Trainingsauftakt

Klassenerhalt ist Herthas nächste Mission

Vor 600 Anhängern startete Hertha BSC in die neue Saison. Mit dabei waren die Neuzugänge Kraft, Ottl und Franz. Außerdem auffallend: Brasilianer Ronny hat ordentlich abgespeckt und Andre Mijatovic bleibt Kapitän.

Zum Trainingsauftakt vom 1. FC Union in der Vorwoche pilgerten 3000 Fans. Beim öffentlichen Training der deutschen Frauen-Nationalelf im Amateurstadion zu Wochenbeginn kamen 1000 Neugierige. Beim Trainingsstart von Hertha BSC auf dem Schenkendorff-Platz erschienen 600 Fans. „Na und?“, sagte ein Kiebitz, „dafür spielen wir Bundesliga.“

Nach geglückter Mission Wiederaufstieg steht für die Saison 2011/12 nun die Mission Klassenerhalt bei Hertha BSC an. Die Zweite Liga gehört der Vergangenheit an, der Bundesliga gehört die Zukunft. Nach fünf Wochen Urlaub, die er zum größten Teil auf Ibiza verbracht hat, flachste Trainer Markus Babbel: „Ich freue mich, dass es los geht. Der Berliner Wind, der hier ganz schön kräftig weht, hat mir gefehlt.“ Alle sechs Neuen waren da und liefen mit der Mannschaft: Thomas Kraft und Andreas Ottl (beide vom FC Bayern), Maik Franz (Eintracht Frankfurt) und Tunay Torun (Hamburger SV). Dazu aus dem eigenen Nachwuchs John Anthony Brooks und Abu Bakarr Kargbo.

Alle Zugänge ohne Ablöse

Kraft schmunzelte bei der Frage, ob da eine Abwanderungswelle aus München in Richtung Berlin unterwegs sei, zumal Trainer Babbel und Rechtsverteidiger Christian Lell im Vorjahr vom FC Bayern gekommen waren. „Nein, da ist nichts abgesprochen. Jeder von uns hat für sich entschieden, dass es für ihn Sinn macht, zu Hertha BSC zu gehen. Aber ich freue mich, dass Andreas auch hier ist, er bringt viel Qualität mit.“ Maik Franz wurde als Erstes darauf angesprochen, ob mit seiner Verpflichtung die Blutgrätsche nach Berlin komme. Franz schüttelte den Kopf: „In den Medien werde ich zwar gern so gezeichnet, aber das Bild stimmt nicht. Ich bin nicht der Treter, als der ich beschrieben werde. Ich bin Verteidiger. Ja, es kommt auch mal vor, dass ich Foul spiele.“ Wer sich die Zahlen anschaut: Es kommt viel weniger vor als angenommen wird.

Mit Blick auf die schwierige finanzielle Lage hat Hertha sämtliche Zugänge ablösefrei für sich gewonnen. Wie das vor sich gegangen ist, ließ Tunay Torun durchblicken. Der Stürmer war auch vom VfB Stuttgart und seinem ehemaligen Trainer Bruno Labbadia umworben worden. „Aber Herr Preetz und Herr Babbel haben schon im vergangenen Winter mit mir in Hamburg geredet. Deshalb wusste ich, wenn ich wechsele, dann nach Berlin.“ Franz hatte Offerten vom 1. FC Köln und dem VfL Wolfsburg vorliegen. „Der Manager und der Trainer haben sich sehr bemüht. Es ist als Spieler wichtig zu wissen, dass dir vertraut wird. Außerdem wollte ich unbedingt zu einem Traditionsverein. Ich freue mich sehr.“

Ronny schmaler als Bruder Raffael

Trotz der erfolgreichen Vorsaison, die als Zweitliga-Meister beendet worden war, weiß Trainer Babbel, dass sich seine Mannschaft weiter entwickeln muss. „Ich bin sehr froh über die Neuen. Wir haben mit ihnen an Qualität dazu gewonnen. Die werden wir brauchen, weil in der Bundesliga jeder Fehler eiskalt bestraft wird.“

Um 9 Uhr fanden sich die ersten Profis gestern in der Kabine ein. Als Letzter kam Routinier Levan Kobiashvili (34). Er fuhr um 9.14 Uhr auf der Geschäftsstelle vor. Ein anderer Spieler beantwortete mit seiner Erscheinung die Frage „Praline oder Profi“ dem Augenschein nach eindeutig. Ronny, der im Sommer 2010 Monate gebraucht hatte, um sein Übergewicht loszuwerden, hat in der Heimat Brasilien offensichtlich gearbeitet. Er wirkte fast noch schmaler als Bruder Raffael. Nach dem Fitness-Desaster des Vorjahres, als die Hälfte des Kaders im Urlaub geschlampt hatte, war der Trainer mit dem ersten Eindruck zufrieden.

„Die Jungs schauen gut aus, aber wir werden noch die Werte aufnehmen.“ Um auf Nummer sicher zu gehen, hat Babbel drei Einheiten täglich angesetzt. Die erste um jeweils 7.30 Uhr. Wie lange dieses Programm so hart bleibt, werden die Spieler mit ihrem Fitness-Zustand selbst entscheiden. Vom 2. bis 8. Juli fährt die Mannschaft dann in ein Trainingslager in den Allgäu.

Mijatovic bleibt Kapitän

Eine erste große Entscheidung hat der Trainer bereits am ersten Tag der Saisonvorbereitung getroffen. So erstickte er aufkommende Spekulationen im Keim, ob Peter Niemeyer oder Christian Lell neuer Kapitän werden. Immerhin kann es sein, dass der bisherige Amtsinhaber Andre Mijatovic von Zugang Maik Franz auf die Bank verdrängt wird. Babbel legte sich fest: „Die Kapitäns-Frage stellt sich nicht. Andre Mijatovic bleibt Kapitän. Er hat in der vergangenen Saison einen sensationellen Job gemacht. Es gibt keinen Grund, da etwas zu ändern.“

Gespannt darf man sein, ob sich im Tor etwas ändert. Die Rivalität zwischen dem bisherigen Stammkeeper Maikel Aerts und dem Neuen Kraft wurde bereits am ersten Trainingstag von den Zuschauern wahrgenommen. So gab es den ersten Szenenapplaus für Kraft, als er weit vor seinem Tor energisch die Lufthoheit gegen drei Stürmer behauptete und eine Flanke sicher abfing. Andererseits ging ein Raunen durch die Menge, als Kraft das Gegentor zum 1:1-Endstand kassierte. Der junge Torwart schien einen Ebert-Schuss bereits zu haben, ehe er ihm durch die Hände rutschte wie es ihm bei der Niederlage des FC Bayern in Hannover passiert war.

Auf der anderen Seite gab es auch Beifall für Aerts. Der Niederländer stand in der mutmaßlichen A-Elf und parierte einen Gewaltschuss von Ronny. Aerts sagte später, er habe Kraft in Empfang genommen und ihm viel Erfolg mit Hertha BSC gewünscht. Der Neue hat das ähnlich empfunden. „Maikel hat mich nett begrüßt. Ich denke, dass wir ein kollegiales Verhältnis haben werden.“ Der Aufstiegstorwart machte indessen deutlich, dass er seinen Posten nicht freiwillig räumen werde. Auf die Frage, ob er damit rechne, als Nr. 2 auf der Bank zu landen, runzelte Aerts die Stirn: „Wenn ich mich umdrehe, sehe ich auf meinem Rücken die Nr. 1. Thomas macht seinen Job, ich meinen. Und dann schauen wir, was dabei herauskommt.“