Erster Punktgewinn

Hertha zeigt sich gegen den HSV unerwartet stark

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2:2 und drei Aluminiumtreffer: Dank eines Last-Minute-Tores von Kapitän Mijatovic holt Hertha BSC beim HSV den ersten Punkt in dieser Saison. Dabei hätten die starken Berliner durchaus drei Punkte verdient gehabt.

In der nunmehr 48 Jahre alten Fußball-Bundesliga haben auch die Trainer für so manche Kuriosität gesorgt. Der in jeder Hinsicht wilde Christoph Daum natürlich. Oder Ralf Rangnick, der zu Hannoveraner Zeiten befand, dass sein Personal etwas schlafmützig in die Spiele ging – und deshalb vor dem Anpfiff in der Kabine mit einem Knallfrosch überraschend lautstark die Produktion von Adrenalin anregte. Markus Babbel von Hertha BSC ist seit Sonnabend nun der erste Übungsleiter, der mittels einer Tätowierung sowohl das Vereinslogo des aktuellen Arbeitgebers unter der Haut trägt, als auch das des Gegners – in dem Fall seines ehemaligen Klubs Hamburger SV.

Von „zwei sehr schönen Jahren im Norden“ Anfang der 90er rührt die bleibende Liebe des Bayern. Das überraschende Unentschieden auf Babbels Oberarm fand im Spiel seine Fortsetzung – wobei die Punkteteilung beim 2:2 (1:1) den Berlinern mehr hilft als dem HSV. Überdies war der Spielverlauf aus Hertha-Sicht mit einem späten Ausgleich durch Kapitän Andre Mijatovic im Anschluss an eine Ecke (88. Minute) gut für die Moral des Bundesliga-Rückkehrers. „Über 90 Minuten waren wir die bessere Mannschaft“, sagte Manager Michael Preetz, „ob des späten Ausgleichs können wir zufrieden sein. Ich bemängele aber dennoch, dass wir den Sieg hier liegen gelassen haben.“

Ebert und Torun in der Startelf

Erste nennenswerte Aktion des Spiels war die erste Berliner Torchance der Saison. Einen von HSV-Zugang Jeffrey Bruma zu kurz abgewehrten Kopfball von Adrian Ramos nahm Tunay Torun nach acht Minuten volley. Er setzte die Kugel aber über die Latte des vom Ex-Berliner Jaroslav Drobny gehüteten Hamburger Tores. Ausgerechnet Torun, der vergangene Saison noch das Trikot mit der Raute trug. Spekuliert worden war, dass der in Hamburg geborene Deutsch-Türke nach seinem schwachen Einstand beim miserablen 0:1 gegen Nürnberg zunächst auf der Bank sitzen würde, damit Raffael in die Startelf einrücken könne. Oder dass es Patrick Ebert treffen würde. Tatsächlich bildeten diese drei dann die Offensivreihe hinter der Sturmspitze Ramos. Der schnelle Kolumbianer schien Babbel für die Kontertaktik im fremden Stadion besser geeignet als Strafraumspieler Pierre-Michel Lasogga. Und so verzichtete der Hertha-Coach erstmals seit dem November 2010 aus freien Stücken auf den Shootingstar der vergangenen Zweitliga-Saison.

Zu den geplanten Kontern kamen die Berliner allerdings nur selten. Was daran lag, dass die Hamburger kaum einmal erkennbar offensiv wurden. Was Nürnberg erst am vergangenen Wochenende im Olympiastadion gelang – den Gegner komplett vom Tor fernhalten – schafften nun die Herthaner ihrerseits. So endeten weitgehend ereignislose erste 25 Minuten erst mit einem Elfmeterpfiff von Schiedsrichter Wolfgang Stark. Andre Mijatovic hatte Mladen Petric umgerissen, der Gefoulte trat selbst an und traf – aber seine zittrige Ausführung stand sinnbildlich für das Spiel der Gastgeber.

Lell an die Latte, Raffael zu hastig

Der unglückliche Rückstand hätte schnell egalisiert werden können. Eigentlich müssen. Nach einem Ballgewinn von Ramos tauchte Herthas Rechtsverteidiger Christian Lell urplötzlich frei vor Drobny auf. Schlau lupfte er den Ball über den Keeper und traf die Latte. Von da sprang er zurück und direkt vor die Füße Raffaels. Der Brasilianer schloss etwas hastig ab, Drobny lenkte den Schuss an den Pfosten.

Die Serie glänzender Paraden schien sich aus Berliner Sicht zunächst unheilvoll fortzusetzen. Drobny, der an guten Tagen „wie Jesus“ (Ex-Trainer Lucien Favre) halten kann, kam auch an Andreas Ottls Schuss aus 18 Metern mit den Fingerspitzen heran. Aber da lauerte schon Torun. In seinem zweiten Spiel im Hertha-Trikot traf er cool aus spitzem Winkel zum 1:1 (43.). Mit der letzten Aktion der ersten Halbzeit hätte er noch einmal treffen können. Spätestens jetzt war das Remis für den HSV sogar schmeichelhaft.

Dreimal Aluminium-Treffer der Berliner

Entsprechend selbstbewusst setzte Hertha nach dem Seitenwechsel nach. Nur 33 Sekunden vergingen vom Anstoß weg bis zu Ramos’ zu hoch angesetztem Schlenzer an die Unterkante der Latte, dem nun schon dritten Aluminiumtreffer der Berliner. Und nur der aufmerksame Michael Mancienne klärte vor dem aus kürzester Distanz einköpfbereiten Kolumbianer. Es offenbarten sich den immer mehr spielfreudigen Berlinern Lücken in den Reihen der Hamburger, die kaum zu glauben waren. Doch war die Misere des HSV hausgemacht – womöglich noch unter dem Eindruck des glänzenden Auftritts der deutschen Nationalmannschaft am Mittwoch gegen Brasilien (3:2) hatte Trainer Michael Oenning die Seinen im 4-1-4-1-System formiert, obwohl er das in dieser Form nie zuvor trainiert hatte.

Abwehrmann Maik Franz machte das zu sorglos. Hoch in der eigenen Hälfte spielte er einen schlampigen Ball zu Peter Niemeyer, der 19 Jahre alte Heung Min Son ging dazwischen und auf und davon. Der Flachschuss des schon in der Vorbereitung bemerkenswert treffsicheren Südkoreaners (18 Tore in zehn Testspielen) flog aus 20 Metern präzise ins kurze Eck.

Als das schon zum Sieg zu reichen schien, flog noch Mijatovic heran, kam dem hier schlecht aussehenden Drobny zuvor und ließ die Berliner jubeln. „Das war eine gute Reaktion auf letzte Woche“, sagte Lell, „wir haben über weite Strecken ein tolles Spiel gezeigt.“

=> Lesen Sie mehr über die Partie in unserem Fußball-Blog "Immerhertha.de"

( Daniel Stolpe )