Saisonprognose

Experten sagen, wie gut Hertha BSC wirklich ist

Hertha steigt ab! – meint zumindest Mario Basler. Doch er scheint der einzige Experte zu sein, der so radikal denkt. Morgenpost Online hat sich bei Beobachtern des Vereins umgehört.

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Vorfreude ist ein häufig gebrauchtes Wort bei Hertha BSC in diesen Tagen. Am Samstag ist es endlich soweit, dann starten die Berliner gegen Nürnberg endlich wieder in eine Saison der Fußball-Bundesliga. Alle Beteiligten sind froh, dass es endlich losgeht und die Zeit des Wartens und Spekulierens ein Ende hat.

Die Frage ist nur: Wie gut ist Hertha wirklich? Es ist die Zeit, in der die Experten, die Kenner der Klubs gefragt sind – um einen ersten Blick auf die Vereine zu werfen. Und vielleicht auch schon die eine oder andere Prognose zu wagen, wie die Saison verlaufen könnte. Der erste, der das kürzlich getan hat, heißt Mario Basler. Und der ging in seiner Kolumne für die „Bild“ vergangene Woche bereits hart ins Gericht mit Hertha. „Wenn die Bundesliga so unbedingt einen Hauptstadtklub braucht, sollte Union Berlin langsam aufsteigen. Der andere Verein geht ja direkt wieder runter“ , hatte Basler also geätzt, nebenbei die Außenverteidiger als „Krampfadern“ bezeichnet und selbst Andreas Ottl und Thomas Kraft als Fehleinkäufe abgestempelt – natürlich nicht so ganz im Ernst. Sein Fazit lautete dennoch: 18. Platz, Abstieg. Einzig: Er ist der einzige, der so radikal denkt. Morgenpost Online hat sich bei verschiedenen Beobachtern des Vereins umgehört.


Reif: Hertha ist kein Aufsteiger

Marcel Reif verbringt derzeit einige Tage in Florida, bevor auch für den Fernsehkommentator die Saison beginnt. „Für mich ist Hertha eigentlich kein klassischer Aufsteiger“, sagt er. Dafür seien noch zu viele Spieler im Klub, die sowohl die Bundesliga als auch den Abstieg miterlebt hätten. Deshalb, so glaubt der Experte, sei die Gefahr eines Einbruchs nach einer anfänglichen Euphorie eher gering. „Die Spieler wissen ganz genau, was auf sie zukommt. Vom Potenzial her ist die Mannschaft ein absoluter Erstligist.“ Die Zugänge Andreas Ottl, Maik Franz, Thomas Kraft und Tunay Torun sieht er als echte Verstärkungen an. So stark, dass er meint: „Einem Kraft und einem Ottl sollte man besser nicht zu oft erzählen, dass es nur gegen den Abstieg geht.“ Für den Saisonstart empfiehlt er, ruhig zu bleiben: „Es ist wichtig, dass nicht gleich eine selbstgemachte Panik aufkommt.“ Sein Tipp: Hertha landet auf Platz zehn bis zwölf.


Groß: Nur keinen Abstieg

Als Herthas Torwart-Legende hat sich Volkmar Groß natürlich besonders mit den Keepern auseinandergesetzt. Sein Urteil: „Thomas Kraft ist eine echte Verstärkung, auf der Position gab es einige Schwächen im Vorjahr.“ Aber auch Groß, der 101 Mal im Kasten von Hertha stand, warnt davor, von dem 23-Jährigen Wundertaten zu fordern: „Es ist noch ein wenig unerfahren, er wird ganz sicher seine Fehler machen. Deshalb ist es wichtig, ihm den Rücken zu stärken.“ Er fordert im Gegensatz zu Reif einen guten Saisoneinstand, am besten gleich mit einem Sieg gegen Nürnberg. „Hertha darf nicht hinten drin hängen bleiben. Es müssen Punkte her, auf Biegen und Brechen. Die Zeit der Schönspielerei ist vorbei“, meint er. Seine Prognose: Alles über den Abstiegsrängen ist möglich, außer natürlich der Meisterschaft – am Ende ein souveräner 13. Platz.


