Hertha BSC

Ebert vor der wichtigsten Saison seines Lebens

Ein Treffer gegen Real Madrid, an allen vier Toren in Meuselwitz beteiligt: Patrick Ebert ist Herthas Gewinner in der Vorbereitung. In der neuen Saison wird sich entscheiden, ob er die Rolle des "ewigen Talents" endlich hinter sich lässt.

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Am Morgen danach ließ Patrick Ebert aufhorchen bei den Journalisten. Er sei ein bisschen „verschnupft“, ließ er als Erklärung für die Verspätung zur Gesprächsrunde ausrichten. Und nachdem sich die wartende Reporterschar schon Gedanken gemacht hatte, welche Laus dem Außenspieler von Hertha BSC wohl über die Leber gelaufen sein mochte, klärte sich die Angelegenheit recht unspektakulär auf: Der 24-Jährige hatte sich nach seinem überzeugenden Auftritt beim 4:0 (2:0) in der ersten Runde des DFB-Pokals beim ZFC Meuselwit z ein wenig erkältet und wollte deshalb nach dem Training erst einmal duschen.

Von schlechter Laune also keine Spur, und die wäre auch vollkommen unangebracht gewesen. Zwei Vorlagen hatte Ebert direkt gegeben, beide nach ruhenden Bällen. Ein Tor hatte er zum 4:0 selber erzielt, und auch am dritten Tor des Tages hatte er als Ballverteiler in einer sehenswerten Kombination seinen Anteil. Somit war er an allen Treffern maßgeblich beteiligt, was ihn selbst zu überraschen schien. „Das habe ich wohl zuletzt in der Jugend geschafft“, staunte Ebert nach dem Spiel, relativierte am Montag aber: „Das war, bei allem Respekt vor dem Gegner, ein Pokalspiel gegen einen Viertligisten. Man sollte das jetzt nicht überbewerten.“

Der Trainer verlangt mehr Konstanz

Die Sache ist nur: Auch schon im Testspiel gegen Real Madrid (1:3) hatte er den einzigen Treffer für Hertha erzielt, und auch dieses Tor war sehenswert. Ebert befindet sich – einmal mehr – im Aufwind. Und doch bleibt bei dem exzentrischen Außen irgendwie immer der Zweifel, ob er sprichwörtlich am Ball bleibt und dieses gute Spiel am kommenden Wochenende wird bestätigen können. Oder ob er irgendwann als ewiges Talent in die Hertha-Annalen eingehen wird. Trainer Markus Babbel jedenfalls setzte ihn weiter unter Druck, wohl wissend, dass bei Patrick Ebert der Grat zwischen guten und schlechten Leistungen ein ziemlich schmaler ist. Und so antwortete Herthas Trainer auf die Frage, ob Ebert seinen Erwartungen in Meuselwitz gerecht geworden sei: „Ja, aber ich erwarte sogar noch mehr von ihm, ganz klar.“

Was aber kann ein Trainer mehr von einem Spieler verlangen als drei Vorlagen und ein selbst erzieltes Tor? Es ist die Art und Weise, wie sich Ebert auf dem Platz präsentiert, die den Trainer solche Aussagen treffen lässt. „Ich sage ihm immer wieder, dass er uns hilft, wenn er diszipliniert spielt. Aber er hat mir noch zu viele Phasen auf dem Platz, in denen er das eben nicht tut“, sagte Babbel. Er meint zum Beispiel dieses ungestüme, übermotivierte Auftreten, wie im Test gegen Real Madrid. Da hatte er Glück, dass er für zwei rüde Fouls nicht schon in der ersten Hälfte zum Duschen geschickt wurde.

Außerdem, und das monierte bislang jeder Hertha-Trainer, soll er die Zaubertricks doch bitte nur vor dem gegnerischen Tor auspacken – nicht aber in einem dicht gestaffelten Mittelfeld in der eigenen Hälfte. In Meuselwitz zumindest klappte das ganz gut. „Solche Spiele sollten eine Bestätigung für ihn sein, dass wir ihm hier keinen Mist erzählen“, sagt Babbel.

