Misslungener Saisonstart

Was sich bei Hertha BSC ändern muss

Der schwache Auftritt der Hertha-Mannschaft beim 0:1 zum Bundesligaauftakt gegen Nürnberg wirft viele Fragen auf: Warum war Hertha so mutlos? Kommen neue Spieler? Was kann Trainer Babbel ändern? Morgenpost Online hat die Antworten.

Der RBB hatte ein Fernsehteam geschickt, ebenso das ZDF. Doch die Vertreter der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten bekamen nicht viel zu sehen, was sie hätten filmen können. Es war eine überschaubare Runde an Hertha-Profis, die Sonntagmorgen beim Auslaufen auf dem Schenckendorff-Platz unterwegs war.

Die Nationalspieler wie Levan Kobiashvili (Georgien) und Fabian Lustenberger (Schweiz) waren auf Reisen, ebenso wie Pierre-Michel Lasogga, Sebastian Neumann und Fanol Perdedaj, die U21-Nationalspieler des Deutschen Fußball-Bundes. Eine Reihe angeschlagener Profis war gar nicht erst auf dem Platz: Torwart Thomas Kraft machte wegen seines lädierten Sprunggelenkes Reha-Training, Patrick Ebert besuchte wegen einer vereiterten Nasennebenhöhle einen Halsnasenohrenarzt, und Raffael wurde wegen seiner Platzwunde am Kopf geschont. Trainer Markus Babbel fehlte, er weilte zeitgleich im Fernsehstudio in München, wo er im „ Doppelpass “ bei Sport1 Rede und Antwort stand.

Hertha BSC ist gleich zum Saisonstart mit dem Rücken an die Wand geraten. Nicht nur das 0:1 (0:0) zu Hause gegen den 1. FC Nürnberg schmerzte (Tor: Tomas Pekhart, 80. Minute). Vor allem warf der hypernervöse und uninspirierte Auftritt der Gastgeber eine Menge Fragen auf. Dahinter steht die Befürchtung, ob der Zweitligameister überhaupt erstliga-tauglich ist. Morgenpost Online beantwortet die wichtigsten Fragen nach dem enttäuschendem Auftritt im Olympiastadion.

Warum war Hertha so mutlos?

Die Hausherren fanden keine Antwort auf die Spielweise der Nürnberger. Deren Plan ging auf, den Spielaufbau von Herthas Innenverteidigern ( Maik Franz , Andre Mijatovic) und defensiven Mittelfeldspielern (Andreas Ottl, Peter Niemeyer) zu unterbinden. Da auf den Außenbahnen Tunay Torun und Patrick Ebert schwach waren, die Herthaner zudem zu weit auseinander standen, fand ein Offensivspiel nicht statt.

Braucht Hertha eine neue Taktik?

Cheftrainer Markus Babbel hatte seine Mannschaft mit einem 4-4-2-System ins Spiel geschickt. In der Pause tauschte er den indisponierten Torun gegen Raffael und wechselte auf eine 4-2-3-1-Taktik. Damit gelang es den Herthanern, das Spiel etwas weiter vom eigenen Tor weg zu verlegen, es fehlte aber weiter an Laufbereitschaft und Kreativität. Grundsätzlich funktionieren beide Systeme – dafür müssen sich alle Spieler besser bewegen und die Räume viel enger halten. Der Mannschaft eine Spielidee an die Hand zu geben, ist Aufgabe des Trainers. Was bleibt, ist die Ungewissheit, ob die Abwehrzentrale spielstark und schnell genug ist für die Bundesliga.

Hemmte die Kulisse das Team?

Bei Sport1 sagte Babbel über die 61.118 Zuschauern im Olympiastadion: „Wir sind vor dieser tollen Kulisse etwas erstarrt – das ist sehr ärgerlich.“ Diese Begründung hat der Trainer schon mehrmals angeführt, etwa nach dem verlorenen Derby im Februar gegen Union (1:2). Die Spieler sehen das anders. Maik Franz sagte: „Die Kulisse beflügelt. Es gab vor dem Anpfiff eine tolle Choreographie, die Stimmung war super. Umso enttäuschender war, dass wir nicht das zeigen konnten, was wir uns vorgenommen hatten.“ Man kann den Trainer dahingehend verstehen, mit der Diskussion um die Kulisse einen Nebenkriegsschauplatz zu bespielen, um die wirklich drängenden Fragen nicht öffentlich diskutieren zu müssen.

Was ist mit der Hierarchie?

