Duell der Krisenklubs

Hertha und HSV verbindet Angst vor dem Absturz

Für Hertha BSC und den HSV zählt im direkten Duell nur ein Sieg. Die Trainer Markus Babbel und Michael Oenning müssen erst noch beweisen, dass sie zu Höherem berufen sind.

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Neulich hat Markus Babbel geschwärmt. Über seinen Kollegen Thomas Tuchel. Der Mainzer Übungsleiter sei ihm fachlich voraus. Habe Tuchel doch vor Beginn seiner Trainertätigkeit bei den Profis jahrelang Erfahrung mit Nachwuchsteams gesammelt. Babbel hingegen hat andere Meriten vorzuweisen. In fast zwei Jahrzehnten als Aktiver hat er so viele Titel und Erfolge gefeiert, dass er sie kaum auswendig aufzählen kann; gipfelnd im Gewinn der Europameisterschaft 1996.

An diesem Sonnabend begegnet der Trainer von Hertha BSC nun Michael Oenning vom Hamburger SV – noch so einer, der wie Tuchel ganz und gar keine schillernde Karriere als Profi vorweisen kann. Auch Oenning hat sich als Trainer über Jugendteams bis auf die Bank eines Bundesligisten hochgedient. Babbel hingegen wurde im November 2008 der direkte Einstieg beim VfB Stuttgart offeriert. Fehlende berufliche Qualifikation war damals kein Ausschlusskriterium.

So sehr sich ihr Lebensweg auch unterscheiden mag – Babbel und Oenning wird an der Seitenlinie des Hamburger Stadions nicht allein die räumliche Nähe verbinden. Es treffen sich zwei Fußballlehrer, die nach nur einem Spiel der Bundesliga-Saison 2011/12 schon unter Druck geraten sind. Bei Hertha ist dies durchaus überraschend. Die völlig missratene Rückkehr in die Erstklassigkeit beim 0:1 gegen den 1. FC Nürnberg war so nicht erwartet worden. Das 1:3 des HSV beim alle verzückenden Deutschen Meister Borussia Dortmund hingegen verwunderte weniger. Dennoch kann Oenning wie Babbel bereits nach zwei Spielen massiv in die Kritik geraten – gerade dem Hamburger Coach würde schon eine Punkteteilung als Fehlstart angelastet werden.

Nun ist dem verjüngten HSV kaum vorzuwerfen, mit dem Temporausch des Champions schlicht überfordert gewesen zu sein. „Wir haben nie behauptet, dass wir uns mit Teams wie Dortmund schon komplett messen können“, sagt Oenning. Und Sportchef Frank Arnesen fand es schon gut, „dass wir nicht 0:5 oder 0:6 verloren haben“. Die neue Bescheidenheit bringt Klubchef Carl-Edgar Jarchow zum Ausdruck. Ihm schwebt für diese Saison ein „gesicherter Mittelfeldplatz“ vor, was in Hamburg so attraktiv ist wie das typische Schmuddelwetter.

Über viele Jahre gehörte der Hamburger SV zur Spitze der Liga. Dieses Selbstverständnis müsse er nun aufgeben, sagen viele Experten beim Blick auf den Kader. Sie finden in Hamburg durchaus Gehör. So trägt der harte Kern den wirtschaftlichen Zwängen geschuldeten Kurs mit. „Lieber Leidenschaft und Kampf als Erfolg auf Krampf“, stand beim glücklichen 2:1-Pokalsieg in Oldenburg auf einem riesigen Transparent zu lesen.

Gänzlich anspruchslos ist im hohen Norden aber trotzdem niemand. Welches Niveau die neuformierte Mannschaft erreichen kann, muss sie gegen Hertha unter Beweis stellen – vor eigenem Publikum, was Fluch oder Segen sein mag. Die Basis kann so zwar unterstützend wirken, aber eben auch erkennen, was das im Schnitt um fünf Jahre verjüngte Team auf dem Rasen bringt. Babbel zieht daraus Hoffnung. Wenn das eigene Team dem Bemühen des Gegners nur möglichst lange erfolgreich entgegenwirkt, „gelingt es uns vielleicht, das Hamburger Publikum mürrisch zu machen.“

Hoffnung bezieht Babbel aus der Vorsaison, war Hertha im Zweitliga-Jahr auswärts doch eine Macht. Gerade in der Rückrunde gelangen richtungsweisende Siege bei der direkten Konkurrenz in Fürth, Bochum und Aue (jeweils 2:0). Imposant auch das 6:2 in Karlsruhe, dem sich ein 5:0 in Aachen anschloss. „Ich hoffe, dass wir diese Stärke wieder zeigen“, sagt Babbel.

Er wird, sollte es schief gehen, nicht gleich um seinen Job bangen müssen. Das muss auch Oenning nicht. Doch das Arbeiten erleichtert beiden nur ein Sieg. Was für Oenning doppelt gilt, da der HSV am Wochenende nach dem Herthaspiel zum FC Bayern reisen muss. Bislang wird der 45-Jährige weder öffentlich noch von seinen Vorgesetzten Arnesen und Jarchow in Zweifel gezogen. Obwohl die Zahlen durchaus dafür sprächen. Neun Ligaspiele hat der HSV saisonübergreifend unter Oenning bestritten, gewonnen wurde nur einmal: 6:2 beim Debüt am 19.März gegen Köln. Oenning bekam einst in Nürnberg die Chance als Chef, scheiterte dann aber. Nun weiß er, dass er als Seiteneinsteiger die Chance Hamburg nutzen muss, um sich als Bundesliga-Trainer zu etablieren.

Auch Babbel muss noch nachweisen, dass er einen Erstligisten auf Dauer besser machen kann. Beim damaligen Absteiger Hertha wurde er vor einem Jahr trotz wenig Erfahrung als Trainer wie ein Heilsbringer empfangen; die „Mission Wiederaufstieg“ meisterte er souverän. Schon da war aber nicht ganz klar, inwieweit das auch am besten Spielermaterial der Liga lag. Beweisen darf er sich in näherer Zukunft mit einem weiteren Auswärtsspiel (in Hannover) sowie Duellen mit Ex-Klub Stuttgart und bei Borussia Dortmund. Die Niederlage zum Start jedenfalls war auch eine des Trainers Babbel. Auf die Manöver seines Nürnberger Widerparts Dieter Hecking wusste er keine Antwort. Wenn Babbel sagt, „alle müssen sich steigern“, gilt das in Hamburg auch für Berlins Mann an der Seitenlinie.

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