Vor Freundschaftsspiel

Herthas Test-Gegner Real Madrid gibt Rätsel auf

Am Mittwoch ist es so weit: Das Starensemble Real Madrid gastiert im ausverkauften Olympiastadion zum Testspiel gegen Hertha BSC. Mehr denn je steht bei den "Königlichen" Trainer Mourinho im Fokus. Er polarisiert wie selten zuvor und hat deshalb Ex-Weltstar Zidane geholt.

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José Mourinho kümmert sich gern um alles persönlich, und wenn er doch bloß mehr Zeit hätte, dann würde es Portugal besser gehen. Dann würde seine Heimat, in der er, wie er einmal sagte, „direkt nach Gott“ kommt, seine Finanzkrise womöglich längst im Griff haben.

„Initiative“, „Verantwortung“, „Solidarität“: mit wohlfeilen Postulaten beglückte der Trainer von Real Madrid seine Landsleute vor ein paar Tagen in einem politischen Kurzinterview, welches das portugiesische Staatsfernsehen zur besten Sendezeit ausstrahlte. Mourinho zog Parallelen („Ein Land ist ein bisschen wie eine Mannschaft“), bot Erklärungen an („Die Leute sind müde davon, betrogen zu werden“) und appellierte an die gemeinsame Sache: „Mit unserer aller Anstrengung kommen wir aus dieser schwierigen Situation heraus.“

Von Kalifornien über Berlin nach China

„The Special One“ sprach zu seinem Volk aus dem fernen Kalifornien, wo Real Madrid gerade Teil eins der dreistufigen Saisonvorbereitung absolviert. Teil zwei folgt auf dem heimischen Kontinent, unter anderem diesen Mittwoch mit einem Testspiel in Berlin bei Hertha BSC (18 Uhr/Sport1 live). Real zieht – die Testpartie ist seit einigen Tagen ausverkauft. Danach geht es noch eine Woche nach China. Auf diesen Kompromiss hat Mourinho sich einlassen müssen, der Märkte und des Geldes wegen. Ansonsten hat er in den letzten Wochen bekommen, was er wollte: die volle sportliche Macht . Sein Feind im eigenen Klub, Sportdirektor Jorge Valdano, musste gehen. Anstelle des Argentiniers wurde, wie vom Trainer gewünscht, der Franzose Zinédine Zidane gesetzt. „Fußballdirektor der ersten Mannschaft“ laute sein Titel , erklärte Zidane bei seiner Ernennung und präzisierte: „Wir werden schon sehen, was meine Arbeit ist.“

Was also? Während bei Mourinho, das legte sein Polit-Auftritt nahe, alles unverändert überhöht zu sein scheint, stellt sich die Frage: Was macht Zidane?

Zidan "einer mehr" im Kader

Natürlich beschäftigt sie auch die spanischen Reporter. Im kalifornischen Trainingslager hefteten sie sich an seine Fersen und interviewten Spieler zu der Angelegenheit. Ergebnis: Der einst beste Fußballer des Planeten sei schlicht „einer mehr“ im Kader, schreibt „El País“. Morgens zieht er den Trainingsanzug an, frühstückt mit den Spielern und geht mit ihnen zum Training. Danach schreibt er Autogramme. „Wir fühlen uns sehr wohl mit ihm an unserer Seite“, sagt Xabi Alonso, „wir wissen, dass seine Tür immer offen steht“, sagt Sergio Ramos. Konkreteres ist bislang nicht zu vernehmen, außer der nahe liegenden Vermutung, dass er bei der Verpflichtung des französischen Abwehrtalents Raphael Varane (zehn Millionen Euro von RC Lens) eine Rolle spielte. Unter dem Strich ist Zidane wohl so etwas, wie es der Charly Neumann für Schalke 04 war: ein Maskottchen, eine gute Seele. Nur eben mit der Erfahrung und Autorität des dreimaligen Weltfußballers.

