereifer im Zweikampf in einem bedeutungslosen Testspiel. Ungeduld in der Wiederheranführungsphase hätte Trainer und Spieler zur Transferzeit zu Beginn des Jahres fast entzweit. Im Hier und Jetzt der Saison 2011/12 stand Ebert in allen fünf Spielen in der Startformation.

Hart gegen sich selbst

Denn auch das ist Ebert: Einsicht im rechten Moment. Über alle Schwächen auf und alle Eskapaden und Geldstrafen abseits des Platzes hinaus, verfügt er über diesen Willen, diesen Biss und diese Härte gegen sich selbst, wie sie von Herthas aktuellem Personal etwa dem so hoch veranlagten Ronny fehlt.

Für dieses gesamte Paket aus immer wieder anrennen und scheitern, aus manchmal jubeln und niemals nachgeben lieben ihn die Hertha-Fans; er ist einer von ihnen, mit ihm können sie leiden und erst recht können sie mit ihm feiern. Inbrünstig besingt die Kurve ihn als ihren alten Rowdy, „trittst die Spiegel ab, machst Kratzer in den Lack und schmeißt die Roller um, schmeißt die Roller um“. Bewiesen ist von alledem, was an Verdacht von einem späten Nachhauseweg im März 2009 herrührt, nichts. Aber nur so wird man zur Legende. Patrick Ebert ist eben wie Berlin – spannend, aber selten ohne Makel.

>>> www.immerhertha.de - das Hertha BSC Blog von Morgenpost Online