Stefan Effenberg, der die Partie für Sky im Olympiastadion verfolgte, fragte zu Recht: „Wo sind bei Hertha die Spieler, die in schwierigen Situationen vorangehen?“ Kapitän ist Andre Mijatovic, der jedoch sichtbar Probleme mit dem Spielaufbau und daher mit sich selbst hatte. Franz und Andreas Ottl werden als Neue etwas Zeit brauchen, um Führungsrollen zu übernehmen. Raffael ist ein exzellenter Fußballer, aber kein Leader, ebenso wenig wie Adrian Ramos. Gegen Nürnberg wehrten sich nur Peter Niemeyer und Levan Kobiashvili nach Kräften. Von Christian Lell und Patrick Ebert, die sich selbst im Gefüge mit vorn wähnen, war nichts zu sehen. Dem Team fehlen derzeit ein, zwei Anführer. Die sollte es rasch finden.

Sind die Neuen doch nicht so stark?

Vorab waren die Zugänge gelobt worden, auch an dieser Stelle. Zum Saisonstart bot jedoch nur Thomas Kraft im Tor trotz eines dick geschwollenen Knöchels eine ordentliche Leistung. Franz war solide, patzte aber beim entscheidenden Gegentor. Ottl fremdelte noch stark in der neuen Umgebung, Torun fand gar nicht statt. Fazit: Die Neuen bekommen noch etwas Zeit, aber alle können es besser.

Braucht Hertha neue Spieler?

Die Transferperiode läuft bis zum 31. August. Bedarf hat Hertha im Sturm und links in der Verteidigung. Dafür müssen Spieler aus dem aktuellen Kader abgegeben werden. Kaka soll weg, Rob Friend würde bei einem Angebot auf Hertha-Kosten zu jedem Arbeitgeber in Fußball-Europa chauffiert werden. Da sich das derzeit aber nicht abzeichnet, stellen sich die Verantwortlichen demonstrativ hinter das Team. „Stand heute wird es keine Veränderungen geben“, sagte Manager Michael Preetz. Trainer Babbel formulierte: „Ich bin von der Qualität dieser Mannschaft zu 100 Prozent überzeugt. Sie haben ein unglaublich hartes Jahr sensationell bewerkstelligt. Jetzt gilt es, das in der Bundesliga zu bestätigen.“

Ist Hertha ein Fall für Couch?

Babbel betont den „tollen Charakter der Mannschaft. Es macht unglaublich viel Spaß, mit ihr zusammen zu arbeiten, sie ist sehr lernwillig.“ Gegen Nürnberg war davon nichts zu sehen: Braucht es psychologische Unterstützung? Der Trainer ist kein Anhänger von teambildenden Maßnahmen. Der frühere Profi des FC Bayern München hält es mit traditionellen Werten: Am Anfang steht die Arbeit. Mit der Arbeit kommt Selbstbewusstsein, mit dem Selbstbewusstsein der Erfolg. Individuell kann sich jeder Spieler motivieren, wie er mag. Von Raffael etwa ist bekannt, dass er hin und wieder mit einem Mentaltrainer arbeitet. Am Ende jedoch liegt es am Trainer, dafür zu sorgen, dass die Mannschaft ihr Potenzial auf den Platz bringen kann. Gegen Nürnberg war das deutlich nicht der Fall. Babbel sollte rasch die Blockaden in den Köpfen seiner Mannschaft gelöst bekommen.

War irgendetwas gut?

So schwach der Auftritt war, eine Stärke der Vorsaison war auch am ersten Bundesliga-Spieltag zu sehen. Hertha ließ nur wenige Chancen zu. Dumm, dass der eine Aussetzer prompt mit dem Nürnberger Siegtor bestraft wurde. Auf der Defensivstärke aber lässt sich aufbauen.

Droht ein fulminanter Fehlstart?

Nach der Auftaktniederlage stehen für den Aufsteiger beim Hamburger SV (am Samstagnachmittag, 15.30 Uhr) und bei Hannover 96 (21. August) zwei Partien in der Fremde an. Kapitän Andre Mijatovic teilt die Bedenken eines totalen Fehlstarts trotz der Niederlage zum Auftakt nicht. „Ich weiß, dass einige finden, wir sollten uns gleich wieder für die Zweite Liga anmelden. Aber wir haben vergangene Saison auswärts oft besser ausgesehen als zu Hause. Ich erwarte einiges von uns in Hamburg und Hannover.“

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