Bundesliga-Aufstieger

Hertha war nicht Lasoggas Favorit für Karrierestart

Shootingstar Pierre-Michel Lasogga spricht im Interview mit Morgenpost Online über seinen Höhenflug bei Hertha, die Lust am Toreschießen und die Gründe für die Verlängerung seines Vertrages bis 2015.

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Als „Königstransfer“ Rob Friend schwächelte, zog Pierre-Michel Lasogga vorbei – und ließ dem gestandenen Profi fortan keine Chance mehr. Mit 13 Toren in seinem ersten Jahr als Profi schoss der 19-Jährige Hertha BSC zurück in die Bundesliga. Bescheiden und bodenständig will er bleiben, trotzdem träumt er die Träume eines jeden Fußballers. Morgenpost-Redakteur Daniel Stolpe traf Lasogga zum ausführlichen Gespräch.

Morgenpost Online: Herr Lasogga, von Ihrem Mitspieler Peter Niemeyer durften wir über Sie erfahren, dass Sie mitunter schlafwandeln und in diesem Zustand Kopfbälle simulieren. Typischer Fall von Torhunger, oder was?

Pierre-Michel Lasogga: Es liegt ja in der Natur der Sache, dass man sich am anderen Tag an solche Momente nicht mehr erinnern kann – aber es wird schon stimmen, was mein Zimmerpartner erzählt (lacht). Die Sache muss sich in Portimao im Wintertrainingslager zugetragen haben; scheint so, als wäre das Training dort so intensiv gewesen, dass ich es sogar mit in den Schlaf genommen habe.

Morgenpost Online: Traumwandlerisch sicher agierten Sie in dieser Saison auch vor dem Tor des Gegners.

Pierre-Michel Lasogga: Dreizehn Tore in meinem ersten Jahr als Profi sind sicher eine super Quote für mich, und es freut mich, wenn ich damit meinen Teil zum Erreichen des großen Zieles habe leisten können. Wir wollten in die Bundesliga, das haben wir geschafft. Aber wir mussten dafür auch hart arbeiten.

Morgenpost Online: Wie empfinden Sie das öffentliche Interesse, das Ihren Sprung ins Rampenlicht begleitete?

Pierre-Michel Lasogga: Ich musste mich sicher erst daran gewöhnen, Interviews geben zu dürfen. Klar, das gehört dazu, und es macht mir auch Spaß. Aber ich weiß, dass man es damit nicht übertreiben sollte. Wichtig ist, bodenständig zu bleiben und sich nicht dem trügerischen Gedanken hinzugeben: Jetzt habe ich es geschafft, jetzt bin ich wer. Das versuche ich zu vermeiden.

Morgenpost Online: Deutschlands Pop-Shootingstar Lena sagt, dass sie ja furchtbar gerne mal für eine Stunde ins Café geht. Nur dass sie dann 60 Minuten Autogramme geben muss, nervt sie. Ist es bei Ihnen auch so schlimm?

Pierre-Michel Lasogga: Nein, gar nicht. Es kommen schon Leute auf mich zu. Aber momentan ist das noch ein ausschließlich schönes Gefühl.

Morgenpost Online: Ehe Sie zum Ziel von Autogrammjägern wurden, war Ihr Start bei Hertha holprig. Trainer Babbel lässt keine Gelegenheit aus, dass Sie anfangs ja „Lasagne“ genannt wurden. Plagten Sie, der ja aus der A-Jugend zum Profi wurde, da Selbstzweifel?

Pierre-Michel Lasogga: Zu keiner Sekunde! Es war ja auch nie ganz so krass, wie es dargestellt wurde. Ich wusste, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht der körperlich Fitteste war. Aber ich wusste auch, was ich schaffen kann, wenn ich hart arbeite. Ich habe jeden Tag, in jeder Verfassung das komplette Programm durchgezogen. Das spricht, finde ich, für meine Einstellung. Deshalb will ich die auch immer behalten. Denn ich habe jetzt den ersten Schritt gemacht, nun soll der nächste folgen.

Morgenpost Online: Sprich, sich auch in der Bundesliga als Stammspieler zu etablieren? Ein hohes Ziel für einen 19-Jährigen.

Pierre-Michel Lasogga: Ich wusste, welche Herausforderung Berlin ist. Ich hätte andere, leichtere Wege gehen können, aber habe mir bewusst diesen schweren Weg, diese Herausforderung ausgesucht. Ich weiß, wenn man an sich glaubt, kann man alles schaffen.

Morgenpost Online: Leverkusen, für deren A-Jugend Sie in 25 Spielen 25 Tore schossen, traute Ihnen die Entwicklung anscheinend nicht zu, ließ Sie ablösefrei ziehen. Frustrierte Sie das?