Breitner: Nur überleben

Es ist fast unmöglich, Paul Breitner zu einer Prognose zu bewegen – davon hält er nämlich nichts, wenn nicht wenigstens fünf Spieltage absolviert sind. „Für einen Aufsteiger wie Hertha wird es viel wichtiger sein, die Aufstiegseuphorie mitzunehmen als irgendwelche Testspiele, Zugänge oder Verletzungen zu analysieren“, meint er. Eine deutliche Meinung hat er dennoch zu Herthas Saisonziel: „Das kann ja nur Klassenerhalt heißen. Für Hertha geht es im ersten Jahr nur ums Überleben – ich würde mich darüber wahnsinnig freuen.“


Sidka: Hertha bleibt drin

Erst vor drei Tagen kehrte Wolfgang Sidka aus dem Irak zurück, wo er vor einem Jahr ein befristetes Engagement als Nationaltrainer eingegangen war. Neun Jahre lang, von 1971 bis 1980, spielte Sidka für Hertha – nun beobachtet er den Hauptstadtklub aus der Ferne. „So souverän, wie Hertha die Zweite Liga gemeistert hat, muss die Mannschaft die Klasse eigentlich souverän halten“, findet er. Bei den Zugängen lobt auch er vor allem Ottl und Kraft. „Beide müssen beweisen, dass sie Bundesligaspieler sind. Davon wird Hertha profitieren“, meint er. Wenn, ja wenn die Mannschaft ihre Heimspiele gewinnt. An der Stelle hat der 57-Jährige ein paar Bedenken, immerhin hat Hertha seit nunmehr zwei Jahren kein Bundesligaspiel im Olympiastadion gewonnen. „Gegen Nürnberg muss sofort der erste Sieg her“, meint Sidka.


Helmer: Mainz als Vorbild

Auch Thomas Helmer, Europameister von 1996, traut Hertha in der kommenden Saison einiges zu – und stattet der Hauptstadt zum Heimspiel gegen den VfB Stuttgart einen Besuch ab. Auch er meint: „Ich sehe Hertha nicht zwangsläufig als Abstiegskandidaten, nur weil sie gerade aufgestiegen ist.“ Er sieht vor allem einen großen Vorteil in der Geschlossenheit der Mannschat, die sie sich im Aufstiegsjahr zugelegt hat. Allerdings warnt er vor falschen Erwartungen an die Zugänge, vor allem an die Bayern-Fraktion: „Ottl und Kraft darf man jetzt nicht gleich so viel Last auf die Schultern laden.“ Eine genaue Prognose für die kommende Saison möchte Helmer zwar nicht abgeben. Aber er deutet an, dass er Hertha mehr zutraut als den Klassenerhalt: „Letztes Jahr haben einige Mannschaften wie Freiburg und Mainz überrascht. Weil sie ihren eigenen Fußball gespielt und agiert statt reagiert haben. Das sollte Hertha als Vorbild dienen.“


Beer: Platz 12 bis 14

Bis Michael Preetz kam, war Erich Beer mit 83 Toren Herthas Rekordtorschütze. Nun lebt der 64-Jährige in München – und konnte sich so schon seit geraumer Zeit ein Bild von Herthas Zugängen aus Bayern machen. „Ottl und Kraft habe ich häufig gesehen. Kraft ist ein junges Talent, und Ottl wird sich nach einem kurzen Anlauf auf dem gleichen Niveau einfinden wie Peter Niemeyer“, prophezeit er. Seine Erfahrung werde der Hintermannschaft eine ruhigere Spielweise bescheren. Mut macht Beer vor allem die Rückrunde der vergangenen Saison. Da habe sich die Mannschaft endlich gefunden und sei zu einer Einheit geworden. „Jetzt weiß jeder, wo er hingehört und wo es langgeht.“ Seine Prognose, laut eigener Aussage optimistisch aufgestellt, lautet: Platz 12 bis 14.