Welttournee 2011

Real Madrid hat in Berlin nur einen Kurzauftritt

USA, Deutschland, England, China: Bei der "World Tour 2011" will Real Madrid Absatzmärkte in der ganzen Welt erschließen. Der Trip ist bis ins Detail geplant, in Berlin bleiben die "Königlichen" nur zehn Stunden.

Foto: AFP

„Hallo Berlin, wir sehen uns im Juli“, sagt Kaka. Der höfliche Brasilianer wirkt schüchtern. Fast zu schüchtern für den Trailer zu Real Madrids „World Tour 2011“. Aufgemacht wie Kinowerbung für einen Hollywood-Blockbuster, der im Sommer 2011 anläuft, bewirbt der spanische Rekordmeister seine Auftritte rund um den Globus. „Wir sind Leidenschaft“, heißt es in dem Video. „Die besten Spieler, der erfolgreichste Klub der Welt, wir sind Fußball“. Dieser Fußball präsentiert sich seinen Fans: „Wieder auf Welt-Tournee“. Was nicht übertrieben ist. Mit „Hello USA“ begrüßt vor Kaka schon Trainer Jose Mourinho die Anhänger in Amerika. Nach Kaka kommt Cristiano Ronaldo: „Ni hao!“, liebe Fans in China.

Die Rolling Stones des Fußballs, Real Madrid, sind gerade erst von dem USA-Trip zurückgekehrt, der sie nach Los Angeles und Pittsburgh geführt hat. Nun werden die Bühnen in Europa bespielt: Am Mittwoch im Olympiastadion gegen Hertha BSC (18 Uhr, live bei Sport1), am Sonnabend eine Jam-Session beim britischen Zweitligisten Leicester City. Von dort aus jettet die Kapelle weiter nach China zu einem Test bei Guangzhou Evergrade und einem bei Tianjin Teda.

Olaf Bauer nennt das „die globale Wachstumsstrategie“. Die Marke wird transportiert in Fußballrandgebiete. Bauer ist Chef von The Sports Promoters (TSP), einer Tochter des Sportvermarkters Sportfive. Trikots sollen verkauft, die vereinseigenen TV-Kanäle im Internet abonniert werden. Dafür umrunden Mesut Özil, Ronaldo, Mourinho und die anderen Reisegefährten in drei Wochen die Welt. 45.000 Kilometer fliegt der spanische Vizemeister: von Madrid nach Los Angeles, nach Philadelphia, zurück nach Madrid. Dann nach Berlin, zurück in die spanische Hauptstadt. Nach Leicester, von dort nach Guangzhou in China. Zwischendrin ein Abstecher nach Tianjin, um dort am 6. August ein Konzert, pardon, einen Test zu spielen.

Real Madrid, laut der aktuellen Deloitte Football Money League mit 440 Millionen Euro einnahmenstärkste Klub der Welt, will weiter wachsen. Und steht damit nicht allein. Auch der FC Barcelona (knapp 400 Millionen Euro Einnahmen 2009/10) und Manchester United (350 Mio.) machen Werbung in eigener Sache. Doch beschränken sich beide auf die USA. Manchester spielt bis 30. Juli fünf Mal in den Staaten, zum Abschluss gegen Barca, das damit seine US-Tournee startet und anschließend dort zwei weitere Partien bestreitet. Real Madrids „World Tour 2011“ bleibt beispiellos.

„Man möchte sich ideal auf eine lange Spielzeit mit hohen Belastungen vorbereiten“, schreibt Real auf seiner Internetseite über den Trip, und nennt ihn „Saisonvorbereitung“. Sportmediziner sehen darin indessen das Gegenteil: „Was Real Madrid mit seinen Profis veranstaltet, ist im Hinblick auf eine professionelle Saisonvorbereitung wenig sinnvoll“, sagt Markus de Marées, Trainingswissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule in Köln. „In dieser Phase geht darum, die konditionellen Grundlagen für eine lange Saison zu legen. Das ist bei so einem Programm quasi unmöglich. Das ständige Fliegen verhindert eine anständige Regeneration der Profis.“ Die Luft in Flugzeugen enthält weniger Sauerstoff. „Hinzu kommen Stress-Faktoren, wie wechselnde Hotels, Klima- und Zeitzonen“, sagt de Marées. Globaler Wachstum gegen sportliche Fitness. Im vergangenen Sommer hatte sich Mourinho noch gegen eine Asien-Reise gewehrt. Nun kommt er nicht drum herum.