Als knallharten Verhandler kann man sich den zurückhaltenden Franzosen jedenfalls nicht unbedingt vorstellen. Erste Kritiker weisen bereits auf ein Vakuum im Management hin. So hat sich Mourinho mit seiner neuen Hoheit über die Personalplanung zwar schon als versierter Einkäufer gezeigt – neben Varane und dem gleich teuren Nuri Sahin von Borussia Dortmund engagierte er für 30 Millionen Euro den auch vom FC Bayern umgarnten Portugiesen Fábio Coentrão aus dem Stall seines Agenten Jorge Mendes, dazu soll spätestens im Winter für 45 Millionen der brasilianische Wunderflegel Neymar stoßen . Für die Verkaufsseite opfert der Trainer aber weniger Zeit. Weshalb dem umsatzstärksten Klub der Welt, der seit 2006 über 700 Millionen für neue Spieler ausgab, mal wieder ein saftiges Transferdefizit droht.

158,7 Millionen Euro für Lizenzen

Da kann man die eine Million, die der Vermarkter TSP für den Kurztrip nach Berlin (An- und Abflug am Spieltag) beisteuert, ebenso gut gebrauchen wie die teils noch höheren Antrittsgagen bei der Tournee durch Fernost. Was den Shopping-Wahnsinn aber wirklich finanziert, sind mit großzügiger Hilfe aus Politik und Bankwesen eine 150 Millionen Euro schwere Marketingmaschinerie und die Einkünfte aus den TV-Rechten.

In Spanien verkaufen die Klubs ihre Lizenzen einzeln, im zuletzt dokumentierten Geschäftsjahr 2009/2010 erhielt Real 158,7 Millionen Euro. Der FC Barcelona verdiente wegen seines größeren Erfolgs sogar noch ein bisschen mehr, während andere Spitzenklubs wie Valencia oder Atlético Madrid maximal auf 50 Millionen Euro kamen und die restlichen Vereine teils kaum auf zweistellige Millionensummen. Die Folgen sind eine Zweiklassen-Gesellschaft mit zuletzt 21 Punkten Abstand zwischen dem Zweiten Madrid und dem Dritten Valencia, der Konkurs von Dutzenden kleinerer Klubs und wachsende Langeweile im Volke. Selbst viele Sympathisanten von Madrid oder Barcelona neigen zu der Haltung von Sevillas Präsident José María del Nido, der nachdrücklich ein Solidarsystem einfordert: „Wir müssen uns entscheiden, ob wir etwas ändern oder eine Dritte-Welt-Liga bleiben wollen.“

Real und Barcelona spielen Titel untereinander aus

Weil die beiden Großklubs immer weiter aufrüsten, werden sie selbstverständlich wieder exklusiv den Titel ausspielen. Doch selbst den Duellen untereinander sehen viele Spanier mit gemischten Gefühlen entgegen, seit sie im Frühjahr mit vier direkten Duellen binnen drei Wochen eine Überdosis verpasst bekamen. Unter dem aggressiven Einfluss von Mourinho gab es so viel böses Blut wie nie und so wenig Freude wie selten. „Die letzte Saison war in vielerlei Hinsicht sehr unangenehm“, erklärte Santiago Segurola, der renommierteste Fußballschreiber des Landes: „Ich fürchte, die nächste wird genauso oder schlimmer.“

So gern sich die Spieler wie die ehemaligen Bundesligaprofis Sahin, Mesut Özil und Sami Khedira hinter Mourinho scharen, so sehr hat der polemische Portugiese das Klima um Real Madrid vergiftet. Die Anhängerschaft ist ob seiner Verschwörungstheorien, der Wir-gegen-Alle und Freund-oder-Feind-Rhetorik in zwei Lager gespalten – die einen, darunter die Hardcore-Fans „Ultras Sur“, folgen ihm blind. Der intellektuellere Teil hingegen ist, bei aller öffentlichen Zurückhaltung, erschrocken bis angewidert über Mourinhos Benehmen, das ihm zuletzt eine Sperre für die ersten Champions-League-Partien eintrug.

Die eigentliche Position für Fußball-Ikone Zidane ist da wohl vor allem die eines Feigenblatts. Ruhm und Ruf des – abseits von Materazzi – mönchhaften Franzosen sollen verhindern, dass Real Madrid allzu sehr in die böse Ecke gedrängt wird. Er ist das Demaskierungsmittel für einen Klub, bei dem einiges aus dem Lot geraten ist.

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