Neu-Berliner

Warum sich Torun in der Hertha-Familie wohlfühlt

| Lesedauer: 6 Minuten
Daniel Stolpe

Nach dem 2:2 beim HSV blieb Hertha-Neuzugang Tunay Torun einige Tage in seiner Heimat Hamburg. Aber nicht, weil es ihm in Berlin nicht gefällt. Ganz im Gegenteil: Insbesondere der Zusammenhalt bei den Blau-Weißen fasziniert ihn.

Die Frage hätte auch eine Falle sein können. Welcher Chef offeriert seinem Mitarbeiter schon einen freien Tag extra? Einfach so? Aber Herthas Trainer Markus Babbel fragte seinen Spieler nach dem 2:2 in Hamburg noch in der Kabine ohne Hintergedanken. Ob Tunay Torun am Samstagabend nicht gleich in seiner Heimatstadt bleiben wolle? Ein geschenktes Auslaufen am nächsten Vormittag als Belohnung. Schließlich hatte der Offensivspieler beim ersten Berliner Punktgewinn der Saison das 1:1 erzielt.

Der 21-Jährige aus Sankt Pauli nahm die Prämie nur zu gern an. Ehe Torun am Dienstag wieder in Berlin auf dem Trainingsplatz stehen muss, blieb reichlich Zeit für die Familie in Hamburg. Natürlich auch für Freundin Franziska und ein schönes Essen mit deren Eltern am Sonntag, abends ging der Deutsch-Türke mit Kumpels in eine Bar. Und vor diesem Programm hatte er sich „selbstverständlich“ trotzdem auch die Belastung des Spiels aus den Beinen gelaufen. Im Körper verblieb nur das „super Gefühl“ über sein erstes Tor für Hertha.

„Tunay hat gezeigt, was er kann“

Babbels Großzügigkeit kündet im Detail von dem Vertrauen, das der Trainer Torun entgegenbringt. Im zweiten Spiel konnte der Offensivspieler nun etwas zurückgeben. Nachdem er beim Saisonauftakt gegen Nürnberg (0:1) noch „unverständlicherweise völlig von der Rolle“ (Torun) gewesen war, gehörte er gegen Hamburg zu den besten Herthanern. „Tunay hat diesmal gezeigt, was er kann“, stellte Babbel lapidar fest und nannte diese Qualitäten: „Er ist technisch versiert, bringt Spielfreude mit. Und wie zu sehen war, kann er auch Tore schießen.“

Das Vertrauen des Trainers ist einer der Gründe, weshalb Torun sagt: „Ich bin überglücklich, dass ich zu Hertha gewechselt bin .“ Ein weiterer sind die neuen Kollegen. Es ist mehr als die branchenübliche Nettigkeitsfloskel, wenn Torun festgestellt haben will, dass „alle Spieler wie eine Familie“ sind. Denn wie in einer Familie, findet er, dürfe man sich bei Hertha auch mal etwas an den Kopf werfen. Ohne, dass es gleich Knatsch gibt: „Man will dann meist doch nur pushen, motivieren.“

Im März 2010 sah Ruud van Nistelrooy das offenbar etwas anders. In der Halbzeitpause eines Europapokalspiels in Anderlecht, das der HSV 3:4 verlor, kam es zum Wortgefecht zwischen dem Weltstar und dem damals 19-jährigen Torun. Mehr noch: Van Nistelrooy packte sich den Mitspieler und schüttelte diesen durch. Beeindrucken konnte der Niederländer den Jungen vom Kiez damit nicht. Er sei niemand, der Stress sucht, sagt Torun. Aber sich verstecken müsse er sich auch nicht. So hat Torun es schon gehalten, als ihn die Älteren auf dem Bolzplatz früher nicht mitmachen lassen wollten. Dann überzeugte er mit acht Jahren beim FC St. Pauli im Probetraining. Mit 16 Jahren wechselte er schließlich zum HSV. Mit 18 gab er sein Bundesliga-Debüt.

Erster Vereinswechsel

Zum ersten Mal in seiner Profilaufbahn hat Torun nun den Verein gewechselt. Eine spannende Erfahrung. „Ich habe bei Hertha noch niemanden erlebt, der nicht für das Team spielt“, sagt Torun beinahe schwärmerisch. Eine Rangelei in der Kabine – bei Hertha sind solche Auswüchse unvorstellbar, glaubt Torun. „Wir sind eine richtige Mannschaft. Beim HSV hatte ich dieses Gefühl nicht. Da machte jeder zuerst sein Ding, um im Vordergrund zu stehen.“ Die Abrechnung mit den Ex-Kollegen gerät deutlich: „Von der Qualität hatten wir vergangene Saison mit van Nistelrooy, Ze Roberto, Petric und Elia nach dem FC Bayern den besten Kader. Dass wir damit keinen Titel gewonnen haben, lag am fehlenden Zusammenhalt.“

Bei Hertha wähnt sich Torun jetzt in einem Umfeld, in dem einerseits die fußballerische Qualität stimme, andererseits aber auch die Mischung innerhalb der Mannschaft passt. Auch wenn die mehrfachen Familienväter natürlich nicht die Interessen der Nachwuchskräfte teilen. „Aber es haben alle Respekt voreinander“, sagt er. Geradezu exemplarisch für den herrschenden Geist stehe der Brasilianer Raffael : „Er ist vielleicht unser bester Fußballer, aber er ist trotzdem ein ganz bescheidener Teamplayer.“

„Änis wäre ein Gewinn für uns“

Torun ist in Berlin angekommen. Bald könnte mit Änis Ben-Hatira ein weiterer Profi des HSV folgen. Es wäre eine Rückkehr. Von 1995 bis 2003 spielte der Deutsch-Tunesier schon einmal für Hertha BSC. Während Torun also einmal fortkommen wollte von daheim, zieht es Ben-Hatira zurück in seine Geburtsstadt und zur dort lebenden Familie. Mangelnde Perspektive beim HSV tut ein Übriges. Bei Hertha wäre das wohl anders, Trainer Babbel und Manager Michael Preetz sollen sich auf Ben-Hatira als Wunschkandidat für eine weitere Verstärkung der Offensive in der noch bis Monatsende laufenden Transferphase festgelegt haben – wenn bis dahin denn noch Mittel frei werden. Ein Verkauf von Rob Friend könnte den Weg ebnen. Babbel hatte zuletzt Andeutungen in diese Richtung gemacht.

Torun sagt, Ben-Hatira sei „ein guter Kumpel von mir“. Doch nicht allein deshalb würde er sich freuen, wenn es zu einer Wiedervereinigung käme. „Ich kann mir gut vorstellen, mit ihm bei Hertha Fußball zu spielen“, sagt Torun: „Er wäre ein Gewinn für uns. Änis ist ein super Fußballer, aber auch ein Teamplayer, der für die Mannschaft läuft und denkt.“ Im konditionellen und athletischen Bereich sei Ben-Hatira beim HSV jedenfalls immer ganz vorn mit dran gewesen.

Am Sonnabend haben sie am Rande des Spiels schon miteinander geflachst. „Im Spaß habe ich zu ihm gesagt, dass ich ihm schon einen Platz bei uns in der Kabine freigehalten habe“, erzählt Torun. Gut möglich, dass aus dem Spaß von Hamburg bald Berliner Realität wird.

=> Lesen Sie mehr über die Partie in unserem Fußball-Blog "Immerhertha.de"