Hertha-Coach

Babbel ist nicht mehr so "weich" wie beim VfB

Herthas Trainer Markus Babbel trifft am Freitag erstmals wieder auf seinen ehemaligen Arbeitgeber Stuttgart. Dort fanden sie ihn zu "weich". Das Kumpel-Image hat der 38-Jährige bei Hertha abgelegt und ist jetzt ein ernstzunehmender Trainer.

Foto: Bongarts/Getty Images

An den 5. Dezember 2009 kann sich Horst Heldt noch heute gut erinnern. Natürlich. Sein VfB Stuttgart hatte nach acht Spielen ohne Sieg gerade zu Hause wieder nur 1:1 gegen den VfL Bochum gespielt, auf den Rängen des Stuttgarter Stadions tobte der Mob. Sprechgesänge gegen den damaligen Trainer Markus Babbel und noch viel schlimmere Äußerungen hallten durch das weite Rund. Drinnen, tief in den Katakomben, berieten der Manager und Babbel darüber, wie es weitergehen sollte.

Die beiden waren und sind noch heute eng befreundet, in Stuttgart wohnten sie damals sogar Tür an Tür in einem sanierten Altbau im Süden der Stadt. In der Vorsaison hatte Babbel die Schwaben in die Champions League geführt. Und trotzdem kamen sie zu dem bitteren Schluss: Babbel, im November 2008 über Nacht vom Co- zum Cheftrainer befördert, musste gehen. „Das war eine harte Entscheidung und für uns beide nicht einfach“, sagt Heldt heute. Er selbst ist auch nicht mehr in Stuttgart, sondern arbeitet bei Schalke 04.

Babbel aber tritt mit seiner Mannschaft von Hertha BSC am Freitag im heimischen Olympiastadion gegen Stuttgart an. Es ist sein erstes Pflichtspiel gegen den alten Arbeitgeber. „Ich hatte fünf schöne Jahre in Stuttgart, wir waren 2007 Deutscher Meister und für mich war es eine tolle Chance, meinen Einstand als Trainer zu feiern“, sagt er. Von Groll, zumindest äußerlich, keine Spur. Im Gegenteil. Selbstkritisch räumt Babbel ein, der Situation damals nicht gewachsen gewesen zu sein: einerseits den VfB in die Champions League zu führen, auf der anderen Seite den Trainerschein im fast 400 Kilometer entfernten Köln zu machen. „Der Knackpunkt war, dass uns der DFB in diesem Punkt nicht entgegen gekommen ist“, sagt Heldt über die Gründe für die Trennung.

Und doch wird es bei aller Harmonie ein besonderes Spiel für Babbel, steht es doch auch für die Wandlung, die der Trainer in den vergangenen Jahren durchgemacht hat. In Stuttgart galt er als zu weich. Heldt beteuert zwar: „Ich habe Babbel nie als einen weichen Trainer empfunden.“ Trotzdem hatte der heute 38-Jährige das Image eines Kumpeltyps, der die Mannschaft in einer heißen Phase nicht zu führen vermochte. In Berlin hat er dieser Wahrnehmung deshalb von vornherein entgegen gewirkt.

Die neue Konsequenz

Vor allem in den vergangenen Wochen war bei Babbel mehr denn je Klartext angesagt. Fast im Wochenrhythmus greift er sich Spieler aus seiner Mannschaft, um sie öffentlich zu kritisieren. Jüngstes Beispiel: Ronny, dem er die körperliche Fähigkeit absprach, jemals über 90 Minute zu spielen – und ihm unprofessionelles Verhalten abseits des Platzes unterstellte. Davor war es der glücklose Rob Friend, über den Babbel urteilte: „Er wird mit Berlin nicht warm“. Und angefangen hatte alles mit dem einst gesetzten Star Raffael, den Babbel kritisierte. Der Brasilianer habe noch „zu viele Aufs und Abs“ und müsse mehr nach hinten arbeiten. Die Konsequenz lautete zunächst: Ersatzbank.

Ja, Markus Babbel hat gelernt aus seiner Zeit in Stuttgart, als er sich von seinen Spielern sogar duzen ließ. „Zum Schluss war er nicht weich“, sagt zwar auch Stuttgarts Sportdirektor Jochen Schneider, „aber in der Übergangsphase vom Spieler zum Trainer war das mit dem Kumpeltyp sicher so eine Sache, immerhin hatte er ja mit vielen Spielern noch gemeinsam auf dem Platz gestanden.“ Da sei es schon schwierig, „wenn der Mitspieler auf einmal der Chef ist“.

