Zweite Liga

Pal Dardai verabschiedet sich als Hertha-Profi

Seit Januar 1997 ist Pal Dardai im Verein und damit der dienstälteste Herthaner. Jetzt absolvierte der 34-Jährige sein letztes Training als Profi. Der Rekordspieler übernimmt andere Aufgaben.

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Sein letzter Trainingstag war ein knackig kalter Wintertag. Minus 12 Grad zeigte das Thermometer, doch Pal Dardai (34) hängte sich ein letztes Mal voll rein. Hertha-Trainer Markus Babbel ließ Kondition bolzen – Intervallläufe von der anstrengenden Sorte. Dardai hatte mit Peter Niemeyer, Fabian Lustenberger und Lennart Hartmann eine schnelle Gruppe erwischt. Der Ungar biss auf die Zähne und hielt bei jedem Spurt Anschluss an die Vorderleute. Es war seine letzte Übungseinheit als Profi.

Vor dem Training hatte Babbel den dienstältesten Herthaner, der seit Januar 1997 im Klub ist, beiseite genommen. Der Coach teilte Dardai mit, dass er zu jenen drei Spielern gehört, die am Sonntag nicht mit ins Trainingslager nach Portugal reisen werden. Außerdem bleiben Lennart Hartmann und Sascha Bigalke in Berlin. Der Abschied von Dardai ist ein endgültiger. „Pal soll stärker in den Verein eingebunden werden, das ist jetzt der richtige Zeitpunkt“, sagte Babbel. Dardai wird zu den U23-Amateuren wechseln. „Die U23 ist defensiv anfällig, Pal soll helfen. Außerdem ist es eine tolle Erfahrung für die Jungen, neben Zecke Neuendorf einen zweiten so erfahrenen Spieler zu haben“, sagte Babbel. Daneben wird sich Dardai seiner Trainerausbildung widmen.

1997 begann die Dienstzeit in Berlin

Es war der leise Abschied eines leisen, aber wichtigen Profis von Hertha BSC. Dardai wunderte sich über Fragen, ob es Zoff mit dem Trainer gegeben habe. „Es war alles seit Monaten abgesprochen. Irgendwann kommt mal der Tag, wo Schluss ist. Und dieser Tag ist halt heute.“

Ob Michael Preetz, Marcelinho, Alex Alves oder Marco Pantelic – es gab immer auffälligere, beliebtere Spieler als den zurückhaltenden Ungarn. Dardai war die Lebensversicherung für all' die Künstler, ohne die keine Mannschaft funktionieren kann. Bei seiner Ankunft hatte der damalige Manager Dieter Hoeneß Dardai als das größte Talent des ungarischen Fußballs gepriesen. Doch der Neue benötigte etwas Zeit. Es dauerte 18 Monate, dann geschah folgendes: Im Sommer 1998, im Trainingslager im Montafon, wälzte sich Hendrik Herzog am Boden, hielt sich das Schienbein und fluchte: „Mach das noch einmal.“ Am Rande drehte sich Trainer Jürgen Röber zum Manager um: „Endlich wehrt er sich, Pal hat verstanden.“

Im rauen Profigeschäft muss man auch die Ellenbogen ausfahren, diese Lektion beherzigte Dardai fortan. Und erzählt, dass für einen Spieler Vertrauen wichtig ist. Sieben Trainer hat er bei Hertha erlebt. Er schwärmt von Lucien Favre: „Ein exzellenter Mann. Der hat aus einem limitierten Kader das Maximum herausgeholt.“ Über Falko Götz, der ihn als Auslaufmodell abservieren wollte, verliert Dardai kein Wort. Dafür umso mehr über Jürgen Röber. „Das war eine besondere Beziehung, er war wie ein Ziehvater zu mir.“ Röber setzte auf den nimmermüden, willenstarken Dauerläufer, den er vom offensiven zum defensiven Mittelfeldspieler umgeschult hatte. Befragt nach einem Höhepunkt, antwortet Dardai: „Das Mittelfeld mit Tretschok, Wosz, Deisler und Hartmann – das war das beste Mittelfeld, das Hertha je hatte. Da zu spielen, hat wirklich Spaß gemacht.“ Und erfolgreich war die Formation auch. 1999 spielte sich Hertha im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg mit eben dieser Offensive sensationell auf Platz drei und damit in die Champions League.

