Testpiel in Berlin

Hertha-Gegner Madrid hat ein Luxusproblem

Das Testspiel gegen Hertha BSC Berlin ist für Reals Coach José Mourinho eine gute Gelegenheit, sein Personal zu testen. Denn mit Ex-Dortmunder Nuri Sahin und Linksverteidiger Fábio Coentrão ist das Team inzwischen auf jeder Position doppelt gut besetzt.

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Als José Mourinho vor einem Jahr zu Real Madrid kam, dämpfte er erst einmal die Erwartungen. „Meine Mannschaften sind im zweiten Jahr immer besser“, sagte er. Es war ein Satz, der in den vergangenen Monaten oft zitiert wurde und so etwas wie eine Schonzeit anzeigte – niemand konnte ernsthaft verlangen, dass Mourinho auf Anhieb die epochale Truppe des FC Barcelona entthronen würde. Bei allem Verdruss über sein kontroverses Benehmen bescheinigen ihm daher bislang auch seine Kritiker eine ordentliche sportliche Bilanz. Barça in der Meisterschaft ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert und im Pokalfinale sogar geschlagen, dazu erstmals seit 2003 wieder ein Champions-League-Halbfinale erreicht; das konnte sich für das erste Jahr sehen lassen.

Nun aber muss Mourinho seine Ankündigung wahrmachen. Barcelona ist nicht schlechter geworden, aber es hilft ja nichts – dieses Jahr werden zweite Plätze und Achtungserfolge nicht ausreichen, dafür ist der Fußball seiner Elf oft zu unspektakulär, sein persönliches Auftreten zu streitbar. Das System Mourinho definiert sich allein über Erfolg, und der Trainer ist zuversichtlich, dass es den geben wird. Wo er letztes Jahr noch häufig auf Defizite beim Personal hinwies, sagt er jetzt: „Wir haben den Kader, den wir haben wollen.“ Ein weißes Ballett ist es allemal.

In Erwartung des 19-jährigen Supertalents Neymar, der spätestens im Winter vom FC Santos kommen dürfte, sind die wichtigsten Zugänge, die morgen in Berlin zu bestaunen sind beim Testspiel gegen Hertha BSC (18 Uhr, Olympiastadion), Nuri Sahin und Fábio Coentrão. Der deutsch-türkische Regisseur kam aufgrund seiner Ausstiegsklausel für zehn Millionen Euro von Borussia Dortmund. Wegen Knieproblemen musste er gleich zu Trainingsbeginn ein paar Wochen pausieren – kein idealer Einstieg für den überragenden Spieler der letzten Bundesliga-Saison im Rennen um die Stammplätze.

Diese sind hart umkämpft – Mourinho hält es mit dem Prinzip, jede Position doppelt besetzt zu haben, ohne bei einem Wechsel signifikant an Qualität einzubüßen. Deshalb schätzt er vielseitige Spieler ganz besonders. Der Portugiese Coentrão zum Beispiel kam als Linksverteidiger von Benfica Lissabon (für 30 Millionen Euro), wurde von Mourinho aber in den bisherigen Testspielen auch im linken und zentralen Mittelfeld eingesetzt – mit jeweils sehr ansprechendem Resultat. „Er kann der Mannschaft eine andere Dynamik geben“, lobte der Trainer.

Zwischen Abwehr und Angriff sind die Positionen besonders umkämpft, was die beiden deutschen Nationalspieler Sami Khedira und Mesut Özil betrifft, den vom FC Bayern ablösefrei gekommenen Hamit Altintop – und eben auch Sahin. Der sagt zwar selbstbewusst: „Ich werde in der Startelf sein“, und: „Mourinho hat mir die Mission übertragen, das Mittelfeld zu organisieren.“ Legt man das 4-2-3-1-System von letzter Saison zugrunde, sind aber nur zwei zentrale Mittelfeldpositionen zu vergeben. Die eine belegt der spanische Nationalspieler Xabi Alonso. Die andere Sami Khedira.

Womöglich stellt Mourinho aber auch auf ein 4-3-3 um, wie er es bei Chelsea und Inter praktizieren ließ. Dann könnte Sahin als Wandler zwischen den Strafräumen vor den „Sechsern“ Alonso und Khedira spielen. Umso komplizierter würde die Lage in diesem Fall allerdings für Özil, denn es wären nur noch drei offensive Stellen zu besetzen – wovon eine sicher an Cristiano Ronaldo geht und eine zweite an einen Mittelstürmer, Gonzalo Higuaín oder Karim Benzema. Bleiben Özil, der in seiner ersten Saison für Madrid in 36 Ligaspielen sechs Treffer erzielte, Flügelstürmer Ángel Di María und derjenige, der zum wichtigsten, jedenfalls aber prominentesten Neuzugang der Saison werden könnte: Kaká.

Ronaldo als Spitzenkraft

Eigentlich spielt der Brasilianer seit zwei Jahren bei Madrid, aber er ist in dieser Zeit nicht groß aufgefallen. Meistens war er verletzt oder angeschlagen. Neben den Hoffenden gibt es unter den Anhängern daher auch die Zyniker, die von dem Weltfußballer des Jahres 2007 nichts Großartiges mehr erwarten. Jedenfalls gilt auch als Möglichkeit, dass er vor Ende der Transferfrist am 31. August abgegeben wird. Inter und der AC Mailand gelten als Hauptinteressenten, Kakás Jahressalär von zehn Millionen Euro als Haupthindernis.

Als er 2009 für 65 Millionen Euro nach Madrid kam, sollte er eine neue Ära begründen, zusammen mit dem gar 94 Millionen teuren Ronaldo. Mit 26 bzw. zuletzt sogar 40 Saisontreffern allein in der Liga hat wenigstens „CR7“, der Poster-Boy aus Portugal, die Erwartungen erfüllt. Entgegen seinem anderswo schlechten Image wird er in Madrid sogar als Vorbild an Motivation und Professionalität gefeiert. Als er beim 3:0-Testspielsieg vorige Woche in San Diego gegen Guadalajara binnen zehn Minuten drei Treffer erzielte, titelte das Sportblatt „Marca“ begeistert: „Für CR7 gibt es keine Freundschaftsspiele“. Mourinho war angetan: „Er hat den Stolz, gut zu spielen, wo und gegen wen auch immer. Seine Einstellung ist fantastisch.“

Der Trainer weiß, dass er seinen Superstar besonders bei der Stange halten muss, da haben warme Worte noch nie geschadet. Ronaldo ist der einzige Spieler im Kader, der genauso prominent ist wie Mourinho selbst – und der einzige, der es wagt, ihn öffentlich zu hinterfragen, so wie vorige Saison nach der Champions-League-Niederlage gegen Barcelona, als er Mourinhos defensive Aufstellung kritisierte. Der Coach ließ ihn daraufhin für ein Ligaspiel draußen, und die Sache war schnell erledigt. Aber das war ja auch noch Mourinhos erste Saison, seine Probezeit. Dieses Jahr aber könnte sich so ein kritisches Lüftchen auch mal zu einem Sturm ausweiten. Denn jetzt gilt es wirklich.