Hertha BSC

Präsident Gegenbauer würdigt Vorgänger Holst

Er stand immer hinter ihm: Mit einem offenen Brief hatte Alt-Hertha-Präsident Wolfgang Holst damals die Fans aufgerufen, seinem Nachfolger Gegenbauer den Rücken zu stärken. Dieser erinnert sich gern an ihn.

Foto: M. Lengemann

Als geübter Frühaufsteher macht Werner Gegenbauer vor Sonntagen nicht Halt. Auch am siebten Tag der Woche besucht der Präsident von Hertha BSC häufig schon morgens um sieben den Kiosk seines Vertrauens, um sich mit aktuellen Zeitungen einzudecken. Auf eine andere ihm lieb gewordene Gewohnheit muss Gegenbauer fortan verzichten. Sein Telefon wird so früh am Sonntagmorgen nicht mehr klingeln; jedenfalls nicht, weil Wolfgang Holst ihn anruft, der am 10..Dezember verstorbene Träger des Ehrenschild von Hertha BSC, zu dessen Gedenken der Klub heute ab 13 Uhr im Palais am Funkturm eine Trauerfeier abhält.

Holsts Anrufe bei Gegenbauer dienten meist nur einem Zweck: Hatte Hertha tags zuvor gespielt und mal wieder verloren, dann gemahnte der ehemalige den aktuellen Präsidenten des Klubs, jetzt bloß Ruhe zu bewahren. „Wenn ich dann antwortete, dass ich natürlich ganz ruhig bin, dann entspannte auch Holst sich, und wir wünschten uns gegenseitig noch einen schönen Sonntag“, sagt Gegenbauer jetzt. Er lächelt beim Vortrag solcher Anekdoten. In gewisser Weise erinnern sie Gegenbauer daran, dass er es auch Holst und seinem Denken und Wirken zu verdanken hat, dass er heute noch Präsident des im Mai aus der Bundesliga abgestiegenen Klubs sein kann.

Ruhe bewahren und Geschlossenheit zeigen – das war es, worauf es Holst in Krisenzeiten immer ankam. Diese Wagenburgmentalität wollte er – bei aller Kritikfähigkeit nach innen – in den Gremien des Klubs verankert sehen, im oft allzu geschwätzigen Präsidium und auch dem Aufsichtsrat. „Er wusste, dass nach außen getragene Konflikte das Leben in sportlich schwierigen Zeiten nur noch schwerer machten“, sagt Gegenbauer. „Ihn hat ausgezeichnet, dass er immer dann am festesten im Fundament stand, wenn es richtig schwierig war.“ So wie im Mai, als Holst den Kampagnen gegen die aktuelle Führung eine Ende bereitete. „Ohne ihn wäre das nicht so einfach erreicht worden“, sagt Gegenbauer anerkennend. „Er war eine von allen gehörte Stimme.“

Holst setze sich gezielt für Gegenbauer ein

Um zu verstehen, weshalb Holst so sehr für Gegenbauer kämpfte, muss man das gesamte Denken von „Mr. Hertha“ nachvollziehen können. Er unterschied die Menschen in zwei Kategorien: Jene, die wie er blau-weiß lebten und dachten. Und jene, die es nicht oder nicht mehr taten. Wer einmal aus seiner Kategorie eins gerutscht war, für den gab es auch kein Zurück. So sagt Gegenbauer: „Eine Abwahl durch die Mitglieder hätte Holst akzeptiert. Aber einen Rückzug nach dem Abstieg hätte er mir nicht verziehen. Das hätte er mir als Fahnenflucht ausgelegt.“

Einer, den Holst auf diese Weise verstoßen hat, ist Dieter Hoeneß. Lange akzeptierte er den früheren Manager als einen Blau-Weißen. Doch als er zu spüren begann, dass Hoeneß mehr an sein eigenes Erscheinungsbild dachte als an jenes von Hertha BSC, da wurde aus Zuneigung von einem Tag auf den anderen Ablehnung. Gegenbauer sind solche Eitelkeiten fern. Und so konnte sein Verhältnis zu Holst bis zu dessen Tod „von Sympathie und Freundschaft geprägt“ bleiben, erzählt der Hinterbliebene. Persönlich kennen gelernt hatten beide sich im Jahr 2000, als Holst den Gremien-Neuling Gegenbauer genauer und die Lupe nehmen wollte. Von dem Treffen bei „Holst am Zoo“ erinnert Gegenbauer bis heute, „dass ich, etwas zu viel Framboise geschuldet, die U-Bahn zurück ins Büro nehmen musste“. Dem ersten Treffen sollten viele weitere folgen, alle vier bis acht Wochen verabredeten sich Holst und Gegenbauer zum Frühstück. Immer wieder kreisten ihre Gespräche um ein und dasselbe Thema: Hertha BSC.

„Es machte ihm Spaß, auch im hohen Alter noch Aufgaben zu haben, gefragt zu werden und Respekt und teilweise auch freundschaftliche Gefühle entgegengebracht zu bekommen“, sagt Gegenbauer. Ihm imponierte vor allem eines: „Wie blitzartig er klar und strategisch klug denken konnte.“ Unter diesem Eindruck korrigierte sich alsbald auch die oberflächliche Meinung von einst, Holst habe Hertha zur Zeit des Bundesliga-Skandals vorsätzlich Schaden zugefügt. „Wie präzise er tatsächlich geplant hat, Hertha und die Spieler so lange vor Sanktionen zu schützen, bis der Abstieg verhindert war, war mir in dieser Deutlichkeit lange nicht klar.“

Hertha, den Verein vor Schaden bewahren: Auch nach seinen Amtszeiten als Manager und später auch Präsident (1979-1985) achtete Holst stets darauf, dass, so Gegenbauer, „alle, die bei Hertha in Amt und Würden sind, die richtige Einstellung und damit auch ein Gewissen haben“. Jetzt schweigt dieses Gewissen. Die Lücke, die Holsts Tod bei Hertha hinterlassen hat, „wird nur zu füllen sein, indem wir die Last auf jene verteilen, die seine blau-weiße Gesinnung und Hartnäckigkeit weiterleben lassen“, glaubt Gegenbauer.