Hertha BSC

Christian Lell ist es egal, was die Leute denken

Ex-Bayer Christian Lell fühlt sich bei Hertha inzwischen zu Hause. Im Interview mit Morgenpost Online spricht der Abwehrspieler über schwere Zeiten unter Louis van Gaal, harte Worte von Markus Babbel und familiäre Schicksalsschläge.

Foto: Bongarts/Getty Images / Bongarts/Getty Images/Getty

Nach neun Jahren beim FC Bayern verließ Christian Lell (26) seine Heimatstadt und kam zu Hertha BSC. Der damalige Trainer Louis van Gaal hatte ihn aussortiert, in der Saison 2009/10 kam er auf gerade 38 Spielminuten in der zweiten Mannschaft. Bei Hertha startete Lell solide, wirklich gute Leistungen zeigte er in der Rückrunde. Inzwischen ist er von der rechten Abwehrseite nicht mehr wegzudenken.

Nach einigen Vorfällen in seinem Privatleben – er soll betrunken Auto gefahren sowie mehrfach mit einer ehemaligen Freundin aneinander geraten sein – ist es bei Hertha ruhig um Lell geworden, sieht man von zweideutigen, privaten Vorwürfen ab, die er zu Anfang der vergangenen Saison in Richtung Michael Ballack formuliert hatte. Über sein Image, Trainer Markus Babbel und sein Vaterglück sprach Lell im Trainingslager in der Steiermark mit Morgenpost Online.

Morgenpost Online: Herr Lell, die vergangene Saison hat Hertha zum Aufsteiger gemacht, einer der Aufsteiger waren Sie.

Christian Lell: Es ist gut gelaufen, und ich glaube sagen zu können: So kann man eine Saison prophezeien, wenn man zuvor ein Jahr nicht gespielt hat. Du brauchst eine Anlaufphase, dann musst du dich steigern und am Ende bietest du gute Leistungen. Der Schritt, zu Hertha zu kommen, war in jedem Fall gut. Ich fühle mich pudelwohl und würde es jederzeit wieder tun.

Morgenpost Online: Nach nur einem Jahr sind Sie ein Führungsspieler. Oder sehen Sie sich gar nicht so?

Christian Lell: (überlegt) Doch, das bin ich wohl. Ich bringe meine Erfahrung in die Mannschaft, versuche vorne weg zu gehen und mich in jeder Hinsicht einzubringen. Wenn Sie das so definieren, bin ich Führungsspieler.

Morgenpost Online: Sie mögen das Wort Neuanfang nicht. Wie nennen Sie, was Sie bei Hertha BSC geschafft haben?

Christian Lell: Ich spreche nicht von einem Neuanfang, weil es nichts neu anzufangen gab. Es war ja vorher nichts zu Ende.

Morgenpost Online: Immerhin hatte Ihnen Bayerns Ex-Trainer Louis van Gaal nahe gelegt, sich nach einem anderen Verein umzusehen...

Christian Lell: ...ja, aber wir hatten in München offene Gespräche. Das war eine Phase, die in jedem Beruf, in jedem Leben, so mal eintritt. Das war ein Tal, das ich durchschreiten musste. Ich habe mich anders orientiert, aber es war kein Neuanfang. Und schon gar kein Rückschritt.

Morgenpost Online: Würde es ohne Louis van Gaal keinen Christian Lell bei Hertha geben?

Christian Lell: Das ist spekulativ. Fakt ist, dass ich vor ihm viel gespielt habe, unter ihm nicht. Warum auch immer. Fakt ist auch, dass er da war. Und er hat mir klipp und klar gesagt, dass ich bei ihm nicht spielen werde. Tja, und dann kam der Anruf von Markus Babbel.

Morgenpost Online: Auch Babbel ist ein Freund klarer Wort. Wo unterscheidet er sich von van Gaal?

(schmunzelt) Der Unterschied ist in der Hinsicht gar nicht so groß. Van Gaal war sehr direkt und hart. Das ist bei Markus Babbel genauso. Er nimmt dich zur Seite und sagt dir ganz klar, wo es hingeht. Das begrüße ich sehr. Es nützt Ihnen doch auch nichts, wenn Ihr Chef Ihnen sagt: Alles ganz toll, aber in Wirklichkeit denkt er ganz anders. Dann ist keine Entwicklung möglich.