Waldlauf statt Ausschlafen

Babbels Kardinalfehler war wohl, einigen Spielern Sonderrechte einzuräumen. Jens Lehmann zum Beispiel, der dem Auslaufen am Sonntag fernbleiben und mit dem Hubschrauber zum Training einfliegen durfte. Das führte zu Neid und Missgunst innerhalb der Mannschaft, die nach und nach in Grüppchen zerfiel. Als er auf „harte Welle“ umschaltete – Lehmann musste an jedem Training teilnehmen, Hitzlsperger wurde als Kapitän entmachtet, private Aktivitäten der Spieler wurden heruntergefahren – war es schon zu spät. Und noch etwas hat Markus Babbel abgestellt, seit er bei Hertha ist: die ständige Rotation, die sie ihm in Stuttgart noch immer als großen Fehler vorhalten. Schneider, eine der wenigen Personen im VfB-Vorstand, die seither verblieben sind, erzählt: „Markus Babbel hat in seiner Anfangszeit hier sehr viele Kompromisse eingehen müssen. Ich bin sicher, dass er das heute alles viel konsequenter angeht.“

Das zeigte sich dann auch kurz nach seinem Amtsantritt in Berlin vor der Aufstiegssaison, als er wissen ließ: „Wenn einer nicht mitmacht, habe ich keine Problem damit, ihn zu entsorgen. Ich bin keiner, der mit den Spielern trinken geht. Aber auch keiner, der gar nicht mit ihnen redet.“ Im Mai legte er nach: „Ich bin kompromissloser, vielleicht auch härter geworden. Jeder hat sich unterzuordnen. Und wenn einer doch ausschert, gibt es was aufs Holz.“

Gerne knöpft er sich auch mal die gesamte Mannschaft vor, wie zu Beginn der Vorsaison, als einige Spieler mit schlechten Fitnesswerten aus dem Urlaub kamen – und Babbel sie wochenlang zum morgendlichen Ausdauerlauf um 7.30 Uhr lud. Das gleiche Spiel wiederholte er in diesem Sommer vorsorglich, noch ohne die Werte zu kennen. Seinen Spielern scheint dieser Weg Recht zur sein. „Das mit dem Kumpeltyp hat sich geändert“, sagt etwa Kapitän Andre Mijatovic, „er führt viele Gespräche mit uns, das macht er sehr ruhig. Aber inzwischen strahlt er sehr viel Autorität aus.“ Auch Peter Niemeyer findet die Balance zwischen Nähe und Abstand ideal. „Mein Kumpel ist er sicher nicht, denn einen Kumpel würde ich nicht siezen“, sagt der Defensivstratege lachend. Dennoch, meint Niemeyer, habe der Trainer eine gute Nähe zum Team entwickelt.

Das Bindeglied dabei ist Co-Trainer Rainer Widmayer, der in der Regel die täglichen Einheiten leitet. „Babbel selbst beobachtet sehr viel von außen, daran sieht man doch schon, dass er sich jetzt stärker zurücknimmt“, meint Niemeyer, der die Ansprachen des Trainers „überragend“ findet: „Er bring die Sachen klar auf den Punkt, damit kann dann jeder arbeiten.“ Dass Babbel inzwischen auch mal derbe Kritik über die zahlreichen Medien übt, findet er normal: „Wir sind nicht in einer Barbiewelt, wir sind Männer. Wenn jemand aus der Reihe tanzt, muss er zurückfinden, und das muss man demjenigen dann auch deutlich klarmachen.“

Und Verteidiger Christian Lell, der aus seiner Zeit bei Bayern München Vergleiche mit den Größen der Branche ziehen kann, sagt: „Louis van Gaal war sehr direkt und hart. Das ist bei Markus Babbel genauso. Er nimmt dich zur Seite und sagt dir ganz klar, wo es hingeht. In der Hinsicht sind sich die beiden sogar ziemlich ähnlich.“

Der Unterschied, könnten jetzt spitze Zungen behaupten, liegt nun aber darin, dass Babbel seinen Job noch hat. Und dass er Stuttgart in Frieden verließ. Heldt jedenfalls lässt nichts kommen auf seinen Freund und Ex-Trainer: „Dass wir heute noch immer guten Kontakt haben zeigt, dass wir alles gut hinbekommen haben“, meint er: „Wären wir beide noch in Stuttgart, ich würde jederzeit wieder Tür an Tür mit ihm wohnen wollen.“