Trainingslager

Unter Herthas Stürmern wächst die Konkurrenz

Die Sturmabteilung von Hertha BSC Berlin zeigt sich beim Trainigslager im Allgäu in starker Verfassung. Im Testspiel gegen den SV Amtzell erzielen Lasogga, Torun und Kargbo zusammen acht Tore. Nur Rob Friend leidet noch unter Ladehemmungen.

Foto: Bongarts/Getty Images / Bongarts/Getty Images/Getty

In Berlin kennt jeder Hertha-Fan seinen Namen. Binnen zehn Monaten hat sich Pierre-Michel Lasogga (19) in die Herzen der Anhänger gespielt. Wenn man etwas weiter weg von der Hauptstadt ist, ändert sich das. Amtzell liegt 700 Kilometer entfernt im Dreiländer-Eck Deutschland/Schweiz/Österreich. Dort verkündete der Stadionsprecher des heimischen SV im Testspiel von Hertha BSC zweimal „Pierre Losagga“ als Torschützen. Doch wenn es nach Lasogga geht, soll sich seine Bekanntheit auch bundesweit entwickeln.

Nach 13 Treffern gleich im ersten Profijahr in der Zweiten Liga freut sich der Torjäger nun auf das Abenteuer Bundesliga: „Das ist ein Traum, der in Erfüllung geht.“ Lasogga setzt auf sein Rezept nach dem Motto „Was in der Zweiten Liga gut war, kann in der Bundesliga nicht schlecht sein. Letztes Jahr hatte ich null Zweitliga-Spiele. Ich bin mit Freude und Spaß in jedes Training und jedes Spiel gegangen. Ich versuche, mich weiterzuentwickeln. Okay, jetzt habe ich null Bundesliga-Spiele. Aber ich gebe weiter Gas.“

Tabuthema Nationalmannschaft

Im Überschwang der Zweitliga-Meisterschaft hatte Lasogga im Mai von seinem Ziel gesprochen, dass er in der Champions League spielen will. Nun, da der Ernstfall Bundesliga näher rückt, tritt er auf die Bremse. Keine Rede mehr von der Königsklasse, keine von der Nationalmannschaft. Lasogga spricht über die Gegenspieler, die nun besser werden. „Ich treffe auf Hummels oder Subotic oder Mertesacker, alles Nationalspieler. Da werde ich lernen müssen, und zwar rasch.“

Nicht nur die Gegner werden hochkarätiger, auch intern ist bei Hertha einiges in Bewegung. Im ersten Vorbereitungsspiel beim SV Amtzell zeigten sich fast alle Stürmer. Lasogga traf ebenso doppelt wie Tunay Torun und Marco Djuricin, das Trio war jeweils 45 Minuten im Einsatz. Abu Bakarr Kargbo, der als einziger Profi 90 Minuten durchspielte, traf gar vier Mal.

„Jaja, Kargbo, der neue Lasogga“, übte sich Trainer Markus Babbel im Journalisten-Gespräch als Texter von Boulevard-Schlagzeilen. Der Coach lobte den 18-Jährigen. „Was Abu kann, hat er angedeutet. Er hat Potenzial. Physisch bringt er viel mit. Technisch muss er sich verbessern und auf das nächste Level kommen.“ Trotzdem wollte er seinen Überschriften-Vorschlag als Scherz verstanden wissen: „Es ist gut für die Angreifer, dass sie unter Wettkampfbedingungen Tore gemacht haben. Das bringt Sicherheit und Selbstbewusstsein. Aber gegen so einen Gegner schieße auch ich als Stürmer vier Tore.“

Hertha wird als Bundesliga-Aufsteiger defensiver agieren als in der Zweiten Liga. Ob der Neuling wie zuletzt im 4-4-2-System agieren wird oder in der „Tannenbaum“-Taktik 4-3-2-1, lässt Babbel offen. Die Vorbereitung mit noch sieben ausstehenden Testspielen soll genutzt werden, um verschiedene Systeme zu proben. Man darf aber davon ausgehen, dass insgesamt im Sturm weniger Plätze vergeben werden als in der vergangenen Saison. Realistisch betrachtet, drängt sich weniger Kargbo, sondern Torun auf. „Tunay kann vorn alle Positionen spielen, mit ihm haben wir an Vielseitigkeit gewonnen“, lobt Lasogga den Kollegen. Auch der Trainer sieht die ablösefrei vom Hamburger SV gekommene Offensivkraft mit Wohlgefallen: „Wir haben Tunay geholt, damit er Druck ausübt. Er ist ein spielstarker Stürmer. Dribbelstark, immer in Bewegung. Da erhoffe ich mir einiges.“

Zusätzlich verschärft wird der Konkurrenzkampf aus der Ferne. Adrian Ramos (25), Herthas bester Torschütze der vergangenen zwei Spielzeiten, erzielte bei der Copa America für Kolumbien den 1:0-Siegtreffer gegen Costa Rica. Manager Michael Preetz, der die Partie am Fernsehen verfolgt hatte, sagte: „Adrian war der beste Mann auf dem Platz.“ Ramos stößt nach der Copa, die bis zum 25. Juli in Argentinien gespielt wird, zum Hertha-Tross. Ob er beim Höhepunkt der Vorbereitung, dem Freundschaftsspiel im Olympiastadion gegen Real Madrid am 27. Juli, eingesetzt werden kann, hängt davon ab, wie lange Kolumbien bei der Copa im Turnier bleibt.

Ja, es sind bereits einige Offensivspieler in Form, aber nicht alle. Rob Friend knüpfte in Amtzell an die Momente an, die er auch in der Vorsaison des Öfteren hatte: Ihm fehlt Fortune, mehrfach vermochte er trotz aussichtsreicher Positionen nicht, den Ball im Netz des Bezirksligisten unterzubringen. So blieb der kanadische Nationalspieler als einziger Stürmer ohne Tor. „Rob hatte die eine oder andere Chance“, sagte Trainer Babbel. „Das war etwas unglücklich. Aber er ist erst seit zwei Tagen im Training.“

Doch für Friend trifft das gleiche zu, was Babbel gestern über Raffael sagte: „Raffa hat keinen Freibrief. Er muss sich zeigen. Die Konkurrenz ist da. Dem Kampf muss sich auch Raffa stellen.“ Raffael, der als zweite Spitze spielen kann sowie im Mittelfeld, wirkt in Oberstaufen so wie eigentlich immer in der Vorbereitung: müde und geschlaucht.

Nach dem Vormittagstraining schlich Raffael mit den meisten Mitspielern vom Platz Richtung Mannschaftshotel. Nur drei blieben, um eine Zusatzschicht einzulegen: Friend jagte den Ball wieder und wieder auf das von Sascha Burchert gehütete Tor. Die Flanken kamen von – Lasogga. Der sagte nach dem Mittag im Gespräch: „Wir sind ein Team, wir müssen uns gegenseitig unterstützen.“