Tatsächlich wissen Trainer wie Fans bei Ebert nie so genau, woran sie sind. Das war auch in der Vorsaison so, als der 24-Jährige nach seiner langen Verletzungspause beim spektakulären 6:2 in Karlsruhe erstmals wieder auflief – und gleich nach wenigen Minuten eine Torvorlage gab. Diesem starken Einstand folgten dann aber auch wieder durchwachsene Partien, in denen man Ebert bestenfalls als Mitläufer bezeichnen konnte. Und selbst in guten Spielen findet der Trainer meist noch etwas, das ihm nicht gefallen hat. „Er verlässt oft die Position, dabei hat er das gar nicht nötig“, monierte Babbel am Montag, der trotz allem aber nicht umhin kommt, Ebert auch für seine „gewisse Robustheit“ zu loben.

Ebert macht dieser Tage jedenfalls sehr wohl den Eindruck, seinem Trainer zuzuhören. Er weiß, dass die kommende Saison die vielleicht wichtigste seiner Karriere wird, denn sein Vertrag bei Hertha läuft im nächsten Sommer aus. Deshalb hält er sich auch nicht mit dem auf, was er vermeintlich schon erreicht hat. „Wichtig ist nur, dass ich das alles am Samstag gegen Nürnberg auch so umsetzen kann“, sagt er artig. Ein Freund der Großen Worte war er noch nie, oft wirkt er gar sehr introvertiert. Und doch ist da so etwas wie eine neue Bescheidenheit zu spüren. An seinem Image, das unter diversen nächtlichen Ausflügen einst arg gelitten hat, arbeitet er ohnehin schon seit geraumer Zeit. Kürzlich rettete er einen Mann vor dem Sprung in einen U-Bahn-Schacht und forderte mehr Zivilcourage ein – das kam an. Und dass die Fans noch immer das Lied singen, in dem er liebevoll als „Rowdy“ bei seinen nächtlichen Aktivitäten besungen wird, nun, daran wird er sich gewöhnen müssen. Überzeugen muss er am Ende ohnehin auf dem Platz. Und da kommt ihm zugute, dass seit dieser Saison auf der anderen Seite des Feldes jemand wirbelt, mit dem er sich außerordentlich gut versteht: Tunay Torun .

Glück nach kurioser Verletzung

Mit dem Deutsch-Türken, der vom Hamburger SV kam, bildet Ebert in diesen Tagen so etwas wie Herthas Flügelzange. Wenn sie nicht gleich komplett die Seiten tauschen, klappen zumindest die Seitenwechsel ziemlich gut. Im Trainingslager teilten sich die zwei ein Zimmer, Ebert konnte Torun sogar mit ein paar türkischen Sprichwörtern überraschen – da haben sich zwei gefunden.

Unbestritten ist Ebert eines der größten Talente, das die eigene Jugend hervorgebracht hat, nicht umsonst bestritt er 13 Spiele für die U-21-Nationalmannschaft. Der ganz große Durchbruch bei Hertha blieb ihm bislang immer verwehrt. Möglich, dass Ebert in diesem Jahr tatsächlich neu durchstartet. Er hat, anders als im Vorjahr, die komplette Vorbereitung absolvieren können. Ein bisschen Glück gehört eben auch dazu, wie im Mai, als erst alles nach einem Bänderriss aussah, die Diagnose am Ende aber nur auf Teilanriss lautete. Obwohl die Geschichte, die zu dieser Verletzung führte, wieder irgendwie typisch für Ebert ist: Bei der Aufstiegsfeier war er vor der Ostkurve im Olympiastadion auf einer Bierflasche ausgerutscht und mit dem Fuß umgeknickt. Aber: Anstatt zwei Tage später mit der Mannschaft zum Feiern nach Mallorca zu fliegen, kurierte Ebert seine Verletzung artig aus. Es sieht wirklich so aus, als hätte er verstanden, worum es für ihn in dieser Saison geht.