VfB-Sportdirektor

Ex-Herthaner Bobic findet die Bundesliga "sexy"

Zwei Jahre war Fredi Bobic als Stürmer für Hertha BSC auf Torjagd. Jetzt kehrt er als Sportdirektor des VfB Stuttgart zurück nach Berlin. Mit Morgenpost Online spricht er über Abstiegskampf, Hertha und Michael Preetz.

Foto: SVEN SIMON / picture-alliance

Er kennt jeden Grashalm im Olympiastadion: Von 2003 bis 2005 war Fredi Bobic als Stürmer in Diensten von Hertha BSC im Einsatz (54 Bundesliga-Spiele, acht Tore). Am Donnerstag kehrt der mittlerweile 39-Jährige zurück, zum ersten Mal in seiner Funktion als Sportdirektor, wenn der VfB Stuttgart am vierten Bundesliga-Spieltag bei Hertha BSC antritt (20.30 Uhr, Olympiastadion). Morgenpost Online sprach mit Fredi Bobic über Stärken und Schwächen von Hertha BSC, Sorgen im Kampf um den Klassenerhalt, sein Verhältnis zu Hertha-Manager Michael Preetz, die Ausgeglichenheit der Bundesliga und die Fernbeziehung zu seiner Familie, die seit Jahren in Berlin lebt.

Morgenpost Online: Herr Bobic, der VfB Stuttgart und Hertha BSC sind Traditionsklubs: Was heißt es für Sie als Sportdirektor, wenn man vor Saisonbeginn alles für möglich halten muss: vom internationalen Wettbewerb bis Kampf um Klassenerhalt?

Fredi Bobic: Das heißt, dass man zunächst die eigene Mannschaft realistisch einschätzen muss. Je nachdem, was wirtschaftlich möglich ist, versucht man den vorhandenen Kader zu stärken. Insgesamt ist das Ziel, die Risiken zu minimieren.

Morgenpost Online: Ähnlich wie Hertha-Manager Michael Preetz 2009 bei Hertha sind Sie 2010 gleich zu Beginn im neuen Job mit dem VfB Stuttgart unerwartet in Abstiegsgefahr geraten. Hatten Sie in jener Phase untereinander Kontakt?

Bobic: Das ist natürlich keine schöne Situation. Als ich Anfang August hier begonnen habe, gab es viel Unruhe nach dem schlechten Saisonstart, weil die Erwartungen, auch im Umfeld ganz andere waren. Wir haben versucht, klar zu analysieren und entsprechend Konsequenzen zu ziehen. Vor allem wollten wir intern unbedingt Ruhe bewahren. Wir wussten, dass der Weg aus dem Keller herauszukommen, ein sehr langer wird. Zu Michael Preetz hatte ich immer mal wieder Kontakt. Nicht, um mir Ratschläge zu holen. Aber wir sind befreundet und standen beide unter extremen Druck: Michael, unbedingt aufsteigen zu müssen. Und ich, auf keinen Fall absteigen zu dürfen. Na, am Ende haben wir beide dem Druck standhalten können und unsere Ziele erreicht.

Morgenpost Online: Wenn Etablierte wie Stuttgart, Schalke, Bremen oder Wolfsburg um den Klassenerhalt kämpfen müssen: Ist das ein Zeichen für die Stärke der Bundesliga oder ein Zeichen für das Fehlen von Topklubs? In England8, Italien oder Spanien spielen seit Jahren die immer gleichen Kandidaten um die Titel.

Bobic: Die Bundesliga ist sexy. Weil bei uns anders gedacht und gehandelt wird als in anderen Ligen. Wenn in Spanien Real Madrid und der FC Barcelona 97 Prozent des Fernseh-Geldes erhalten, wie soll der Rest der Primera Division da mithalten? In Deutschland herrscht auch aufgrund des Verteilerschlüssels eine größere Chancengleichheit. Zudem gab es vergangene Saison eine besondere Situation nach der WM in Südafrika. Alle Klubs mit Nationalspielern hatten Probleme ins Rollen zu kommen. Und Vereine, die keine Dreifach-Belastung hatten, haben das gnadenlos mit durchgehend guten Leistungen genutzt wie Hannover, Nürnberg, Mainz oder Freiburg. Die Liga hat sich verändert: Früher gab es eine Dreiteilung der Vereine, heute gibt es nur noch zwei Hälften. Werder-Manager Klaus Allofs hat Recht, wenn er sagt: Entweder spielst du um die internationalen Plätze oder kämpfst um den Klassenerhalt.

Morgenpost Online: Sie sind gerade ein Jahr als Sportdirektor beim VfB, haben aber mit Christian Gross und Jens Keller bereits zwei Trainer entlassen. Wie schwer fällt das?

Bobic: Das ist mit Abstand der unangenehmste Teil im Job. Weil solche Entscheidungen immer mehrere Seiten haben. Zuerst geht es um das Sportliche. Aber es geht auch um das Menschliche. Diese Entscheidungen sind mir schwergefallen. Jeder, der hier arbeitet, arbeitet zum Wohle des Vereines. Aber wenn es Probleme gibt, darf man sich nicht verkriechen. Wir hatten uns jeweils nach gründlichen Überlegungen zur Trennung entschlossen. Und dann muss man das auch durchziehen.

Morgenpost Online: Sie haben die Partie von Hertha in Hannover gesehen und gesagt, Sie wären froh, bei Hertha daheim zu spielen.

Bobic: (Lacht) Ja, ich finde, Hertha macht Auswärts eine gute Figur. Gut organisiert, kompakt, vor allem in der Defensive. Hertha tut sich leichter, wenn sie nicht das Spiel machen müssen. Das war auch in Hannover zu sehen. Aber das geht uns beim VfB auch so: Wir kommen in der Fremde ganz gut zurecht. Und wir wissen um die Probleme von Hertha im Olympiastadion. Ganz klar, wir wollen in Berlin etwas Zählbares mitnehmen.

Morgenpost Online: Was für ein Spiel erwarten Sie: Rasenschach, in dem keiner was riskiert?

Bobic: Erst mal freue ich mich auf die Kulisse 55- oder 60000 Zuschauer bei Flutlicht im Olympiastadion, ich mag diese Atmosphäre. Wir haben unser letztes Heimspiel verloren, nach diesem Wochenende kommt die zweiwöchige Länderspiel-Pause. Wir wollen mit einem Erfolgserlebnis in diese Pause gehen.

Morgenpost Online: Verfolgen Sie Hertha anders als andere Liga-Konkurrenten?

Bobic: Ich verfolge alle Klubs, bei denen ich war. Aber es stimmt, bei Hertha kenne ich mich am besten aus. Weil ich, wenn es die Zeit erlaubt, bei der Familie bin, die weiter in Berlin lebt, Freunde dort habe und auch noch etwas Kontakt zu Hertha.

Morgenpost Online: Um mal indiskret zu fragen: Wie lebt sich eine Fernbeziehung zwischen Stuttgart und Berlin?

Bobic: Die gute Nachricht ist: Vorher habe ich eineinhalb Jahre in Bulgarien gearbeitet, das haben wir als Familie geschafft. Und Stuttgart liegt vergleichsweise näher und besser angebunden als Bulgarien. Zudem habe ich mich gefreut, als ich den Spielplan gesehen habe: Der VfB spielt Freitagabend bei Hertha. Das heißt für mich ein ganzes Wochenende bei der Familie in Berlin.

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