Pierre-Michel Lasogga: Nein. Ich hatte ein schönes Jahr in Leverkusen, wir sind absolut im Positiven auseinander gegangen. Die Situation ist nur so, dass sie wirklich sehr gute Stürmer haben, die Chance für junge Spieler, dort zu spielen, also nicht sehr groß ist. In Berlin sah ich deutlich bessere Möglichkeiten. Im Nachhinein hat sich diese Einschätzung als absolut richtig erwiesen.

Morgenpost Online: Deshalb haben Sie Ihren bis 2013 gültigen Vertrag auch frühzeitig um weitere zwei Jahre bis 2015 verlängert?

Pierre-Michel Lasogga: Entscheidend ist für mich die sportliche Perspektive. Hertha hat mich mit offenen Armen empfangen, und ich möchte mich für die erhaltene Chance bedanken.

Morgenpost Online: Sie mussten erst Rob Friend verdrängen, der Hertha immerhin zwei Millionen Euro Ablöse wert war.

Pierre-Michel Lasogga: Klar, die Ausgangslage war so: Er ist gesetzt, ich bin die Alternative zu ihm. Das haben Markus Babbel und Michael Preetz mir in den Gesprächen auch ganz klar so dargestellt. Aber sie sagten auch: Wer Leistung zeigt, wird dafür belohnt werden.

Morgenpost Online: Das sagen Trainer und Manager oft, wenn sie um ein Talent werben.

Pierre-Michel Lasogga: Ja, vielleicht. Aber ich hatte von Anfang an Vertrauen, dass sie wirklich auf mich setzen und mit mir arbeiten wollen. Deshalb hat es auch Spaß gemacht, in manchen Trainingseinheiten über meine Grenzen hinauszugehen. Und ein schönes Gefühl war es, dann auch die Früchte zu ernten.

Morgenpost Online: Wie hat Babbel Sie an die Stammelf herangeführt?

Pierre-Michel Lasogga: Je näher es zum Saisonstart kam, sagten die Trainer zu mir: Mach uns das Leben so schwer wie möglich, wer am Wochenende spielen soll. Tja, und irgendwann habe ich ihnen das Leben wohl so schwer gemacht, dass sie mich aufgestellt haben (lacht).

Morgenpost Online: Herr Lasogga, ist es für einen Stürmer im Teenageralter aufregend, mit Torjäger-Legenden wie Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler oder Michael Preetz über die eigene Karriere zu sinnieren? Oder ist im Profigeschäft kein Platz für solche romantischen Gedanken?

Pierre-Michel Lasogga: Es ist schon außergewöhnlich, dass man diese Fußballgrößen kennen lernen und sich mit ihnen über die eigene Zukunft unterhalten darf. Ich würde sagen, es ist ein weiterer schöner Nebenaspekt des Berufes als Fußballer.

Morgenpost Online: Sie waren aber schon früh an Stars gewöhnt.

Pierre-Michel Lasogga: Es ist ja bekannt, dass ich als kleiner Junge viel Zeit bei dem Klub verbracht habe, dessen Namen Hertha-Fans nicht ganz so gern in den Mund nehmen. Ich fand als Kind Jörg Böhme cool, der war ein verrückter Spielertyp, der außergewöhnliche Sachen gemacht hat. Tore aus Situationen, wo ich gedacht haben: Wie ging das denn? Ich fand seine Spielweise genial, weil er nicht der überragende Spieler war, doch immer geackert, immer gekämpft hat.

Morgenpost Online: Wann traten die Fußballer Preetz und Babbel in Ihr Leben?

Pierre-Michel Lasogga: Ich verfolge die Bundesliga schon mein ganzes Leben lang. Klar kannte ich auch ihre Namen, Babbel von den Bayern und Preetz als Gesicht von Hertha. Aber ich hätte mir damals nie, nie träumen lassen, dass ich beide acht, neun, zehn Jahre später täglich erleben sollte.

Morgenpost Online: Was für ein Klub war Hertha BSC für Sie?

Pierre-Michel Lasogga: Ehrlich gesagt, nicht mein Favorit. Aber das ist normal, denke ich. Im Ruhrgebiet zählen andere Vereine. Auf Berlin habe ich geschaut, weil es die Hauptstadt ist. Aber nicht extrem wahrgenommen.

Morgenpost Online: Jetzt wohnen Sie hier seit einem Jahr, zuvor lebten Sie in Leverkusen, Wolfsburg und spielten für einige Klubs im Ruhrgebiet. Was ist für Sie Heimat?

Pierre-Michel Lasogga: Gladbeck, wo ich herkomme, wird immer mein Heimathafen bleiben. Aber ich fühle mich auch in Berlin heimisch, genauso war es überall anders. Als Fußballer musst du es akzeptieren, umherziehen zu müssen. In der Jugend für viele verschiedene Klubs gespielt zu haben, kommt nicht immer gut an. Aber für mich war es ausschließlich positiv. Ich habe überall Schritte gemacht, mich verbessert – so dass ich heute bei Hertha bin.

