Hertha BSC

Wie Ottl und Perdedaj um ihren Platz kämpfen

Zu Beginn des Trainingslagers in Österreich traf Morgenpost Online die Herthaner Andreas Ottl und Fanol Perdedaj zum Interview und sprachen über Stammplätze, Spielkultur und Stars.

Foto: Bongarts/Getty Images

Auf keiner Position ist Hertha BSC so gut aufgestellt wie im defensiven Mittelfeld. Früher gab es dort einen Sechser, mittlerweile hat sich die Doppel-Sechs eingebürgert. In der Bundesliga wird der Aufsteiger auswärts das Tannenbaum-System probieren, das drei Sechser vorsieht. In dem Trainingslager, das der Hauptstadt-Klub am Sonntag in Bad Waltersdorf in Österreich bezog, geht der Kampf um die Stammplätze weiter. Um die zwei oder maximal drei Positionen vor der Abwehr kämpfen fünf Profis: Andreas Ottl (26), neu vom FC Bayern gekommen, Peter Niemeyer (27), Fabian Lustenberger (23), Raffael (26) sowie Fanol Perdedaj (20). Morgenpost Online sprach mit Ottl, dem erfahrensten Sechser, sowie Perdedaj, dem Jüngsten, über Kollegen und Konkurrenten, Teamgeist und Eigenverantwortung, die Bundesliga sowie den FC Barcelona.

Morgenpost Online : Sie sind seit Juni Mannschaftskollegen. Herr Ottl, was sind Ihre ersten Eindrücke von Fanol Perdedaj?

Andreas Ottl: Stimmt, wir kennen uns erst seit drei Wochen. Wir haben bisher viel für die Fitness gemacht, da ist Fanol immer sehr weit vornweg gelaufen. Er scheint körperlich in einem Topzustand zu sein. Von seiner Spielanlage her ist er ein sehr aggressiver Spieler, den Spitznamen Gattuso hat er nicht umsonst.

Fanol Perdedaj: Ich habe Andreas in den ersten Tagen als ruhigen Typen kennengelernt. Er ist jemand, der nicht so viel quatscht, sondern erst mal guckt. In der Vorbereitung macht er alles mit. Auf dem Spielfeld macht er seine Sache sehr gut. So soll er bleiben. Ich hoffe, dass wir viel miteinander reden werden. Ich finde Andreas nett, er ist ein Supertyp.

Morgenpost Online : Mal angenommen: Wir schalten eine Jobanzeige: Sechser gesucht. Wie sähe die Stellenbeschreibung aus? Was muss ein Sechser im modernen Fußball können?

Andreas Ottl: Der Sechser ist heute eine sehr wichtige Position. In den meisten Vereinen sind dort die Führungsspieler zu finden. Du musst technisch gut ausgebildet sein. Weil es oft sehr schnell geht, muss man mit ein, zwei Ballkontakten auskommen. Du musst robust und zweikampfstark sein und damit der Mannschaft eine gewisse Stabilität geben. Der Sechser führt die Mannschaft, weil er alles im Blick hat. Er weiß, wann er nach links spielen muss oder nach rechts. Er sieht, wann es nach vorne geht oder nach hinten. Das sollte ein Sechser alles mitbringen.

Fanol Perdedaj: Andreas, ich hätte es nicht besser beschreiben können.

Morgenpost Online : Wer sind weltweit die zwei, drei besten Spieler auf der Position?

Andreas Ottl: Für mich sind es Xavi und Iniesta vom FC Barcelona. Es ist eine Augenweide, denen zuzuschauen. Mit was für einer Leichtigkeit, die Fußball spielen! Bei denen stimmt jede Ballannahme. Es sieht einfach aus. Aber wenn du auf dem Niveau spielst und weißt, wie schnell das geht, auf was man alles achten muss, toll.

Fanol Perdedaj: Bei mir sind es auch diese beiden. Die passen. Manchmal sieht es aus, als verstehen sie sich blind. Früher fand ich Gattuso top. Aber jetzt ist er älter geworden, seine Zeit ist vorbei.

Morgenpost Online : Hertha hat vier Spieler, wenn man Raffael mitzählt, sogar fünf, die auf der Sechs spielen können. Benötigt werden zwei, höchstens drei defensive Mittelfeldspieler. Wie gehen Sie den Konkurrenzkampf an, Herr Perdedaj?

Fanol Perdedaj: Ich bin der Jüngste, ich mache Druck, das ist klar. Ich gebe mein Bestes, damit ich Spiele machen kann. Aber das entscheidet der Trainer.

Andreas Ottl: Ich will natürlich spielen. Aber egal, wer wie alt ist, es zählt die Leistung. Erst auf dem Trainingsplatz und nachher bei den Spielen. Ich habe keine Vorteile, weil ich ein neuer Spieler bin. Im Fußball zählen die Erfolge der Vergangenheit selten. Es ist egal, wie viele Spiele ich vergangene Saison bestritten habe. Bei uns zählt das Leistungsprinzip. Deshalb musst du dich täglich beweisen. Das versuche ich.

Morgenpost Online : Beim FC Bayern waren Sie in einer ähnlichen Situation wie Fanol Perdedaj bei Hertha. Da hatten Sie mit Schweinsteiger oder van Bommel namhafte Spieler vor sich. Was gilt es für Fanol zu tun? Was sollte er unterlassen?