Und siehe da, Dardai war kein bisschen bange. Ob überraschende Punktgewinne wie dem 2:2 bei Galatasaray Istanbul oder dem 1:1 beim AC Mailand oder die sensationellen Siege gegen den FC Chelsea (2:1) und AC Mailand – Dardai war stets dabei.

Seine Leistungen waren derart wichtig für die Mannschaft, dass der FC Bayern dem ungarischen Nationalspieler gar einen Vertrag vorlegte. Das bekam Jürgen Röber mit, alarmierte Manager Hoeneß. Dardai entschied sich am Ende gegen das Wagnis beim Rekordmeister und für einen millionenschweren Vertrag in Berlin.

Hertha wurde 2001 und 2002 Ligapokal-Sieger und qualifizierte sich Jahr für Jahr für das internationale Geschäft. Die Trainer kamen und gingen – Huub Stevens, Götz, Hans Meyer – Dardai blieb.

Er war sich immer bewusst, dass ein ausländischer Profi besser sein muss als ein heimischer Spieler. Dardai war ein Teamplayer. Von Marcelinho schwärmt er, sagt aber auch: „Man, was musste ich für den laufen, um ihm den Rücken freizuhalten.“ Im Gegensatz zu manchem Kollegen, der schlechte Stimmung verbreitete, sobald er nicht mehr spielte, hängte sich Dardai stets rein. Auch die Generation der „Wunderkinder“ mit den Boateng-Brüdern, Dejagah und Ebert förderte und forderte er. „Der einzelne ist nichts, die Mannschaft ist alles“, war sein Credo.

Den Respekt bei den Fans erarbeitete sich Dardai mit Kontinuität. Seine 286 Bundesliga-Einsätze sind ebenso Vereinsrekord wie die 44 Europacup-Spiele. In der „Ewigen Einsatzliste“ von Hertha hat sich der treue Pal mit 296 Spielen auf Rang drei vorgearbeitet; hinter Holger Brück (301) und Michael Sziedat (298). Bei allem Einsatz, Dardai war ein fairer Sportler. In seiner ganzen Karriere hat er keine Rote Karte kassiert. Einmal, am 14. April 2001, musste er mit einer Ampelkarte vom Platz (bei einem 1:0 gegen Dortmund).

Abschiedsspiel zum Saisonende

Doch das knallharte Geschäft hinterließ auch beim zweifachen Familienvater seine Spuren. Seit drei Jahren plagen Dardai wiederkehrend Probleme am rechten Sprunggelenk. Die letzte Dynamik und Spritzigkeit, die ein defensiver Mittelfeldspieler braucht, wollten sich nicht mehr einstellen. Seit Oktober 2009 hat Dardai kein Spiel mehr über 90 Minuten bestritten. Trainer Babbel hat das Hertha-Urgestein trotz des Abstieges in der Zweiten Liga in der Hinrunde nicht eine Minute eingesetzt. Der Verein ist mit Niemeyer, Lustenberger, Perdedaj, Marvin Knoll und Alfredo Morales gut aufgestellt. Insofern ist Dardais Schritt zurück ins zweite Glied folgerichtig.

Ein Schritt, der die Perspektiven verändert. Die Profis werden sich in Portugal auf den Rückrunden-Start am 18. Januar in Oberhausen vorbereiten. „Ich bin für den 4. Januar bei den Amateuren einbestellt“, sagt Dardai. Vom 11. bis 13. Januar 2011 wird er in Budapest die Prüfungen für den B-Schein als Trainer ablegen. Von Markus Babbel hat Dardai den Auftrag bekommen, sich fit zu halten. „Pal hat so viele Verdienste erworben, er hat sich ein letztes Spiel verdient. Mit großem Bahnhof und allem, was dazu gehört.“ Gemeint ist der 15. Mai. Am letzten Spieltag will Hertha mit 74.000 Zuschauer im Olympiastadion gegen Augsburg feiern: den Bundesliga-Aufstieg und den Abschied von Pal Dardai.