Markus Babbel

"Die Hertha-Fans wollen uns marschieren sehen"

Erfolgstrainer Markus Babbel spricht mit Morgenpost Online über seine Entwicklung in Berlin, den Teamgeist im Fall Maikel Aerts, die Derby-Pleite und darüber, warum er keinen langfristigen Vertrag braucht.

"Gemeinsam in die Bundesliga“, so heißt die Morgenpost-Online-Serie über die erfolgreiche Rückkehr von Hertha BSC ins Oberhaus. Zum Start spricht Erfolgstrainer Markus Babbel (38) über seine Entwicklung in Berlin, den Teamgeist im Fall Maikel Aerts, die Derby-Pleite und darüber, warum er keinen langfristigen Vertrag braucht. Markus Babbel über...

Mallorca-Trip der Mannschaft: „Präsident Werner Gegenbauer hat im Winter gefragt, ob die Jungs sich über so einen Ausflug nach Saisonende freuen würden – im Aufstiegsfall. Ich finde das eine sehr schöne Geste. Die Mannschaft hat sich das verdient. Aber nicht nur sie, auch Physios, Zeugwarte und der Busfahrer haben ihren Teil zum Erfolg beigetragen.“

Teambuilding: „Es ist nicht einfach, 25 oder 27 individuelle Charaktere und viele Nationalitäten unter einen Hut zu bekommen. Deshalb halte ich nichts von so genannten teambildenden Maßnahmen. Das ist für mich aufgesetzt. Ein Trainer kann nur wahnsinnig schwer einzufordern: Hey, das ist wichtig, sonst haben wir ein Problem. Wichtig ist, dass eine Mannschaft das täglich lebt. Es muss jeder einzelne Spieler bereit sein, fünf, zehn Prozent von sich zurück zu nehmen. Das hat die Mannschaft in diesem Jahr gemacht.“

Seine Art der Mannschaftsführung: „Als ich in meinem zweiten Halbjahr beim VfB Stuttgart parallel zu meiner Arbeit die Ausbildung zum Fußballlehrer gemacht habe, habe ich zwar viele Sachen erkannt und angesprochen, aber nicht auch gehandelt. In der Phase war ich nicht mehr konsequent. Daraus habe ich gelernt, dass ich als Cheftrainer keine Rücksicht nehmen darf. Es steht allein der Erfolg im Vordergrund. Wenn ich Strömungen erkenne, die den Erfolg gefährden, muss ich sofort handeln. Das habe ich damals nicht getan, daran bin ich letztlich gescheitert. Daraus habe ich gelernt: Wenn ich schon scheitere, will ich so scheitern, wie ich es für richtig gehalten habe.“

Lehren aus dieser Saison: „Die Saison hat an vielen Beispielen gezeigt, wie unerlässlich absolute körperliche Fitness ist. Sie hat darüber hinaus gezeigt, dass die Spieler zu einer verschworenen Einheit werden müssen. Diese Faktoren waren ausschlaggebend für den Erfolg von Dortmund, aber auch von Hannover, Mainz, Nürnberg, Freiburg – und Hertha. Diese Mannschaften präsentierten sich als Einheit, ließen sich von Rückschlägen nicht beirren. Bei anderen gab es Querelen, schlussendlich litt darunter die Leistung.

Die Entwicklung des Kaders: „Wir wollen – und müssen – die Mannschaft nach unseren Möglichkeiten verstärken, wenn auch nur in der Breite. Ich meine das nicht abfällig. Wichtig ist, dass jede Position hinter der ersten Elf gleichwertig besetzt ist. St. Pauli zum Beispiel ist daran gescheitert, dass die Qualität hinter der ersten Elf nicht ausreichend war. Ich persönlich bleibe ein Freund der Rotation. Aber der Deutsche ist es nicht gewohnt zu rotieren. Er hat den Anspruch: Ich muss jedes Spiel machen. Und tut sich schwer, wenn er auf der Bank sitzt oder mal nicht im Kader ist. Einfach ist es für einen Trainer nur, wenn man bei einem Topklub arbeitet und wirklich 22 oder 24 Topstars hat. Dann ist es selbstverständlich, dass mal der und mal der spielt. Wenn du dich dem entziehst, kommt halt der Nächste.“

Die Solidarität mit Maikel Aerts: „Das war für mich ein weiterer Beleg dafür, dass dieses Team „ein Team“ ist. Das war mir aber schon klar, als wir gegen Ende der Hinrunde dreimal verloren haben und der mediale Druck auf uns zunahm. Da haben die Spieler unglaublich geschlossen auf die auch berechtigte Kritik reagiert. Sie haben sich alle einen Maulkorb verpasst und gesagt, dass sie wieder Leistung auf dem Platz bringen müssen. Da war mir klar, dass es in die richtige Richtung geht.“