Doch was hat Berlin mit der globalen Wachstumsstrategie zu tun? Der Fußballmarkt in Deutschland ist abgegrast, jeder Fan hat seinen Klub. TSP-Chef Bauer beschreibt die Motive für den Abstecher nach Deutschland so: „Tagestrip. Gutes. Geld. Hoher sportlicher Wert.“ TSP hat den Trip nach Berlin eingefädelt.

Für die Königlichen ist der Auftritt in Berlin wahrlich ein Kurztrip. Um 11.50 Uhr landen Spieler und Betreuer am Flughafen Tegel. Fahrt ins Hotel, kurze Fünf-Sterne-Pause bevor es um 16 Uhr Richtung Olympiastadion geht. Nach dem Duschen entschweben die Galaktischen Richtung Spanien. Aufenthaltszeit in Berlin: knapp zehn Stunden.

1,5 Millionen Euro soll Real Madrid für den Tagesjob erhalten. „Dafür muss der Klub mit zwei Dritteln der Stammspieler aus der Vorsaison auflaufen“, stellt Bauer die vertraglichen Verpflichtungen klar: „Wenn Real Madrid angekündigt wird, muss auch Real Madrid drin sein.“ Er geht davon aus, dass die Gäste in Bestformation spielt, die seien hochprofessionell und liefern, was erwartet wird. Sportfive hatte den Rekord-Europacupsieger auch schon bei Borussia Dortmund (2009), Eintracht Frankfurt (2008) und Hannover 96 (2007) auflaufen lassen.

Doch wie kann sich die mit 31 Millionen Euro verschuldete Hertha einen solchen Brocken leisten? Des Rätsels Lösung: Der Berliner Sport-Club zahlt keinen Cent. Hertha verdient sogar – 150.000 Euro. TSP übernimmt die Kosten. „Wir koordinieren alles von der Toilettenfrau über den Schiedsrichter bis zur Stadionsicherheit“, sagt Bauer. „Wir erhalten aber auch alle Erlöse.“ Das rechnet sich. Das Stadion ist mit 74.244 Fans ausverkauft. Das allein bringt rund 1,7 Millionen Euro. Auch alle Logen und Business-Seats sind weg. Hinzu kommen die Erlöse aus Werbung und dem Verkauf der TV-Rechte.

Grundsätzlich ist es in der Branche üblich, durch Antrittsgelder die eigene Vorbereitung zu finanzieren. Hertha spielte während der Vorbereitung beim Uhrencup in der Schweiz. 120.000 Euro für drei Spiele – damit war das Trainingslager bezahlt. Doch diese Auftritte muten im Vergleich zu Welttour von Real wie der Gig eines Wolfgang-Petry-Doubles gegenüber einer Stadiontour der Rolling Stones an. Real soll 30 Millionen Euro durch die Tournee verdienen. Die Ablöse für den bislang teuersten Zugang, Fabio Coentrao von Benfica Lissabon, hätte der Klub damit refinanziert. 30 Millionen für sieben Auftritte. Gerade in den USA verdient Real durch hohe TV-Gelder viel mehr als hierzulande. Bauer: „In diesem Jahr bestimmt die globale Wachstumsstrategie die Vorbereitung. Kommendes Jahr, wenn die EM ansteht, bestimmen die Trainer.“

Die nächste 45.000-Kilometer-Welttournee steht also erst 2013 an. Kommen wird sie. Die Gage ist einfach zu gut.

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