Morgenpost Online: Das klingt überraschend versöhnlich…

Christian Lell: …es war damals sehr bitter, na klar. Aber nach der Trauerphase stehst du schneller wieder auf, wenn du eine klare Ansage hast und weißt, was jetzt zu tun ist.

Morgenpost Online: Welchen Anteil hat der Münchner Babbel daran, dass Sie seit vielen Jahren der erste Bayern-Profi waren, der den Schritt nach Berlin gewagt hat?

Christian Lell: (schmunzelt) Da habe ich gerne den Anfang gemacht. Und ich kann ohne mit der Wimper zu zucken sagen, dass er einen großen Anteil hatte. Die Chemie hat einfach sofort gestimmt, und die Idee, das Ziel, das hier hinter der ganzen Sache steht, hat mich sofort überzeugt.

Morgenpost Online: Sie haben jetzt nicht nur sportlich wieder zurückgefunden, auch ihr Image, das früher teils problematisch war, hat sich geändert. Haben Sie sich verändert, oder hatte die Öffentlichkeit lange Zeit einfach nur ein falsches Bild von Ihnen?

Christian Lell: Ich glaube, dass niemand außer mir überhaupt ein wirkliches Bild von mir hat. So ein Image baut sich über Einzelfälle auf, die es gegeben hat, aber die dann auch aufgebauscht wurden. Da wurde ich in eine gewisse Ecke gedrängt.

Morgenpost Online: Wollten Sie das nie ändern?

Christian Lell: Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, ob es sinnvoll wäre: Wie will ich mich positionieren? Muss ich aktiv werden und etwas unternehmen? Letztlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es ein Kampf gegen Windmühlen ist. Ich will einfach nur kicken. Sicher haben mir diese Geschichten das nicht immer leichter gemacht. Inzwischen ist es mir aber total egal, was die Leute von mir denken.

Morgenpost Online: Das werde Ihnen Viele nicht abnehmen.

Christian Lell: Früher war mir das wichtig, das gebe ich zu. Aber inzwischen interessiert es mich nicht mehr. Das ist ein wahnsinnig befreiendes Gefühl, gerade für einen Fußballer, der jede Woche vor zigtausend Leuten spielt.

Morgenpost Online: Ist das eine neue Gelassenheit, die Sie seit der Geburt Ihrer Tochter vor etwa einem halben Jahr haben? Rückt ein solches Erlebnis das Weltbild ein bisschen zurecht?

Christian Lell: Sie meinen, ob ich jetzt geerdet bin? (lächelt) Nein, das hat damit nichts zu tun. Dafür hatte ich mit meiner einen zu großen Schicksalsschlag in der Familie Schwester (sie leidet an der Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose, d. Red.). Ich weiß, wie ich Dinge einschätzen muss. Speziell als Fußballer. Ich nehme die Welt an, in der ich mich bewege. Ansonsten aber lebe ich mich in realen Sphären.

Morgenpost Online: Inwieweit waren Sie ein Wegbereiter für die Transfers von Andreas Ottl und Thomas Kraft? Haben die Beiden mit Ihnen gesprochen?

Christian Lell: Ja, vor allem natürlich Andreas, mit dem ich alle Stationen seit der D-Jugend durchlaufen habe. Ich habe ihm nichts vorgeschwärmt, sondern ihm ganz ehrlich erzählt, wie ich das Jahr in Berlin empfunden habe.

Morgenpost Online: Ist es für Sie wichtig, alte Weggefährten um sich zu haben?

Christian Lell: Natürlich freust du dich, wenn ein Freund in deine Mannschaft kommt. Das Fußballgeschäft ist so schnelllebig. Aber: Wir hatten auch vorher eine gute Mannschaft, mit einem sehr guten Zusammenhalt. Die Frage ist ja: Wie wird man eigentlich eine Mannschaft? Planen kannst du das nicht, es muss sich entwickeln. Und die Zugänge passen alle wie die Faust aufs Auge.

Morgenpost Online: Trauen Sie sich einen Tipp zu, wo Hertha BSC am Ende der Spielzeit 2011/12 einlaufen wird?

Christian Lell: Ich tippe nie.

Morgenpost Online: Abergläubisch?

Christian Lell: Nein, aber ich halte mich gerne an die Dinge, die ich beeinflussen kann. Alles andere möchte ich gar nicht erst greifbar machen.