Andreas Ottl: Fanol hat es eben richtig beschrieben. Er muss schauen, immer da zu sein. Täglich im Training seine Leistung zu zeigen und es dem Trainer so schwer wie möglich zu machen, ihn nicht aufzustellen. In schwierigen Phasen, die immer mal kommen in der Saison, wenn man nicht spielt, soll er dranbleiben, sich nicht hängen lassen. Er soll sich weiterentwickeln. Das machst du am besten, wenn du immer an die Grenze gehst. Und so wie ich Fanol kennengelernt habe, macht er das auch.

Morgenpost Online : Herr Ottl, Sie spielen in der am meisten umkämpften Zone im Fußball. Wie schafft man es, bei 109 Bundesliga-Spielen nur sechs Gelbe Karten zu bekommen?

Andreas Ottl: Ich versuche mit wenigen Fouls auszukommen. Weil im heutigen Fußball immer wieder Tore nach Standardsituationen fallen. Wenn ich foul vor unserem Strafraum spiele, ist das immer eine Bedrohung für unser Tor. Das will ich natürlich vermeiden. Wenn’s sein muss, gehe ich aber auch dazwischen und habe kein Problem, eine Gelbe Karte zu bekommen. Aber ich denke, dass man dem Gegner oft den Ball abnehmen kann, ohne foul zu spielen.

Morgenpost Online : Fanol, Sie haben einen aggressiven Stil.

Fanol Perdedaj: Ganz klar, man muss aufpassen. Wenn du am 16er foul spielst, ist das gefährlich. Ich muss Druck machen auf den Gegner. Der muss wissen, dass jemand da ist, der ihn attackiert. Aber nicht so, dass er gleich fällt. Und blöde Fouls sollten gar nicht sein.

Morgenpost Online : Herr Ottl, Sie sind in der Hälfte Ihrer Spiele entweder ein- oder ausgewechselt worden. Bei Fanol sieht es ähnlich aus. Nervt es, ausgewechselt zu werden?

Fanol Perdedaj: Nö. Na gut, es kommt drauf an. Wenn der Trainer sich entscheidet . . .

Andreas Ottl: . . . das ist es doch. Der Trainer entscheidet im Sinne der Mannschaft. Grundsätzlich ist es so: Als Profi willst du immer spielen und nicht ausgewechselt werden. Wenn das doch passiert, bist du nicht zufrieden. Normalerweise wirst du ausgewechselt, wenn du schlecht gespielt hast. Oder wenn der Trainer taktisch etwas ändern will.

Morgenpost Online : Die Diskussionen in der Öffentlichkeit drehen sich oft darum, ob jemand Stammspieler ist. Verschwimmen die Grenzen nicht? Da das Spiel immer schneller, athletischer wird, wo ist das Problem, wenn einer 70 Minuten powert, platt ist und für die letzten 20 Minuten vom Kollegen ersetzt wird?

Andreas Ottl: Das ist definitiv so. Wir trainieren deshalb mit 24 Leuten, weil wir einen großen, ausgeglichenen Kader brauchen. Wenn der eine 70 Minuten Gas gegeben hat und der nächste kommt, der noch mal Gas geben kann, ist das im Sinne der Mannschaft. Das zählt am Ende.

Morgenpost Online : Sie sind gleichzeitig Kollegen und Konkurrenten. Den Kollegen will man unterstützen, im Kampf mit dem Konkurrenten möchte man vor dem anderen stehen. Wie bekommt man die richtige Balance hin?

Andreas Ottl: In erster Linie schaut jeder auf sich. Jeder will spielen. Aber wir wissen auch: Alleine geht es nicht. Die Mannschaft ist entscheidend. Wenn wir als Team funktionieren, ist auch jeder einzelne besser. Dafür muss ich meine Leistung bringen. Wenn die anderen das auch schaffen, bist du als Mannschaft erfolgreich.

Morgenpost Online : Ist es für Feldspieler leichter, kollegial miteinander umzugehen als für Torwarte, bei denen nach einer Entscheidung relativ selten gewechselt wird?

Andreas Ottl: Ich finde die Stimmung bei uns gut. Wir verstehen uns, haben noch keinen Lagerkoller. Der Konkurrenzkampf bei Torhütern ist anders, weil da nur einer spielen kann. Aber ich finde, dass unsere drei Torhüter ein super Verhältnis haben. Es ist ein fairer Konkurrenzkampf.

Morgenpost Online : Das Saisonziel lautet Klassenerhalt. Warum schafft Hertha den?

Fanol Perdedaj: Weil wir ein Team sind. Wir halten zusammen. Egal, wie es läuft, auch wenn es mal Tiefen gibt.

Andreas Ottl: So ist es. Ich bin überzeugt, dass wir nicht absteigen. Wir haben individuell die Klasse, in der Bundesliga zu bestehen. Dazu stimmt es bei uns in der Mannschaft. Wir haben keine Spieler drin, die Allüren haben oder nur ihr Ding machen. Wir verstehen uns gut.

Morgenpost Online : Wann wird die Saison 2011/12 für euch persönlich eine gute?

Andreas Ottl: Das Jahr wird ein gutes, wenn wir früh die Klasse halten. Und wenn ich meinen Teil beigetragen habe, indem ich viel gespielt habe. Dafür ist es wichtig, verletzungsfrei zu bleiben.

Fanol Perdedaj: Gesund bleiben, Gas geben, Spiele machen. Und nicht absteigen.

>>> www.immerhertha.de - das Hertha BSC Blog von Morgenpost Online