Testspiel-Höhepunkt

Hertha probt gegen Real den Ernstfall

Härtetest für Hertha: Gegen Real Madrid will Hertha-Coach Markus Babbel sehen, wie weit sein Team vor dem ersten Bundesligaspiel gegen Nürnberg schon ist. Adrian Ramos wird trotz Mittelfingerverletzung spielen können.

Foto: picture-alliance / Sven Simon / picture-alliance

Adrian Ramos ging zwar ein paar Minuten vor dem Großteil seiner Mannschaft vom Platz, für ein High-Five mit der rechten Hand reichte es aber schon wieder. Auch Autogramme zeichnete der Stürmer in Diensten von Hertha BSC mit eben jener Hand, an der ihm in den letzten Tagen eine Entzündung des Mittelfingers zu schaffen gemacht hatte. Gestern, nach zwei Operationen, trug er statt dickem Verband nur noch ein normales Tape um den Finger und ließ wissen: „Alles ist gut.“ So wird der Kolumbianer am Höhepunkt der Vorbereitung teilhaben können: Dem Test am Mittwoch gegen Real Madrid im ausverkauften Olympiastadion (18 Uhr/Sport 1 live).

Auch Trainer Markus Babbel war die Vorfreude anzumerken. Er erzählte gut gelaunt, wie er im Jahr 2000 mit dem FC Bayern in der Champions League 4:2 in Madrid gewann. „Leider musste ich mit einem Faserriss raus, nachdem ich mir ein Laufduell mit Anelka geliefert und die Todesgrätsche rausgeholt hatte.“ Sicher, die Champions League ist eine andere Liga, dennoch war der Fanansturm am Schenckendorffplatz gestern enorm. Den Vergleich gegen Real nimmt der Trainer überaus ernst. „Es ist eine gute Möglichkeit, uns mit einer der besten Mannschaften der Welt zu messen.“

Woran sich die Frage anschließt: Wie aussagekräftig kann dieser Test eigentlich sein? Was bedeutet er für Hertha? Tatsächlich kann der Klub mit einem Erfolgserlebnis – zum Beispiel einem guten Spiel trotz knapper Niederlage – den Grundstein für einen motivierten und selbstbewussten Start in die Saison legen. Doch das Spiel ist, bei aller Euphorie, auch mit einem gewissen Risiko behaftet. Denn was, wenn Real ernst macht, und Hertha vielleicht 0:5 verliert? Ein solches Ergebnis könnte sich fatal auf den Saisonstart auswirken. Eine Variante, an die Markus Babbel nicht denkt: „Im Gegenteil, das ist mit einkalkuliert. Wir müssen uns auch mit den besten Mannschaften in der Bundesliga messen. Wenn wir eine Klatsche bekommen, wissen wir wenigstens, woran wir noch arbeiten müssen.“

Einzig: Ein Blick auf die Teams, die ähnliches in den Vorjahren versucht haben, lehrt: So einfach ist das alles nicht. Die deutschen Klubs, die zuletzt gegen Madrid testeten, verpatzen den Saisoneinstand. 2007 etwa überrollte Hannover 96 ein überraschtes Real mit 3:0 – und verlor das erste Saisonspiel gegen Hamburg.

„Das war ein Muster ohne Wert. Solche Spiele wecken falsche Erwartungen“, warnte gestern Hannovers Präsident Martin Kind im „Tagesspiegel“. Ein Jahr später versuchte sich Eintracht Frankfurt und schaffte ein beachtliches 1:1. In der Liga hingegen gewann Frankfurt keines seiner ersten drei Spiele. Nun wäre das alles recht einfach mit einem Anfall von Größenwahn zu erklären, gäbe es da nicht jene Mannschaften, die es auch nach Niederlagen gegen Real schafften, den Saisoneinsteig zu vergeigen: 2009 traf es Borussia Dortmund nach einer 0:5-Klatsche, die Westfalen gewannen im Tagesgeschäft Bundesliga nur eins der ersten sieben Spiele. Mit zwei Siegen aus fünf Partien musste auch der FC Bayern im Vorjahr zufrieden sein, nachdem es in der Vorbereitung ein 2:4 gegen Real gesetzt hatte.

So ist für Hertha weder ein Sieg noch eine Niederlage ein verlässlicher Indikator für die eigene Leistungsfähigkeit. Das hängt auch mit dem Zeitplan in Spanien zusammen: Die Primera Division beginnt erst Ende August, Real ist in der Vorbereitung nicht so weit wie die deutschen Vereine. Das wissen sie auch bei Hertha.

Der Trainer erhofft sich trotzdem viele Erkenntnisse. Über seine erste Elf, aber auch über den Rest. Babbel will „als Dank an meine Jungs“ für das Mitziehen in der harten Vorbereitung am Mittwoch jeden spielen lassen.

Gespannt werden die Fans auf die Hertha-Aufstellung sein. Mutmaßlich wird der Trainer seine stärkste Elf beginnen lassen: Was passiert auf der sogenannten Doppelsechs, bei den defensiven Mittelfeldspielern? Setzt Babbel auf Andreas Ottl und Fabian Lustenberger? Dann sitzt Aufstiegsheld Peter Niemeyer nur auf der Bank. Was ist mit Raffael? Wird er von Zugang Tunay Torun verdrängt?

Sollte Real Madrid motiviert mitkicken, könnte sich tatsächlich eine ähnliche Konstellation ergeben wie gegen zahlreiche Klubs aus der Bundesliga: Der spielstarke Favorit (= Real) muss erst einmal unter Kontrolle gebracht werden, der Außenseiter ( = Hertha) versucht aus einer sicheren Defensive heraus mit wenigen Chancen vor das gegnerische Tor zu kommen.

Babbel fordert von seinen Mannen: „Wir dürfen auf keinen Fall in Ehrfurcht erstarren. Wir müssen den Druck annehmen und wieder lernen, vor so vielen Zuschauern zu spielen.“

>>> www.immerhertha.de - das Hertha BSC Blog von Morgenpost Online