Morgenpost Online: Sie bezeichnen Ihre Mutter als den für Sie wichtigsten Menschen, nennen Sie sogar „meine beste Freundin“. Worauf beruht diese zärtliche Einschätzung?

Pierre-Michel Lasogga: Sie ist deshalb meine beste Freundin, weil sie immer für mich da ist und weil sie immer versucht hat, mir alles im Leben zu ermöglichen. Und weil ihre Tipps und ihre Entscheidungen, was für mich gut oder das Beste ist, fast immer zu 100 Prozent richtig sind. Kaum zu glauben, ich weiß, aber ich bin dankbar, dass sie dieses Gespür für mich hat. Deswegen ist sie das Wichtigste für mich im Leben.

Morgenpost Online: Neuerdings ziert sogar ein Portrait von ihr als Tätowierung Ihren Unterarm. War die Bindung zwischen Ihnen schon immer so stark, oder ist das erst seit einigen Jahren so der Fall?

Pierre-Michel Lasogga: Das war immer schon so, von klein auf. Wichtig wird wohl gewesen sein, dass ich in meiner Pubertätsphase gar nicht richtig zu Hause war, sondern in Wolfsburg. Viele pubertierende Kinder werden bockig, ich hatte gar nicht Gelegenheit dazu. Heute macht sie alles für mich, auch wenn sie eigentlich gerade gar keine Zeit hat. Ich versuche, das durch Tore und Arbeit auf dem Platz zurückzugeben.

Morgenpost Online: Mutterliebe als Motivation?

Pierre-Michel Lasogga: Ja, warum nicht? Es lohnt sich, dafür zu kämpfen, dass meine Mutter stolz auf mich sein kann.

Morgenpost Online: Wäre es ein Rückschlag für Sie, wenn Sie kommende Saison in der Bundesliga vielleicht erst mal kein Stammspieler sind?

Pierre-Michel Lasogga: Darüber mache ich mir jetzt noch gar keine Gedanken! Es bringt nichts, sich im Kopf verrückt zu machen. Da wird man nur schwächer und schlechter.

Morgenpost Online: In der nun vergangenen Saison hatten Sie wenig Grund, sich verrückt zu machen.

Pierre-Michel Lasogga: Ich will an meiner Einstellung auch nichts ändern, wenn es mal nicht laufen sollte. Ein Trainer hat mal zu mir gesagt: Spiele so, als ob du mit elf Freunden auf dem Bolzplatz stehst. Er hat Recht, im Großen und Ganzen ist es wirklich nicht viel anders als damals. Fußball ist Spaß, und Zuschauer zu haben, ist ein geiles Gefühl. Es gibt doch nichts Schöneres, als wie am vergangenen Wochenende vor 77.000 Fans in einem übervollen Stadion zu spielen. Tore zu schießen oder für andere aufzulegen, der Mannschaft zu helfen – und nachher in die Kurve zu gehen und zu feiern. Wenn ich vor 77.000 Zuschauern Fußball spielen kann oder vor 2000 – dann werde ich immer wissen, was mir mehr Spaß macht.

Morgenpost Online: Wenn es nach Ihrem Stiefvater Oliver Reck geht, werden Sie noch häufig vor großer Kulisse spielen. Wenn Sie gesund und bescheiden bleiben, urteilt er, werde Ihr Weg in die Champions League führen.

Pierre-Michel Lasogga: Man weiß nie, wo eine Karriere hingeht. Ich kenne mein Potenzial, aber ich muss hart arbeiten, um meine Ziele zu erreichen. Auch nächste Saison werde ich Lasogga sein, sprich: Dieselbe Einstellung haben, dieselbe Mentalität mitbringen, genauso viel arbeiten, jede Trainingseinheit und jedes Spiel nutzen, um vorwärts zu kommen. Dann wird man sehen, wohin mein Weg führt. Wenn er so weit führt, umso schöner, umso geiler. Das Ziel von jedem Einzelnen, auch von mir persönlich ist es, mal ein ganz Großer zu werden.

Morgenpost Online: Die Zeiten dafür sind günstig. Deutsche Fußballer stehen international gerade hoch im Kurs.

Pierre-Michel Lasogga: Ja, das stimmt.

Morgenpost Online: Auch der Weg von der U21, in der Sie spielen, zu Bundestrainer Joachim Löw ist bei entsprechenden Leistungen kurz.

Pierre-Michel Lasogga: Im August beginnt die EM-Qualifikation, da will ich Gas geben. Bundesliga und U21 sind schöne Aufgaben, auf die ich mich konzentriere. Nationalmannschaft – damit beschäftige ich mich nur am Rande.

Morgenpost Online: Aber wenn man an sich glaubt…

Pierre-Michel Lasogga: …kann man alles schaffen. Ich sehe, Sie haben mir gut zugehört.

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