Das verlorene Derby: „Jeder war danach frustriert, speziell die Spieler aus Berlin, die die Emotionen bei den Fans am besten nachvollziehen konnten. Aber auch die Fremden waren unglaublich enttäuscht von sich selbst, von dem Ergebnis – weil auch sie sich alle mit diesem Verein und seinen Fans identifizieren. Wir haben da Bockmist gebaut, weil wir gegen eine brutal schlechte Mannschaft verloren haben. Die waren ja noch schlechter als wir. Schießen zweimal aufs Tor und gewinnen so das Spiel – das hat mich wahnsinnig gemacht. Dann war es wichtig, nicht in blinden Aktionismus zu verfallen. Sondern zu sagen: Wir kriegen jetzt eins auf den Deckel, die Suppe müssen wir auslöffeln. Trotzdem ist das jetzt vorbei. Das haben wir in einer Weise geschafft, die die Fans wieder versöhnlich gestimmt hat.“

Seine wichtigste Halbzeitansprache: „Es war in Karlsruhe nicht die Ansprache aller Ansprachen. Ich bin eher ruhig und sachlich geblieben. Aber wir lagen im Spiel eins nach dem Derby wieder 0:1 hinten. Es hat mich geärgert, dass wir wieder so eine schlechte Leistung abliefern. Und wie schon gegen Union: Nicht gegen einen guten, sondern wirklich schwachen Gegner. Aber wir waren noch schwächer. Da habe ich gesagt: Männer, bei aller Liebe, wir sind zu gut für den Schrott, den wir hier abliefern. Wir haben so viel Potenzial auf dem Platz, jetzt schüttelt mal alle Fesseln ab, spielt einfach Fußball – und zwar miteinander. Die können nix, und wir spielen noch schlechter. Dass es so funktioniert, war natürlich wunderbar. Die Jungs haben gezeigt, was sie können.“

Den Mentalitätswandel: „Wir haben immer gesagt: Das wird sich nicht von heute auf morgen ändern, und so gab es auch Rückschläge. Aber schlussendlich hat sich eine Mannschaft gefunden, die im Grunde 34 Pokalspiele abgeliefert hat. Gegen uns ist jeder Gegner über sich hinausgewachsen, trotzdem hat die Mannschaft alles erfüllt, was ich gefordert habe: Sie ist aufgestiegen und dann auch Meister geworden. Wenn ich überlege, wie mental stark die Mannschaft nach den drei Niederlagen zuvor gegen Aue aufgetreten ist, ein Klassespiel abgeliefert und hochverdient 2:0 gewonnen hat. Die Mentalität bei Hertha ist also absolut besser geworden. Aber man muss das trotzdem immer weiter vorleben, darf nie mit dem Minimalziel zufrieden sein. Wenn ich das Maximale erreichen kann, muss ich das zumindest auch anstreben. Bis auf Christian Lell, der vom FC Bayern kam, hatte dieses extreme Denken bei Hertha so ja noch kein Spieler verinnerlicht.“

Das Bayern-Gen: „Jetzt kommen Jungs, die sind gut ausgebildet, die haben dieses extreme Denken kennen gelernt und gelernt, mit dem Druck umzugehen und zu bestehen. Plötzlich wollen Hertha 70.000 Zuschauer siegen sehen. Also müssen wir es hinbekommen, dass die Erwartungen der Zuschauer kein Ballast sind. Dass sie nicht für eine Blockade sorgen, wie noch häufig in dieser Saison, sondern für pure Freude. Mir ging es jedenfalls so: Mir hat es Spaß gemacht, vor so vielen Leuten zu spielen. Die wollen dir doch nix Böses, im Gegenteil, die sind hinter uns, die sind wegen uns da, feuern uns an. Aber sie wollen auch sehen, dass wir für sie marschieren.“

„mia san mia“ auch in Berlin: „Eins zu eins ist das aus München nicht übernehmbar. Da muss sich eine andere Form von mia san mia bilden. Schon, weil der Charakter von Berlin ein ganz anderer ist als der von München. Dort ist dieses typische Selbstbewusstsein über Jahrzehnte gewachsen, deswegen wird das auch hier dauern. Wir arbeiten daran jetzt gerade ein Jahr. Das dauert. Aber wenn wir mit unseren Möglichkeiten und Mitteln versuchen, das Maximum aus uns herauszuholen, wird mit Sicherheit niemand etwas Negatives über uns sagen.“

Seinen Vertrag: „Mein Vertrag hat sich durch den Aufstieg um ein Jahr verlängert. Das ist ausreichend, finde ich. Ich kann auch für fünf Jahre unterschreiben – wenn ich dann sechs, siebenmal hintereinander verliere, treten trotzdem die ganz normalen Mechanismen in Kraft. Ich bin nicht abhängig von einer Vertragslänge. Ich muss Freude haben, mit den Jungs trainieren zu können; ich muss ein gutes Gefühl im Verein haben. Das ist im Moment alles gegeben. Trotzdem besteht keine Eile, jetzt schnell irgendwas über die Bühne zu bringen.“

Die Übersiedelung seiner Familie nach Berlin: „Wir reden gerade über das Thema. Es gibt viele Aspekte, die dafür oder dagegen sprechen. Ich hoffe, dass die Familie zu mir nach Berlin kommt. Aber wir haben eine schulpflichtige Tochter. Ob man sie wieder raus reißt – im Wissen, dass nach drei Monaten wieder Schluss sein kann? Das klären wir im Urlaub.“

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